Mehr Diabetes-Fälle bei Kindern während der Covid-19-Pandemie

Die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, bei denen Diabetes diagnostiziert wurde, stieg während der Coronapandemie an. Das betraf sowohl Diabetes Typ-1 als auch Diabetes Typ-2.

Diabetes Kind

Hintergrund

Während der Corona-Pandemie hat die Neuerkrankungsrate von Typ-1-Diabetes (T1D) bei Kindern und Jugendlichen stark zugenommen, auch in Deutschland [1]. Ebenso hielt der Anstieg von neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes (T2D) bei unter 18-Jährigen im zweiten Pandemiejahr an. Dies geht aus einer Studie hervor, die auf dem Jahrestreffen der Endocrine Society (ENDO 2023) in Chicago, Illinois, vorgestellt wurde [2].

Typ-1-Diabetes und Covid-19: Daten von 1,1 Millionen Kindern ausgewertet

Forschende des Münchener Zentrums und der TU Dresden untersuchten in Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB), ob ein möglicher Zusammenhang zwischen einer SARS-CoV-2-Infektion und der Entwicklung von Typ-1-Diabetes besteht. Die Auswertung umfasste Daten von 1,1 Millionen kassenärztlich versicherten Kindern, die zwischen 2010 und 2018 in Bayern geboren wurden.

Erhöhtes Risiko für Typ-1-Diabetes bei Kindern mit SARS-CoV-2-Infektion

Im Ergebnis stieg die Prävalenz von Typ-1-Diabetes bei Kindern im Alter von zwei bis zwölf Jahren zwischen 2020 und 2021 um relative 50% an, verglichen mit den vorpandemischen Jahren 2018/19.

Weiterhin fiel auf, dass bei Kindern mit einer Covid-19-Diagnose zwischen 2020 und 2021 mehr T1D-Diagnosen gestellt wurden. Im Vergleich mit SARS-CoV-2-naiven Kindern hatten diejenigen, die sich mit dem Coronavirus infizierten, ein um 57% erhöhtes relatives Risiko, an Typ-1-Diabetes zu erkranken. Die T1D-Inzidenz nahm vor allem im Quartal der SARS-CoV-2-Infektion zu, zeigte aber auch in den darauffolgenden Quartalen einen Anstieg [1].

Verbindung zwischen SARS-CoV-2-Infektion und erhöhtem Auftreten von Typ-1-Diabetes bei Kindern als Forschungsperspektive

„Wir sind vorsichtig mit der Interpretation unserer Ergebnisse, aber das Virus könnte entweder die dem Typ-1-Diabetes zugrundeliegende Entstehung der Autoimmunität begünstigen, oder eine bereits bestehende Autoimmunität verstärken und so die Zerstörung der insulinproduzierenden Beta-Zellen beschleunigen“, erklärt Ezio Bonifacio, Letztautor der Studie und Gruppenleiter am Zentrum für Regenerative Therapien Dresden (CRTD).

Weitere Studien müssen folgen, um den Mechanismus aufzuklären, der dem erhöhten Auftreten von Typ-1-Diabetes bei Kindern in Verbindung mit einer SARS-CoV-2-Infektion zugrunde liegt, so Bonifacio [3].

Einfluss auf die Neuerkrankungsrate von Typ-2-Diabetes bei Kindern

Bereits im ersten Pandemiejahr stellten mehrere Studien steigende Fallzahlen von Diabetes-Typ-2 bei Kindern und Jugendlichen fest. Das könnte auf unterschiedliche Faktoren zurückzuführen sein, darunter Schulschließungen, die dazu führten, dass Kinder weniger aktiv waren, häufiger naschten oder mehr ungesunde Lebensmittel aßen.

Dies ging mit einer erhöhten Gewichtszunahme und mehr Fällen von Typ-2-Diabetes einher, mutmaßt Dr. Esther Bell-Sambataro, Pädiaterin am Nationwide Children’s Hospital in Columbus, Ohio.

Die auf der ENDO 2023 vorgestellte Studie prüfte die T2D-Neuerkrankungsrate im zweiten Jahr der Covid-19-Pandemie. Konkret verglichen die Forschenden Zahlen aus den zwei vorpandemischen Jahren (2018/19 und 2019/20) mit den Daten aus den ersten beiden Pandemiejahren (2020/21 und 2021/22) bei Kindern in einem Kinderkrankenhaus der Tertiärversorgung.

Signifikanter Anstieg der Neudiagnosen von Typ-2-Diabetes über vier Jahre

Die jährliche Häufigkeit von Kindern und Jugendlichen mit neu aufgetretenem Typ-2-Diabetes lag in den Jahren 1–4 bei jeweils 63, 45, 109 bzw. 130 Fällen; bei T1D wurden jeweils 191, 193, 231 und 262 Neudiagnosen gestellt.

Unter allen neu aufgetretenen Diabetesfällen betrug der relative Anteil von Typ-2-Diabetes im ersten Jahr 24,8%, im zweiten Jahr 18,9%, im dritten Jahr 32,1% und im vierten Jahr 33,2%. Dieser Anstieg war statistisch signifikant. Auffallend war außerdem ein signifikanter Anstieg von T2D-Diagnosen bei Kindern mit afrikanischer Abstammung: von 31% im ersten Jahr auf 51,3% im vierten Jahr [2].

Gefährdete Kinder und Jugendliche besonders im Blick

Die Studie zeigt, dass die steigende Inzidenzrate von Typ-2-Diabetes bei unter 18-Jährigen über das erste Jahr der Covid-19-Pandemie hinaus anhält. Das deute darauf hin, dass der Anstieg nicht nur auf pandemiebedingte Einschränkungen und Lebensstiländerungen zurückzuführen ist, schlussfolgert Bell-Sambataro.

Deshalb sei es wichtig, gefährdete Kinder und Jugendliche (diejenigen mit genetischen Risikofaktoren, Übergewicht/Adipositas und inaktivem Lebensstil) besonders auf diabetestypische Anzeichen wie vermehrten Durst und häufiges Wasserlassen zu überwachen, so die Kinderärztin [2].

Autor:
Stand:
19.06.2023
Quelle:
  1. Weiss, A. et al. (2023): Type 1 Diabetes Incidence and Risk in Children With a Diagnosis of COVID-19. JAMA, DOI: 10.1001/jama.2023.8674.
  2. Endocrine Society, Pressemitteilung, 15. Juni 2023.
  3. Technische Universität Dresden, News, 23. Mai 2023.
  • Teilen
  • Teilen
  • Teilen
  • Drucken
  • Senden