Pharma Deutschland fordert neue Strategien gegen sinkendes Impfvertrauen

Desinformation, emotional geführt Debatten und sinkendes Vertrauen erschweren die Impfkommunikation. Beim ImpfTalk von Pharma Deutschland ging es um die Frage, wie Menschen für Impfungen sensibilisiert werden können. Es wurden analoge und digitale Ansätze diskutiert.

Roundtable

Die Impfkommunikation steht heute vor Herausforderungen. Beim „ImpfTalk – Auch schon geimpft? – Neue Wege der Impfluence“ diskutierten Vertreter aus Gesundheitswesen, Wissenschaft, Politik und Kommunikation über neue Ansätze für Aufklärung und Prävention. Zu der Veranstaltung geladen hatte der Branchenverband Pharma Deutschland.

Impfquoten bleiben hinter Empfehlungen zurück

Im Fokus der Diskussion stand die Frage, wie sich die Impfbereitschaft in Deutschland langfristig stärken lässt. Das ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil Prävention durch Impfungen Gesundheitskosten nachhaltig senken kann. Dennoch sind die Impfquoten oft unzureichend. Besonders deutlich zeigt sich das bei Grippeimpfungen, HPV-Impfungen und den empfohlenen Impfserien bei Säuglingen sowie älteren Menschen.

Die Ursachen für Impfmüdigkeit sind vielfältig. Unsicherheiten, emotional geführte Debatten und die schnelle Verbreitung von Falschinformationen erschweren die Aufklärung zunehmend. Impfungen sind längst nicht mehr nur ein medizinisches, sondern auch ein gesellschaftliches Thema.

Impfangebote sollen alltagsnaher werden

Unter den Teilnehmenden bestand Einigkeit darüber, dass niedrigschwellige Angebote weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Impfungen sollten dort stattfinden, wo Menschen ohnehin zusammenkommen, etwa in Apotheken, Arztpraxen oder bei Aktionen im öffentlichen Raum.

Susanne Schneider, MdL NRW, verwies auf erfolgreiche Impfaktionen während der Corona-Pandemie, darunter Impfangebote im Stadion von Borussia Dortmund. Solche Formate hätten gezeigt, dass sichtbare und unkomplizierte Angebote hohe Aufmerksamkeit erzeugen könnten. „Impfangebote müssen niedrigschwellig, sichtbar und nah am Alltag der Menschen sein.“, sagte Schneider.

Vertrauensverlust nach der Pandemie

Wie stark sich das Vertrauen in Impfungen verändert hat, schilderte Prof. Heidi J. Larson, Direktorin von “The Vaccine Confidence Project”. Das international tätige Projekt untersucht seit Jahren Faktoren, die Impfvertrauen beeinflussen. Nach den Erfahrungen der COVID-19-Pandemie sei das Vertrauen in Impfungen in vielen Ländern deutlich gesunken, auch bei klassischen Kinderimpfungen wie MMR oder HPV. Besonders betroffen seien junge Erwachsene zwischen 18 und 34 Jahren.

Larson betonte, dass erfolgreiche Impfkommunikation heute weit über reine Faktenvermittlung hinausgehen müsse. Emotionen, persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Unsicherheiten spielten eine Rolle.

Soziale Medien verändern Impfdebatten

Großen Raum nahm die Diskussion über Desinformation und soziale Medien ein. Linus Siebert, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Fortitude, erklärte, dass Desinformation gezielt genutzt werde, um Vertrauen in Institutionen, Wissenschaft und Gesundheitsbehörden zu untergraben.

Soziale Netzwerke bevorzugten Inhalte, die Angst, Wut oder Misstrauen erzeugen, da diese besonders hohe Reichweiten erzielten. Neue Technologien und künstliche Intelligenz erleichterten es zudem, manipulative Inhalte zu erstellen. Neben klassischen Faktenchecks gewinne deshalb sogenanntes „Prebunking“ an Bedeutung, also die frühzeitige Aufklärung über Manipulationsmechanismen und digitale Desinformation.

Arztpraxen und Apotheken stoßen an Grenzen

Auch die praktische Umsetzung von Impfkampagnen wurde diskutiert. Hausarzt Prof. Dr. med. Tim Knoop betonte die wichtige Rolle hausärztlicher Praxen, verwies jedoch auf steigenden Kommunikationsaufwand im Praxisalltag. „Ärztinnen und Ärzte können Impfungen effizient durchführen – die gesellschaftliche Überzeugungsarbeit braucht jedoch Unterstützung außerhalb der Praxis“, sagte Knoop.

Großes Potenzial sehen die Teilnehmenden in Impfangeboten in Apotheken. Apotheker Florian Werenpfennig hob hervor, dass Apotheken durch flexible Öffnungszeiten, digitale Terminbuchungen und ihre wohnortnahe Versorgung besonders niedrigschwellige Angebote schaffen könnten. Es erschwerten jedoch bislang Personalmangel, organisatorischer Aufwand und wirtschaftliche Risiken eine breitere Umsetzung.

Medizinische Aufklärung auf Social Media

Wie stark sich medizinische Kommunikation verändert hat, erläuterte Medfluencer Jasper Iske. Gesundheitsinformationen würden heute von sehr unterschiedlichen Akteuren verbreitet, vom medizinischen Fachpersonal bis hin zu Selbstexperten ohne formale Qualifikation. Besonders problematisch seien emotionalisierte Inhalte, vereinfachte Gesundheitsbotschaften und Fehlinformationen zu Impfungen oder Nahrungsergänzungsmitteln. Erfolgreiche Gegenkommunikation müsse deshalb wissenschaftlich korrekt, gleichzeitig aber verständlich und aufmerksamkeitsstark sein.

Eine Botschaft der Veranstaltung war also, dass sich höhere Impfquoten langfristig nur erreichen lassen, wenn niedrigschwellige Angebote, vertrauenswürdige Kommunikation und moderne digitale Formate zusammen gedacht werden.

Autor:
Stand:
18.05.2026
Quelle:
  1. Pharma Deutschland: Pressemitteilung, 09.05.2026.
  2. Pharma Deutschland: Impfkommunikation im Wandel: Zwischen Praxis, Apotheken und Social Media, Mai 2026.
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