SARS-CoV-2, das Virus, das die Covid-19-Pandemie auslöste, hat weitreichende Auswirkungen auf die Gesundheit, die über die akute Infektion hinausgehen. Während vor allem die Atemwege und das kardiovaskuläre System in den Fokus der Forschung gerückt sind, mehren sich die Hinweise darauf, dass das Virus auch das zentrale Nervensystem (ZNS) – einschließlich der Augen – beeinträchtigen kann. Neben den postakuten neurokognitiven Symptomen von Covid-19 werden zunehmend auch visuelle Symptome als Teil dieses Spektrums erkannt.
Auswirkungen von SARS-CoV-2 auf die Retina
Die Retina spielt eine zentrale Rolle im Sehvorgang, indem sie Lichtreize in elektrische Signale umwandelt, die vom Gehirn verarbeitet werden. Eine in der Fachzeitschrift PNAS Nexus veröffentlichte experimentelle Studie untersuchte erstmals detailliert, wie SARS-CoV-2 das Retinaepithel infizieren und langfristige Schäden verursachen kann.
Hierfür wurden transgene Mäuse, die den menschlichen SARS-CoV-2-Rezeptor ACE2 exprimieren, intranasal mit dem Virus infiziert. Fünf Tage später wurden ihre Netzhäute und Lungen untersucht.
Retinainfektion unabhängig vom Krankheitsverlauf
Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass SARS-CoV-2 das Retinaepithel infizieren kann, unabhängig von der Schwere der respiratorischen Symptome. Eine direkte Korrelation zwischen der Viruslast in den Augen und der Lunge konnte nicht festgestellt werden. Dies deutet darauf hin, dass eine Infektion der Retina auch ohne schwere Lungenschäden auftreten kann.
Langfristige Auswirkungen auf die Sehkraft: Mögliche Verbindung zu AMD
Experimente an kultivierten menschlichen Pigmentepithelzellen der Netzhaut bestätigten diese Ergebnisse. Das Vorhandensein toxischer Virusproteine veränderte die Form der retinalen Pigmentepithelzellen und erhöhte deren Empfindlichkeit gegenüber oxidativem Stress. Infolge konnten die Zellen die Blut-Retina-Schranke weniger gut aufrechterhalten und Fotorezeptorbestandteile nicht mehr effektiv recyceln.
Darüber hinaus löste die SARS-CoV-2-Infektion eine weitreichende Entzündungsreaktion im retinalen Pigmentepithel aus, die durch die Aktivierung des Komplementsystems und eine verstärkte Produktion und Freisetzung von Zytokinen gekennzeichnet war – allesamt Faktoren, die das Risiko für eine altersbedingte Makuladegeneration (AMD) erhöhen. AMD führt zu einer schrittweisen Zerstörung des Retinaepithels und der Fotorezeptoren und ist eine der häufigsten Ursachen für Erblindung in der westlichen Welt.
Die Forschenden vermuten, dass eine SARS-CoV-2-Infektion das Risiko für AMD erhöhen könnte, insbesondere bei älteren Menschen, die bereits eine genetische Prädisposition für diese Erkrankung haben. Zudem ist es denkbar, dass die durch SARS-CoV-2 induzierten Entzündungsreaktionen die Entwicklung von AMD beschleunigen und den Verlauf der Erkrankung verschärfen.
Stärkerer Fokus auf Augenprobleme nach SARS-CoV-2-Infektion
Die Ergebnisse dieser Studie werfen neue Fragen zur Schädigung des Augenbereichs im Rahmen von postviralen Syndromen und den möglichen langfristen Folgen für die Sehkraft auf. Sollte sich die Hypothese bestätigen, dass SARS-CoV-2-Infektionen die Entwicklung von AMD beschleunigen können, könnte dies die Behandlung von Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion beeinflussen, insbesondere in älteren Bevölkerungsgruppen. Daher wäre es ratsam, künftig verstärkt auf visuelle Symptome bei Patienten mit einer Covid-19-Anamnese zu achten und frühzeitig diagnostische Maßnahmen einzuleiten.
Weitere Forschung erforderlich
Es bedarf weiterer Forschung, um die genauen Mechanismen dieser Wechselwirkungen besser zu verstehen. Langfristige Kohortenstudien könnten dazu beitragen, die Verbindung zwischen Covid-19 und Augenkrankheiten wie AMD zu vertiefen und geeignete therapeutische Strategien zu entwickeln.
Noch bleibt abzuwarten, ob SARS-CoV-2 tatsächlich als Katalysator für die Entstehung oder Verschlechterung von Augenkrankheiten fungiert und welche Präventionsmaßnahmen in diesem Zusammenhang ergriffen werden sollten.










