Aktuell erhalten nur etwa 35% der Betroffenen eine angemessene Therapie, berichtete Junior-Professorin Dr. Claudia Buntrock vom Institut für Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung (ISMG) der Universitätsmedizin Magdeburg. Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland bei einer flächendeckenden Versorgung mit Antidepressiva und Psychotherapie die Anzahl der mit Depressionen diagnostizierter Patienten um rund 30% gesenkt werden könnte. Metaanalysen belegen zudem, dass psychologische Interventionen bei subklinischer Depression auch einer klinischen Depression vorbeugen können.
Erfolgsfaktoren für digitale Präventionsangebote
Buntrock untersucht aktuell auf Basis individueller Patientendaten aus randomisiert-kontrollierten Studien, welche Faktoren die Wirksamkeit psychologischer Interventionen beeinflussen. Diese Faktoren werden in Bezug auf Schwere der depressiven Symptome bei Patienten mit präklinischer Depression untersucht.
Bislang hat sie Daten von 10.671 Patienten aus 50 Studien ausgewertet. In den sieben Studien mit einer digitalen Intervention reduzierte sich das Risiko für das Auftreten einer klinischen Depression durch diese Maßnahme gegenüber den Kontrollgruppen um 28% (HR 0,72; 95% Konfidenzintervall [KI] 0,58–0,89). Der Effekt war größer bei geringer Symptomschwere und – entgegen der Erwartungen - bei älteren Patienten. Digitale Interventionen sind als niedrigschwellige Maßnahme für Menschen mit subklinischer Depression geeignet, resümierte Buntrock.
Online-Unterstützung für die ambulante Psychotherapie
Mit der Integration von Online-Interventionen in die ambulante Psychotherapie beschäftigt sich Prof. Dr. Harald Baumeister, Leiter der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Institut für Psychologie und Pädagogik, Universität Ulm. Im Projekt PSYCHOnlineTHERAPIE werden drei Ansätze verglichen:
- Maximal 16 Psychotherapiesitzungen einer kognitiven Verhaltenstherapie (KVT), abwechselnd mit Online-Lektionen über eine Plattform und in Form von Routinesitzungen (vor Ort oder videobasiert; „fix“).
- Maximal 16 Psychotherapiesitzungen einer KVT mit einer beliebigen Aufteilung von Online- und Routinesitzungen („flex“).
- Maximal 16 Psychotherapiesitzungen einer Routine-KVT (vor Ort oder videobasiert).
Die Integration der Online-Lektionen wird in der ambulanten Psychotherapie durch einen Selektivvertrag mit 20 Euro/Lektion vergütet, berichtete Baumeister.
Zwischenergebnisse bestätigen Nichtunterlegenheit
Seine anlässlich des DGPPN 2024 vorgestellte Zwischenauswertung umfasste Daten von 75 Therapeuten und 495 Patienten. Besonders häufig aufgerufen wurden die Online-Module „Psychoedukation Angst“, gefolgt von „Psychoedukation Depression“ und „Lebenslinie“, erklärte Baumeister. Die Auswertung der depressiven und/oder Angstsymptomatik nach dem Patient Health Questionnaire Anxiety and Depression Scale (PHQ-ADS) ergab eine Nichtunterlegenheit einer mit Online-Modulen ergänzten Therapie gegenüber der Routine-KVT. Die Kosteneffektivität der Integration von Online-Modulen wäre seiner Einschätzung nach wahrscheinlich gegeben, wenn sechs Psychotherapiesitzungen eingespart und maximal sieben bis acht Online-Sitzungen eingesetzt würden.
Digitale Nachsorge bei Panikstörung
Fast ein Viertel der Patienten mit Angststörungen erleiden Rückfälle und etwa die Hälfte hat nach Abschluss einer KVT keine Remission erreicht, berichtete Anna Baumeister, Psychologin von der psychiatrischen Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Diese Patienten benötigen eine Nachsorge, die allerdings häufig nicht verfügbar ist. Digitale Programme können Behandlungserfolge aufrechterhalten, ein explizites Programm für die Nachsorge für Patienten mit einer Angststörung fehlt aber bislang.
In Hamburg wurde in Kooperation mit der Sympatient GmbH die App-gestützte Nachsorge „Invirto – Die Nachsorge gegen Angst“ entwickelt. Die Nachsorge besteht aus drei allgemeinen Modulen und je zehn Modulen zu Angstbewältigung, Depressionsbewältigung und Lebensqualität. Außerdem gibt es 30 „Challenges“. Die Inhalte sind leitlinienkonform, betonte Baumeister. Das Programm ist ausgelegt auf zwölf Wochen.
Ergebnisse: Weniger aussagekräftig, als erhofft
Aktuell wird die App in drei randomisiert-kontrollierten Studien für den Einsatz bei Panikstörung, bei Agoraphobie und bei sozialer Angststörung untersucht. Baumeister berichtete über den Einsatz bei 59 Patienten mit Panikstörung, die eine Psychotherapie abgeschlossen hatten, aber noch eine Restsymptomatik aufwiesen.
Es zeigte sich, dass nur 40% die App mindestens einmal die Woche und nur 8% die App täglich genutzt hatten. Dahinter steckt auch ein Zeitproblem, nimmt Baumeister an. In vielen Studien gebe es allerdings trotz geringer Nutzung einen positiven Effekt. Die Symptomschwere nach der Panik- und Agoraphobie-Skala (PAS) verringerte sich auch in dieser Studie in den zwölf Wochen mit der App etwas deutlicher als in einer Wartelistegruppe, der Unterschied war aber nicht signifikant.
Einziger signifikanter Unterschied zugunsten der App war eine auf niedrigem Niveau verbesserte Depressionssymptomatik. Immerhin waren die App-Nutzer mit der Intervention weitgehend zufrieden, fanden allerdings, dass die App ihre Bedürfnisse nicht immer ausreichend abbildete.
Ausblick
Die Ergebnisse sind noch vorläufig, betonte Baumeister. Weitere Patienten werden eingeschlossen. Wichtig war Frau Baumeister, dass es bisher noch keine Rückfälle in der App-gestützten Nachsorge gegeben habe. Insofern ist sie optimistisch, dass die digitale Nachsorge eine Lücke im Behandlungsplan schließen könnte.











