Körperwahrnehmung als Grundlage psychischer Gesundheit
Interozeption – die Wahrnehmung innerer Körperzustände – ist eng mit emotionaler Stabilität, Selbstregulation und psychischer Gesundheit verknüpft. Kongresspräsident des Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Prof. Karl-Jürgen Bär betont, dass eine differenzierte Körperwahrnehmung häufig mit besserer psychischer Verfassung einhergeht.
Bei verschiedenen Erkrankungen, insbesondere bei chronischen Schmerzstörungen, zeigt sich dagegen häufig eine eingeschränkte Interozeption. Diese Beeinträchtigung wirkt sich direkt auf die emotionale Verarbeitung aus, da körperliche Signale weniger zuverlässig wahrgenommen und schlechter zugeordnet werden.
Trainingsansätze: Interozeption lässt sich verbessern
Forschung und klinische Erfahrung zeigen, dass Interozeption spezifisch trainiert werden kann. Ein Beispiel ist das Interozeptionstraining nach Critchley, bei dem Patienten lernen, Signale wie Herzschlag oder Atmung präziser wahrzunehmen.
Prof. Bär bestätigt, dass solche Trainingsprogramme zu messbaren Effekten führen:
- Angstsymptome können sich innerhalb von 3–6 Monaten deutlich reduzieren.
- Patienten berichten über eine differenziertere Wahrnehmung von Emotionen.
- Körpertherapeutische Verfahren verstärken das Bewusstsein für innere Zustände.
Das Training stärkt damit sowohl die emotionale als auch die körperliche Selbstregulation – ein zentrales Ziel bei somatoformen und angstbezogenen Störungen.
Achtsamkeit und Embodiment: Körper und Emotion im Dialog
Achtsamkeitsübungen, die fest in der psychosomatischen Therapie verankert sind, zielen ebenfalls auf Interozeption ab. Der Kongress greift aktuelle Entwicklungen auf, die Achtsamkeit stärker in alltägliche Situationen integrieren – etwa am Schreibtisch oder in kurzen Pausen.
Darüber hinaus zeigen neue Embodiment-Ansätze, wie sich Haltung, Bewegung und Gestik unmittelbar auf Emotionen auswirken. Prof. Lausberg wird hierzu darstellen, wie expressiv-motorische Elemente therapeutisch genutzt werden können:
- Neue Bewegungsimpulse verändern emotionale Muster.
- Rituale und Körpergesten wirken modulativ auf innere Zustände.
- Die Integration motorischer Signale erleichtert den Zugang zu Emotionen.
Diese Befunde machen deutlich, dass Wahrnehmung und Bewegung wechselseitig therapeutische Hebel darstellen.
Schmerzverarbeitung: Negative Emotionen verstärken Schmerz
Für die Schmerztherapie sind interozeptive Erkenntnisse besonders bedeutsam. Aktuelle Studien zeigen, dass negative Emotionen Schmerzen verstärken – selbst dann, wenn sie den Betroffenen nicht bewusst sind.
Die Verbindung ist klinisch relevant:
- Rund 60 % depressiver Patienten berichten über Schmerzen.
- Chronische Schmerzpatienten verfügen oft über eine verminderte Differenzierungsfähigkeit innerer Signale.
- Schmerzbezogene Wahrnehmung verschiebt sich zugunsten unspezifischer Körpersignale.
Therapeutisches Ziel ist daher die Verbesserung der Körperwahrnehmung, um emotionale und körperliche Signale besser trennen zu können.
Genetische und psychosoziale Einflüsse
Neben erlernten Mustern weist die Interozeption auch biologische Grundlagen auf. Prof. Bär betont, dass genetische Faktoren – etwa im Zusammenhang mit Gelenkhypermobilität – die Körperwahrnehmung beeinflussen können.
Gleichzeitig prägen frühe Erfahrungen das Körperempfinden nachhaltig:
- Umgang der Eltern mit kindlichen Körpersignalen.
- Reaktionen auf Schmerzen in der Kindheit.
- Körperbezogene Sozialisation.
Interozeption ist damit ein multifaktorielles System aus physiologischen, lernpsychologischen und emotionalen Komponenten.
Fazit: Interozeption als integratives Therapieziel
Der Kongress unterstreicht die zentrale Rolle der Interozeption für zahlreiche psychische und somatische Erkrankungen.
Die Kernbotschaft:
Körperwahrnehmung ist trainierbar – und stellt einen wirksamen therapeutischen Hebel dar, besonders bei Angst, Schmerz und emotionaler Dysregulation.
Damit gewinnt Interozeption zunehmend Bedeutung in Psychotherapie, Körpertherapie, Physiotherapie und psychosomatischer Medizin.
Kongresshinweis
Die dargestellten Erkenntnisse werden ausführlich auf dem Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie diskutiert, der vom 4. bis 6. März 2026 unter dem Motto „Grenzerfahrungen – Wege jenseits des Vertrauten“ in Berlin stattfindet.










