Die Variabilität der obstruktiven Schlafapnoe (OSA) und des Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) wird unterschätzt, konstatierte Professor Dr. Jean-Louis Pépin von der Abteilung für klinische Physiologie der Alpen-Universität in Grenoble, Frankreich. Ob im Schlaflabor oder in der häuslichen Umgebung – keine Nacht ist wie die andere und die Ausprägung der OSA ist von patienteneigenen wie äußeren Faktoren abhängig, erläuterte er anlässlich des ERS Kongresses 2025 in Amsterdam.
Klimaeinfluss auf die OSA
Jahreszeit und Umgebungstemperatur beeinflussen die Schwere der OSA. Bei Patienten mit einem AHI ≥5, bei denen zur longitudinalen AHI-Kontrolle im Bett ein Sensor angebracht war, war der AHI im Sommer und im Winter auf der Nordhalbkugel um etwa 5 % höher als im Frühjahr und Herbst. Eine hohe Schlafzimmertemperatur im Vergleich zur übrigen Kohorte war mit einem AHI-Anstieg um mehr als 6 % assoziiert. Es wird geschätzt, dass die globale Erwärmung um mehr als 1,8 °C über das präindustrielle Niveau zu einem 1,2- bis 3-fachen Anstieg der OSA-Last weltweit führt.
Schwankungen im Wochenverlauf und über die Lebensspanne
Schwankungen gibt es auch innerhalb der Woche. Am Wochenende ist die OSA besonders ausgeprägt, vor allem bei Männern und jüngeren Erwachsenen. Die Schlafdeprivation der Arbeitswoche führt zu längeren Schlafzeiten am Wochenende. Hinzu kommt ein erhöhter Tabak- und Alkoholkonsum am Wochenende. Einen erheblichen Einfluss auf die OSA haben physiologische Veränderungen im Verlauf des Lebens und der Gesundheitszustand, beispielsweise die Menopause bei Frauen oder die Entwicklung von Vorhofflimmern oder Herzinsuffizienz.
Fehlklassifikationen häufig
Letztlich ist keine Nacht wie die andere und eine anhand einer Polysomnographie (PSG) einer Nacht vorgenommene Diagnose der OSA bestätigt sich nicht immer in Folgenächten. Die Wahrscheinlichkeit einer Fehlklassifikation der OSA auf Basis einer einzigen Nacht lag laut Pépin mit 20–50 %. Gut 11 % der Untersuchten erhielten in einer Studie fälschlich die Diagnose OSA, wenn nur eine Nacht im Schlaflabor ausgewertet wurde. Auf der anderen Seite erhielten 18 % derjenigen mit OSA bei nur einer betrachteten Nacht diese Diagnose nicht.
Variabilität Zuhause erfassen
Eine PSG im Schlaflabor als Goldstandard für die OSA-Diagnose heranzuziehen, sei unter Laborbedingungen nur eingeschränkt aussagekräftig, erklärte Professor Dr. Silke Ryan, Pneumologin und Schlafmedizinerin von der Sankt-Vincent-Universitätsklinik von Dublin und amtierende Präsidentin der Europäischen Atemwegsgesellschaft ERS. Messungen über mehrere Nächte wären wünschenswert. Weniger störend als die Schlaflaborsituation ist die Messung mit kontaktlosen Sensoren für die Überwachung Zuhause. Die Ergebnisse des SleepMinderTM korrelierten gut mit den PSG-Daten. Auch hier war die Variationsbreite zwischen verschiedenen Nächten bei ein und demselben Patienten hoch, insbesondere bei niedrigem AHI-Niveau. Daher könnten diese Geräte laut Ryan vor allem für die Detektion einer moderaten bis schweren OSA geeignet sein.
Strikte OSA-Grenzwerte?
Die Festlegung der AHI-Schwellenwerte ist künstlich, betonte sie. Die amerikanische Gesellschaft für Schlafmedizin nennt einen AHI von ≥5 pro Stunde als Diagnosekriterium für eine OSA, wenn gleichzeitig andere Faktoren wie Tagesschläfrigkeit, Partnerberichte von Schnarchen oder Atemaussetzern und Komorbiditäten mit Assoziation zur OSA vorliegen. Ohne weitere Faktoren genügt ein AHI ab 15 pro Stunde für die OSA-Diagnose. Diese Werte werden weltweit zur Diagnose und Indikation einer Therapie mit Kostenerstattung angesetzt. Das fand Ryan im Hinblick auf die Häufigkeit einer falschen Einordnung bei nur einer einmaligen PSG kritisch. „Je nach Nacht kann man einmal unter und einmal über dem Grenzwert liegen“, sagte sie. Die Behandlungsentscheidung für eine CPAP-Therapie (CPAP für engl. continuous positive airway pressure) nur auf Basis des AHI sei unzureichend und sollte durch personalisierte Behandlungsansätze im Einvernehmen mit dem Patienten ersetzt werden.
Mehrere Nächte im Schlaflabor schwierig
Die Ressourcen reichen bei weitem nicht aus, um alle Patienten mit Verdacht auf eine OSA im Schlaflabor mehrere Nächte mit PSG zu untersuchen. Ryan hofft, dass technische Entwicklungen wie die kontaktlosen Sensoren im heimischen Bett helfen werden, einfacher Messungen über mehrere Nächte durchzuführen. Bis dahin schlägt sie vor, diejenigen Patienten für eine mehrfache PSG vorzusehen, bei denen eine OSA nicht sehr wahrscheinlich ist oder eine Diskrepanz zwischen dem klinischen Bild und den Befunden der PSG einer Nacht besteht. In Studien sollte unbedingt häufiger die Messung obstruktiver respiratorischer Ereignisse über mehrere Nächte hinweg erfasst werden. „Wir benötigen dringend mehr Daten“, betonte Ryan.








