Im Leistungssport erfüllen Symptome gestörten Essverhaltens häufig nicht die diagnostischen Kriterien einer Essstörung. Verzerrte Einstellungen zum Körperbild, restriktive Diäten, das Auslassen von Mahlzeiten, Fasten, Nahrungsmittelrestriktion sowie Essanfälle mit anschließendem Erbrechen treten häufig auf. Geschätzt weisen etwa 45 % der Athletinnen und 19 % der Athleten im Leistungssport ein gestörtes Essverhalten auf, berichtete Privatdozentin Dr. Gertraud Gradl-Dietsch von der LVR-Universitätsklinik Essen/Universität Duisburg-Essen anlässlich des DGPPN-Kongresses 2025. In einer Erhebung bei mehr als 3.500 Athleten im Alter von 13 bis 24 Jahren lag der Anteil mit klinischer oder subklinischer Essstörung sogar bei über 86 %.
Auch Fußballspieler betroffen
Bei Individualsportarten kommen solche Störungen häufiger vor als bei Mannschaftssportarten, bei ästhetischen Sportarten wie Turnen oder rhythmische Sportgymnastik häufiger als bei anderen Sportarten. Aber auch in einer Kohorte von Amateur- und Profifußballspielern zeigte mehr als ein Viertel ein Risiko für eine Orthorexie mit einer zwanghaften Beschäftigung mit gesunder Ernährung, Schuldgefühlen, Scham und/oder Ängsten bei Nichteinhaltung, körperlicher Beeinträchtigung und psychosozialem Funktionsverlust und einem Risiko zu einem Übergang zu einer Essstörung oder einer Zwangsstörung.
Relative Energiedefizienz im Sport
Bewusstes Diätverhalten und Essstörungen, ein hoher Trainingsumfang ohne entsprechende Anpassung der Energiezufuhr und ein unzureichendes Wissen über den Energiebedarf bei Training und Wettkampf können zu einer relativen Energiedefizienz im Sport (RED-S) führen. Kritisch niedrig nannte Gradl-Dietsch einer Energieverfügbarkeit von weniger als 30 kcal/kg fettfreier Körpermasse pro Tag. Eine derart niedrige Energieaufnahme im Leistungssport ist unabhängig vom Vorliegen einer klinischen Essstörung mit einem hohen Risiko für Osteoporose und funktionelle hypothalamische Amenorrhö assoziiert – Letztere wird von Sportlerinnen jedoch häufig akzeptiert. Ein restriktives Essverhalten sei oft schwer von trainingsbedingtem Verhalten zu unterscheiden, sagte Gradl-Dietsch.
Männer sind anders betroffen
Bei männlichen Athleten verhindern Stereotype oft die Diagnose. Essstörungen sind mit dem Stigma behaftet, ein weibliches Störungsbild zu sein. Bei Männern steht eher die Reduktion von Körperfett als das Schlankheitsstreben im Vordergrund. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper korreliert mit Symptomen von Binge-Eating-Störung und Bulimie. Der Wunsch nach Muskelaufbau und die daraus resultierende Nahrungsmittelrestriktion korreliert mit dem Risiko für Bulimie.
Diagnostik
Es gibt Screeningfragebögen für Eingangs- und Verlaufsuntersuchungen, z.B. das Eating Disorder Inventory-2 (EDI-2) oder das RED-S Clinical Assessment Tool (RED-S CAT). Durch Nachfragen fände man aber mehr heraus als durch solche Fragebögen, meinte Gradl-Dietsch. Die Expertin riet, gezielt nach Auffälligkeiten des Essverhaltens, Amenorrhö und häufigen Erkrankungen und Verletzungen zu fragen. Bei klinischen Essstörungen sei ein Leptinspiegel unter 2 ng/ml hinweisend. Er korreliert stark mit der Fettmasse und dem Body Mass Index (BMI), zeigt das Ausmaß der neuroendokrinen Adaptation an Hungerzustände und korreliert negativ mit der Trainingsintensität. In einer eigenen Untersuchung bei weiblichen Athletinnen und Balletttänzerinnen fand Gradl-Dietsch bei 45 % der Frauen Symptome von RED-S, bei 26 % Symptome einer Depression und bei 50 % Hinweise auf eine Sportsucht.
Besonderheiten der Therapie
Die Therapie von gestörtem Essverhalten und klinischen Essstörungen bei Leistungssportlern sei besonders, erklärte die Psychiaterin. Der ausgeprägte Wunsch, in den Leistungssport zurückzukehren, führt meist zu einer hohen Therapiebereitschaft. Hindernisse sind häufig die Diskrepanz zwischen dem „gestörten“ Selbst und dem athletischen Selbst und dem Vorwurf mangelnder Selbstdisziplin. Nicht immer ist eine Einsicht vorhanden, das Essverhalten und das Gewicht zu normalisieren und die Amenorrhö zu beenden. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper ist geringer ausgeprägt als bei Nichtathleten. Organisatorisch sind die engen Zeitpläne und häufigen Reisen für die Therapie eine Herausforderung, die idealerweise in einer Trainings- und Wettkampfpause durchgeführt werden sollte. Grundsätzlich unterscheidet sich die Therapie einer Essstörung bei Leistungssportlern nicht von der bei anderen Patienten. Die Behandlung sollte multimodal erfolgen. Therapieerfolg und Abbruchrate sind bei Athleten insgesamt ähnlich hoch wie bei Nicht-Athleten. Die Prognose ist bei Individual- und ästhetischen Sportarten ungünstiger als bei anderen Sportarten.
Prävention ist wichtig
Gradl-Dietsch forderte mehr Prävention, um RED-S und Essstörungen bei Leistungssportlern zu vermeiden. Dazu gehören die Psychoedukation und die Aufklärung über den relativen Energiebedarf. Die Früherkennung muss verbessert werden. Auch Ärzten seien Symptome und Behandlung häufig nicht bekannt, sagte die Expertin. Erfolgversprechend seien auch Peer-to-Peer-Programme durch Athleten. Vor allem aber forderte sie offizielle Gewichtsgrenzen beispielsweise im Laufsport. Dort ist ein niedriges Gewicht auf der Langstrecke mit der Zielzeit assoziiert und das Leitbild sind sehr dünne Langstreckenläufer. Solche Gewichtsgrenzen könnten dem Trend zu einem pathologisch niedrigen Körpergewicht entgegenwirken.










