Verhaltenstherapeutische Elterntrainings gelten als Erstlinientherapie für Kinder mit leichter bis moderater Symptomlast einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder einer oppositionellen Trotzstörung (ODD). Doch begrenzte Therapieangebote, lange Wartezeiten und strukturelle Hürden verhindern häufig den Zugang. Ein mobiles, selbstgesteuertes Elterntraining (hiToco®) könnte diese Versorgungslücke schließen.
Studiendesign: Randomisierte Pilotstudie mit 65 Familien
In der prospektiven, randomisierten kontrollierten Pilotstudie wurden 65 Eltern-Kind-Paare eingeschlossen. Alle Kinder waren zwischen 4 und 11 Jahre alt und hatten eine klinische ADHS-Diagnose, teilweise mit komorbider ODD. 34 Eltern-Kind-Paare erhielten das digitale Elterntraining (d-PMT) zusätzlich zur üblichen Versorgung (Treatment As Usual, TAU), 31 nur TAU. Über 16 Wochen durchliefen die Eltern die App-basierten Module, die individuell auf familiäre Bedürfnisse zugeschnitten waren. Elemente wie therapeutische Hausaufgaben, Rückmeldungen zum Transfer in den Familienalltag und optionale Expertenunterstützung sollten die Umsetzung fördern.
Die durchschnittliche Nutzungszeit betrug rund acht Stunden, die Abschlussrate der Trainingspläne lag bei 85 %.
Signifikante Reduktion externalisierender Verhaltensauffälligkeiten
In der Primäranalyse zeigte sich in der d-PMT+TAU-Gruppe im Vergleich zu TAU ein signifikanter Vorteil bei der Reduktion elternberichteter externalisierender Verhaltensauffälligkeiten (ADHS und ODD) nach zwölf Wochen (Cohen’s d = 0,74) und 16 Wochen (Cohen’s d = 0,48).
Post-hoc-Analysen ergaben, dass 50 % der Kinder in der Interventionsgruppe als gebessert oder genesen galten – gegenüber 30 % in der Kontrollgruppe. Auch sekundäre Endpunkte wie reine ADHS-Symptome, ODD-Symptome, funktionelle Einschränkungen, elterliches Erziehungsverhalten und familiäre Belastung verbesserten sich signifikant.
Klinische Relevanz und Versorgungsperspektiven
Die beobachteten Effektstärken entsprechen oder übertreffen die Effekte etablierter Präsenz-Elterntrainings. Bemerkenswert ist die Wirksamkeit trotz geringer therapeutischer Begleitung, was den niederschwelligen Zugang unterstützt. HiToco® wurde vom BfArM als digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) vorläufig aufgenommen und erfüllt damit strenge Anforderungen an Sicherheit, Datenschutz und Qualität. Die App ermöglicht eine flexible und strukturierte Intervention, die Eltern unterstützt, ihr Erziehungsverhalten interaktiv und individuell anzupassen. Damit stellt sie eine vielversprechende Ergänzung im multimodalen Management von ADHS und oppositionellem Verhalten dar, insbesondere als frühe Intervention bei Vorschul- und Schulkindern.
Limitationen der Studie und zukünftige Forschung
Zu den Einschränkungen zählen das Fehlen verblindeter Ratings und das Fehlen von Follow-up-Daten. Der hohe Bildungsstand der Eltern könnte die Generalisierbarkeit einschränken. Ob die Ergebnisse auf breitere Bevölkerungsgruppen übertragbar sind, muss in weiteren Studien überprüft werden. Künftige Untersuchungen sollen auch Prädiktoren und Wirkmechanismen genauer analysieren.
Fazit
Das mobile Elterntraining hiToco® zeigt als Ergänzung zur Standardtherapie eine signifikante Reduktion externalisierenden Verhaltens, eine Verbesserung der Eltern-Kind-Interaktion und eine Senkung des elterlichen Stresses. Damit bietet es eine vielversprechende digitale Intervention zur Unterstützung von Familien mit Kindern, die an ADHS leiden.










