Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für chronische Lungenerkrankungen wie pulmonale Fibrose, Emphysem und chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD). Diese sind häufig durch eine anhaltende Entzündung und strukturelle Veränderungen des Lungengewebes gekennzeichnet.
Ein zentraler Mechanismus dieser Veränderungen ist die Anreicherung geschädigter Biomoleküle in der extrazellulären Matrix (ECM) der Lunge. Besonders betroffen ist das isoDGR-Motiv, ein strukturelles Peptidmotiv, das durch die altersbedingte Modifikation bestimmter Proteine entsteht. Forschende der Brock University in Kanada stellten im Fachjournal 'Aging Cell' eine Untersuchung vor, die zeigt, dass ein spezifischer Antikörper gegen isoDGR diese Moleküle binden und deren Entfernung durch das Immunsystem aktivieren kann.
IsoDGR als Treiber chronischer Entzündung
Das isoDGR-Motiv entsteht durch die Deamidierung von Proteinen in der Lunge und bindet spezifisch an Integrine der αv-Familie. Dies fördert die Rekrutierung von Immunzellen, insbesondere CD68+/CD11b+-Makrophagen, die eine anhaltende Entzündungsreaktion begünstigen und zur fortschreitenden Gewebeschädigung beitragen.
Altersabhängige isoDGR-Akkumulation und gezielte Immuntherapie
Um die Verbreitung und Bedeutung von isoDGR besser zu verstehen, analysierten die Forschenden zunächst menschliches Lungengewebe von Personen unterschiedlichen Alters sowie von Patienten mit diagnostizierter Lungenfibrose. Dabei zeigte sich eine altersabhängige Zunahme der isoDGR-Konzentration, mit einer besonders ausgeprägten Anreicherung bei Patienten mit Fibrose.
Um die Mechanismen der isoDGR-Akkumulation weiter zu untersuchen, setzten die Wissenschaftler Tiermodelle ein. Sie entwickelten einen spezifischen Antikörper, der gezielt an das isoDGR-Motiv bindet. Dieses vom Immunsystem produzierte Protein soll geschädigte Proteine in der Lunge erkennen und deren gezielte Immunantwort sowie Entfernung ermöglichen.
Wichtige Erkenntnisse der Untersuchung
Die Analyse von menschlichem Lungengewebe und experimentellen Tiermodellen lieferte entscheidende Erkenntnisse über die Rolle von isoDGR bei altersbedingten Lungenschäden. Insbesondere zeigte sich ein enger Zusammenhang zwischen der Akkumulation von isoDGR und der Entwicklung chronischer Lungenerkrankungen.
- Die isoDGR-Konzentration war bei Patienten mit Lungenfibrose achtfach höher als in gesunden Kontrollproben.
- In Tiermodellen führte die isoDGR-Akkumulation zu pulmonalen Ödemen, Hypoxämie, mitochondrialer Dysfunktion und beschleunigter Zellalterung.
- Mäuse, denen das Enzym zur Reparatur von isoDGR fehlte (Pcmt1-Knockout-Mäuse), zeigten verstärkte Lungenschäden und eine verkürzte Lebensspanne.
Therapeutisches Potenzial des isoDGR-Antikörpers
Die gezielte Neutralisation von isoDGR durch einen Antikörper erzielte in präklinischen Modellen vielversprechende Effekte:
- Reduktion von Entzündungsmarkern: Die Antikörperbehandlung senkte die Konzentration entzündlicher Zytokine und verringerte die Infiltration von Makrophagen ins Lungengewebe.
- Verbesserung der Lungenstruktur: Histologische Analysen belegten eine Rückbildung fibrotischer Veränderungen sowie eine stabilisierte alveoläre Architektur.
- Verlängerte Lebensspanne in Tiermodellen: Mäuse, die mit dem Antikörper behandelt wurden, zeigten eine signifikante Verlängerung der Überlebensdauer.
Gezielte Immuntherapie gegen altersbedingte Lungenschäden
Die Entwicklung eines Antikörpers gegen isoDGR stellt einen vielversprechenden Ansatz zur Behandlung chronischer Lungenerkrankungen dar. Im Gegensatz zu bisherigen Behandlungsstrategien, die auf die Linderung von Symptomen abzielen, könnte diese Immuntherapie direkt an der Ursache der Gewebeschädigung ansetzen. „Diese immuntherapeutische Strategie bietet eine vielversprechende Möglichkeit, die Krankheitslast altersbedingter Lungenerkrankungen zu reduzieren und die Lebensqualität betroffener Patienten erheblich zu verbessern,“ fasst Professor Newman Sze, Hauptautor der Studie, zusammen.
Mögliche Anwendung jenseits der Lunge
Da isoDGR auch in anderen Geweben, insbesondere in Blutgefäßen, nachweisbar ist, könnte diese Immuntherapie ebenfalls für weitere altersbedingte Erkrankungen von Bedeutung sein. Dazu gehören chronische Entzündungen in anderen Organen, aber auch kardiovaskuläre und neurodegenerative Erkrankungen.
Vom Labor zur Klinik: Weiterer Forschungsbedarf für den Antikörper
Bevor der isoDGR-Antikörper in der klinischen Praxis eingesetzt werden kann, sind weitere Untersuchungen erforderlich, um Sicherheit, Wirksamkeit und mögliche Immunreaktionen beim Menschen zu prüfen. Klinische Studien zur Optimierung und Anpassung des Antikörpers an das menschliche Immunsystem stellen den nächsten entscheidenden Schritt dar.









