Digitale Anwendungen im hausärztlichen Alltag – Warum sie jetzt wichtig sind
Seit Einführung des Digitalen-Versorgung-Gesetzes (DVG) 2019 stehen zertifizierte DiGAs für Indikationen wie Depression, Angst, Tinnitus oder Schlafstörungen zur Verfügung. Sie eignen sich besonders in der hausärztlichen Versorgung, wo Patient:innen häufig mit unspezifischen Erschöpfungszuständen, Schlafproblemen, diffusen Schmerzen oder psychosozialen Belastungen vorstellig werden.
DiGAs können helfen:
- Wartezeiten zu überbrücken,
- wiederholte Gesprächstermine zu entlasten,
- Aktivierung & Selbstwirksamkeit zu stärken,
- Patient:innen zwischen Terminen handlungsfähig zu halten.
Therapeutische Konzepte – für die Primärversorgung gut geeignet
Die meisten DiGAs basieren auf verhaltenstherapeutischen Elementen wie Psychoedukation, Selbstbeobachtung, Stimmungsmonitoring und Übungen zur Stress- und Angstreduktion. Einige nutzen KI-gestützte Elemente oder Virtual Reality.
Besonders hilfreich sind DiGAs bei:
- leichten bis moderaten depressiven Episoden,
- Angst- oder Belastungssymptomen,
- Schlafproblemen und Stressbelastung,
- chronischen Schmerzen mit psychosozialen Anteilen.
Sie ersetzen kein ärztliches Gespräch, ergänzen es jedoch wirksam und fördern die Eigenaktivität der Patient:innen.
Hürden und praktische Herausforderungen – und wie Hausärzt:innen sie pragmatisch lösen
Typische Schwierigkeiten sind komplexe Registrierungsprozesse, fehlendes Wissen über einzelne Anwendungen oder motivationale Barrieren bei Patient:innen.
Relevante Beobachtungen aus der Praxis:
- Ohne kurze Einführung nutzen viele Patient:innen die App nicht konsequent.
- Etwa zwei Drittel beenden die Anwendung vorzeitig.
- Erste therapeutische Schritte müssen oft bereits in der hausärztlichen Sprechstunde erfolgen.
Ab 2026 wird die anwendungsbegleitende Erfolgsmessung (AbEM) wertvolle Daten zur Wirksamkeit verschiedener DiGAs liefern.
RECOVER – Was Hausärzt:innen aus dem Modell lernen können
Das RECOVER-Modell zeigt: Versorgung wird wirksamer, wenn sie gestuft und gut koordiniert erfolgt.
Für die hausärztliche Versorgung bedeutet das:
- niedrigschwellige Interventionen zuerst (DiGA, Aktivierung, Beratung)
- bei Bedarf gezieltes Step-up (Psychotherapie, Facharzt, Reha)
- klare Übergänge und weniger Doppelstrukturen
- realistische, gut kommunizierte Behandlungspfade
Gerade Patient:innen mit unspezifischen Symptomen – Schlafstörungen, Schmerz, Antriebsverlust, Erschöpfung – profitieren von dieser strukturierten Vorgehensweise.
Praxisintegration – Wie DiGAs im Alltag wirklich funktionieren
DiGAs entfalten ihren Nutzen besonders gut, wenn sie in ein hausärztliches Gesamtkonzept eingebettet werden:
Vor Nutzung: Ziel definieren („Was soll sich verändern?“)
Während der Nutzung: kurze Check-ins (Woche 1–2, 4–6, 10–12)
Barrieren reduzieren: Registrierung erklären, technische Hürden klären
Kombination: Gespräche, Aktivierung, ggf. Medikation
Step-up: Keine Verbesserung → Fachärzt:in oder Psychotherapie
Fokus für Ärzt:innen – der entscheidende Schritt
Der Nutzen digitaler Versorgung hängt wesentlich von der hausärztlichen Steuerung ab:
- passende Indikation
- realistische Erwartungen
- strukturierte Begleitung
- rechtzeitiger Step-up
- Stärkung der Eigenverantwortung
Gezielt eingesetzt, können DiGAs Wartezeiten überbrücken, Behandlung stabilisieren und den therapeutischen Prozess unterstützen.
→ Weitere Informationen zur Veranstaltung Spektrum Depression sowie weitere begleitende Fachartikel.














