Hintergrund
Das Post-Covid-19-Syndrom (PCS) ist eine Erkrankung, die mit anhaltenden Symptomen wie Erschöpfung (Fatigue), Atemproblemen und kognitiven Beeinträchtigungen einhergeht. Diese können den Alltag der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Die genaue Pathophysiologie von Post- und Long-Covid ist bisher nicht ausreichend verstanden, weshalb die Diagnose und Behandlung nach wie vor eine Herausforderung für Ärzte darstellen.
Kürzlich hat eine Forschungsgruppe unter der Leitung von Prof. Christoph Schmaderer, Geschäftsführender Oberarzt in der Abteilung für Nephrologie am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München (TUM), einen möglichen Zusammenhang zwischen dieser Erkrankung und bestimmten Veränderungen im Auge untersucht. Die Ergebnisse der Studie wurden im Fachjournal 'Angiogenesis' veröffentlicht [1].
Die Bedeutung der Mikrozirkulation
Ein charakteristisches Merkmal von Covid-19 sind Veränderungen in den Blutgefäßen, insbesondere im Endothel. Diese können eine unzureichende Durchblutung der Organe bedingen. Bisher lag der Schwerpunkt der Forschung hauptsächlich auf den großen Blutgefäßen. 90% der Endothelzellen des Körpers befinden sich jedoch in kleinen und kleinsten Äderchen. Was mit diesen bei Long-Covid geschieht, sei kaum bekannt, sagte Schmaderer in einer Pressemitteilung der TUM [2].
Die Blutgefäße im Auge geben möglicherweise Aufschluss darüber, wie es um den Zustand der kleinen Blutgefäße im gesamten Körper steht. Vorteilhaft ist die leichte Zugänglichkeit der Okulargefäße. Zudem sind die erforderlichen Untersuchungsmethoden und Geräte bereits erprobt und invasive Intervention am Körper nicht erforderlich, erklärte der Mediziner.
Daten von 41 Post-Covid-Patienten ausgewertet
In einer prospektiven Beobachtungskohortenstudie untersuchten die Forschenden die retinale Mikrozirkulation bei einer Gruppe von 41 Post-Covid-Patienten, die aus einer Gesamtgruppe von 204 ausgewählt wurden. Diese Ergebnisse wurden mit denen einer alters- und geschlechtsgematchten gesunden Kontrollgruppe verglichen.
Endothelfunktionsstörungen und Long-Covid-Symptome
Die Arbeitsgruppe identifizierte Endothelfunktionsstörungen, die einen deutlichen Zusammenhang mit Long-Covid-Symptomen aufwiesen. Im Vergleich zur gesunden Kontrollgruppe zeigten PCS-Patienten auffällige Werte in mehreren Bereichen:
- Die venöse flimmerinduzierte Dilatation (vFID) war in der Post-Covid-Gruppe signifikant niedriger als im Kontrollarm (3,42% ± 1,77% vs. 4,64% ± 2,59%).
- Der Durchmesser der zentralen Retina-Arterien (CRAE) war bei den PCS-Patienten im Vergleich zu den Kontrollpersonen enger (178,1 vs. 189,1).
- Das Verhältnis zwischen den kleineren Arterien und Venen, bekannt als arterio-venöse-Ratio (AVR), war in der PCS-Gruppe niedriger als bei den Vergleichspersonen (0,84 vs. 0,88).
Die Kombination der Werte von AVR und vFID ermöglichte eine gute Unterscheidung zwischen PCS-Patienten und gesunden Probanden.
Und noch etwas fiel auf: Je ausgeprägter die Post- bzw. Long-Covid-Symptome waren, desto stärker war die Abnahme des Verhältnisses zwischen Arteriolen und Venolen (R=-0,37, p=0,017). Dies deutet darauf hin, dass die Schwere der Erkrankung mit Veränderungen in der Mikrozirkulation der okulären Blutgefäße zusammenhängt. Besonders deutlich war dieser Zusammenhang bei PCS-Patienten mit erhöhten Entzündungsparametern.
Aussicht auf eine zuverlässige Long-Covid-Diagnose
Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass anhaltende Endothelfunktionsstörungen ein charakteristisches Merkmal des Post-Covid-Syndroms sind. Dies könnte die anhaltenden Symptome bei den Patienten erklären, so das Fazit der Forscher.
Da die Studie mit nur 41 Erkrankten vergleichsweise klein war und ausschließlich in einer einzelnen Klinik durchgeführt wurde, kann aus den Ergebnissen noch keine verlässliche Methode zur Diagnose von Long-Covid abgeleitet werden. Weitere Studien müssten folgen, um die Daten zu bestätigen. Schmaderer ist aber zuversichtlich, dass auf Grundlage der Studienergebnisse ein Instrument entwickelt werden kann, um Long Covid sicher zu diagnostizieren.
„Wir gehen zudem davon aus, dass die Mikrozirkulation nicht nur im Auge, sondern auch in anderen Teilen des Körpers eingeschränkt ist. Dadurch könnte die Methode insbesondere dafür geeignet sein, um die Wirksamkeit zukünftiger Therapien für Long Covid zu beurteilen“, so der Leiter der Studie.










