Psychosoziale Folgen von Sinneseinschränkungen
Die Sehfähigkeit von fast 300 Millionen Menschen weltweit ist eingeschränkt. Dabei sind zwei von drei Menschen mit Sehproblemen älter als 50 Jahre. Hörprobleme sind bei älteren Menschen ebenfalls weit verbreitet. Der demographische Wandel trägt dazu bei, dass sowohl Seh- als Hörprobleme in Zukunft noch häufiger vorkommen. Verschiedene Studien haben bereits gezeigt, dass sich eingeschränkte Sinnesleistungen auf die mentale und physische Gesundheit auswirken.
Die Beziehung zwischen Sinneseinschränkungen und psychosozialen Faktoren ist hingegen weniger gut untersucht. Es gibt jedoch Hinweise, dass Sehprobleme mit Depressionssymptomen, höheren Einsamkeits-Scores und wahrgenommener sozialer Exklusion verbunden sind. Bei Hörproblemen zeigten Studien Assoziationen mit einer schlechteren mentalen Gesundheit, Einsamkeit und weniger sozialen Interaktionen der Betroffenen. Es gibt bislang jedoch nur wenige und zum Teil sich widersprechende longitudinale Daten zu diesen Fragen.
Analyse von Daten des Deutschen Alterssurveys
Wissenschaftler des Instituts für Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) analysierten Daten des Deutschen Alterssurvey, um die Beziehungen zwischen Veränderungen der Seh- und/oder der Hörleistung mit Veränderungen psychosozialer Outcomes, wie z. B. Depressionssymptome, Einsamkeit und wahrgenommene soziale Exklusion nationaler Ebene zu untersuchen [1].
Der Deutschen Alterssurvey (DEAS) ist eine seit 1996 laufende Langzeitstudie des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA), die den Wandel der Lebenssituation und den Altersverlauf von Menschen ≥40 Jahren erforscht. Die longitudinale Datenerhebung erfolgt mittels wiederholter Umfragen mit teilweise variierenden Themen und Schwerpunkten. Die Daten aus dem DEAS stehen nicht nur der Politik, sondern auch der Wissenschaft zur Verfügung.
Tools zur spezifischen Datenerhebung
Die Outcomes „Einsamkeit“ und „wahrgenommene soziale Exklusion“ werden im DEAS wie folgt unterschieden [2]:
- „Einsamkeit“ als Gefühl der Isolation und Ausgeschlossenheit, das entsteht, wenn die Menge oder Qualität der persönlichen Beziehungen die eigenen Beziehungsbedürfnisse nicht erfüllt.
- „wahrgenommene soziale Exklusion“, als Gefühl auf gesellschaftlicher Ebene ausgeschlossen zu sein. Ein hohes Risiko für eine wahrgenommenes soziale Exklusion besteht z. B. bei Menschen mit niedrigem Einkommen.
Für die Analyse fokussierten die Wissenschaftler auf die Ergebnisse folgender spezifischer Tools:
- Ein verkürzter De Jong Gierfeld Fragebogen zur Quantifizierung der Einsamkeit
- Bude and Lantermann Fragebogen zur Quantifizierung der wahrgenommenen sozialen Exklusion
- Die Center for Epidemiologic Studies Depressions Skala zur Quantifizierung von Depressionssymptomen.
Sehprobleme wurden über die Selbstbewertung der Befragten der Schwierigkeiten beim Zeitunglesen oder beim Erkennen von Bekannten auf der Straße, Hörprobleme über die selbst bewerteten Hör-Schwierigkeiten am Telefon oder in Gruppen >4 Personen quantifiziert.
Nicht-Erkennen von Bekannten fördert Einsamkeit
Nach der Adjustierung um verschiedene Störfaktoren zeigten longitudinale Regressionen, dass Sehprobleme, die sich durch Schwierigkeiten bekannte Personen auf der Straße zu erkennen, äußerten, signifikant mit vermehrter Einsamkeit und Depressionssymptomen verbunden waren.
Der Beginn einer Sehschwäche, die dazu führte, dass die Betroffenen Probleme beim Zeitungslesen hatten, war hingegen signifikant mit einer Zunahme der wahrgenommenen sozialen Exklusion verbunden. Einschränkungen des Hörvermögens in Gruppen von mehr als vier Menschen war signifikant mit einer Zunahme von Depressionssymptomen assoziiert.
Behinderung durch Sinneseinschränkungen verzögern
Eine Abnahme von Seh- und Hörleistung wirkt sich auf soziale Beziehungen, die Kommunikation mit anderen Menschen und die Teilhabe an gesellschaftlichen Entwicklungen aus. Interessant ist, dass sich unterschiedliche Einschränkungen der Seh- und Hörfähigkeit auch unterschiedliche psychosoziale Folgen haben. Die Autoren sind der Ansicht, dass die Verzögerung der Behinderung durch die Sinneseinschränkungen, die psychosoziale Situation von älteren Menschen verbessern könnte.











