DGPPN 2024: Online-Interventionen gegen Depression und Angst

Seit der Pandemie werden verstärkt Online-Angebote und Apps zur Behandlung von Depressionen und Angst von Patienten genutzt. Ein Symposium anlässlich des DGPPN 2024 in Berlin beleuchtete den Einsatz solcher Interventionen bei Depression und Angststörungen über alle Versorgungsebenen hinweg.

Depression

Aktuell erhalten nur etwa 35% der Betroffenen eine angemessene Therapie, berichtete Junior-Professorin Dr. Claudia Buntrock vom Institut für Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung (ISMG) der Universitätsmedizin Magdeburg. Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland bei einer flächendeckenden Versorgung mit Antidepressiva und Psychotherapie die Anzahl der mit Depressionen diagnostizierter Patienten um rund 30% gesenkt werden könnte. Metaanalysen belegen zudem, dass psychologische Interventionen bei subklinischer Depression auch einer klinischen Depression vorbeugen können.

Erfolgsfaktoren für digitale Präventionsangebote

Buntrock untersucht aktuell auf Basis individueller Patientendaten aus randomisiert-kontrollierten Studien, welche Faktoren die Wirksamkeit psychologischer Interventionen beeinflussen. Diese Faktoren werden in Bezug auf Schwere der depressiven Symptome bei Patienten mit präklinischer Depression untersucht.

Bislang hat sie Daten von 10.671 Patienten aus 50 Studien ausgewertet. In den sieben Studien mit einer digitalen Intervention reduzierte sich das Risiko für das Auftreten einer klinischen Depression durch diese Maßnahme gegenüber den Kontrollgruppen um 28% (HR 0,72; 95% Konfidenzintervall [KI] 0,58–0,89). Der Effekt war größer bei geringer Symptomschwere und – entgegen der Erwartungen - bei älteren Patienten. Digitale Interventionen sind als niedrigschwellige Maßnahme für Menschen mit subklinischer Depression geeignet, resümierte Buntrock.

Online-Unterstützung für die ambulante Psychotherapie

Mit der Integration von Online-Interventionen in die ambulante Psychotherapie beschäftigt sich Prof. Dr. Harald Baumeister, Leiter der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Institut für Psychologie und Pädagogik, Universität Ulm. Im Projekt PSYCHOnlineTHERAPIE werden drei Ansätze verglichen:  

  • Maximal 16 Psychotherapiesitzungen einer kognitiven Verhaltenstherapie (KVT), abwechselnd mit Online-Lektionen über eine Plattform und in Form von Routinesitzungen (vor Ort oder videobasiert; „fix“).
  • Maximal 16 Psychotherapiesitzungen einer KVT mit einer beliebigen Aufteilung von Online- und Routinesitzungen („flex“).
  • Maximal 16 Psychotherapiesitzungen einer Routine-KVT (vor Ort oder videobasiert).
    Die Integration der Online-Lektionen wird in der ambulanten Psychotherapie durch einen Selektivvertrag mit 20 Euro/Lektion vergütet, berichtete Baumeister.

Zwischenergebnisse bestätigen Nichtunterlegenheit

Seine anlässlich des DGPPN 2024 vorgestellte Zwischenauswertung umfasste Daten von 75 Therapeuten und 495 Patienten. Besonders häufig aufgerufen wurden die Online-Module „Psychoedukation Angst“, gefolgt von „Psychoedukation Depression“ und „Lebenslinie“, erklärte Baumeister. Die Auswertung der depressiven und/oder Angstsymptomatik nach dem Patient Health Questionnaire Anxiety and Depression Scale (PHQ-ADS) ergab eine Nichtunterlegenheit einer mit Online-Modulen ergänzten Therapie gegenüber der Routine-KVT. Die Kosteneffektivität der Integration von Online-Modulen wäre seiner Einschätzung nach wahrscheinlich gegeben, wenn sechs Psychotherapiesitzungen eingespart und maximal sieben bis acht Online-Sitzungen eingesetzt würden.

Digitale Nachsorge bei Panikstörung 

Fast ein Viertel der Patienten mit Angststörungen erleiden Rückfälle und etwa die Hälfte hat nach Abschluss einer KVT keine Remission erreicht, berichtete Anna Baumeister, Psychologin von der psychiatrischen Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Diese Patienten benötigen eine Nachsorge, die allerdings häufig nicht verfügbar ist. Digitale Programme können Behandlungserfolge aufrechterhalten, ein explizites Programm für die Nachsorge für Patienten mit einer Angststörung fehlt aber bislang.

In Hamburg wurde in Kooperation mit der Sympatient GmbH die App-gestützte Nachsorge „Invirto – Die Nachsorge gegen Angst“ entwickelt. Die Nachsorge besteht aus drei allgemeinen Modulen und je zehn Modulen zu Angstbewältigung, Depressionsbewältigung und Lebensqualität. Außerdem gibt es 30 „Challenges“. Die Inhalte sind leitlinienkonform, betonte Baumeister. Das Programm ist ausgelegt auf zwölf Wochen.

Ergebnisse: Weniger aussagekräftig, als erhofft

Aktuell wird die App in drei randomisiert-kontrollierten Studien für den Einsatz bei Panikstörung, bei Agoraphobie und bei sozialer Angststörung untersucht. Baumeister berichtete über den Einsatz bei 59 Patienten mit Panikstörung, die eine Psychotherapie abgeschlossen hatten, aber noch eine Restsymptomatik aufwiesen. 

Es zeigte sich, dass nur 40% die App mindestens einmal die Woche und nur 8% die App täglich genutzt hatten. Dahinter steckt auch ein Zeitproblem, nimmt Baumeister an. In vielen Studien gebe es allerdings trotz geringer Nutzung einen positiven Effekt. Die Symptomschwere nach der Panik- und Agoraphobie-Skala (PAS) verringerte sich auch in dieser Studie in den zwölf Wochen mit der App etwas deutlicher als in einer Wartelistegruppe, der Unterschied war aber nicht signifikant.

Einziger signifikanter Unterschied zugunsten der App war eine auf niedrigem Niveau verbesserte Depressionssymptomatik. Immerhin waren die App-Nutzer mit der Intervention weitgehend zufrieden, fanden allerdings, dass die App ihre Bedürfnisse nicht immer ausreichend abbildete.

Ausblick

Die Ergebnisse sind noch vorläufig, betonte Baumeister. Weitere Patienten werden eingeschlossen. Wichtig war Frau Baumeister, dass es bisher noch keine Rückfälle in der App-gestützten Nachsorge gegeben habe. Insofern ist sie optimistisch, dass die digitale Nachsorge eine Lücke im Behandlungsplan schließen könnte.

Autor:
Stand:
17.12.2024
Quelle:
  1. Symposium: „Digitale Therapie auf allen Stufen der Versorgung erfolgreich? Von der Prävention bis zur Nachsorge“, 27. November 2024. DGPPN-Kongress 2024, Berlin, 27.-30. November 2024.
  2. Santomauro DF et al. Service coverage for major depressive disorder: estimated rates of minimally adequate treatment for 204 countries and territories in 2021. Lancet Psychiatry. DOI: 10.1016/S2215-0366(24)00317-1  
  3. Cuijpers P et al. (20231): Psychological interventions to prevent the onset of depressive disorders: A meta-analysis of randomized controlled trials. Clinical Psychology Review. DOI: 10.1016/j.cpr.2020.101955
  4. Reins JA et al (2021): Efficacy and Moderators of Internet-Based Interventions in Adults with Subthreshold Depression: An Individual Participant Data Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Psychotherapy and Psychosomatics. DOI: 10.1159/000507819  
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