Psychotherapie bei jungen Erwachsenen: Geringere Erfolge im Vergleich zu älteren Patienten

Eine groß angelegte Analyse aus England zeigt, dass junge Erwachsene im Alter von 16 bis 24 Jahren bei Psychotherapien geringere Behandlungserfolge erzielen als Patienten zwischen 25 und 65 Jahren. Die Ergebnisse unterstreichen den Anpassungsbedarf in der Versorgung.

Verhaltenstherapie

Psychische Erkrankungen im jungen Erwachsenenalter: Zunehmende Belastung

Depressionen und Angststörungen zählen zu den führenden Ursachen krankheitsbedingter Beeinträchtigungen bei jungen Erwachsenen. Der Übergang zwischen Jugend- und Erwachsenenalter ist von psychosozialen Umbrüchen geprägt, die das Erkrankungsrisiko erhöhen. Klinische Leitlinien empfehlen Psychotherapie als Erstlinientherapie, da die Nutzen-Risiko-Bilanz pharmakologischer Behandlungen bei jungen Erwachsenen besonders sorgfältig abgewogen werden muss.

Psychotherapie bei jungen Erwachsenen: Evidenzlage weiterhin unklar

Randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) zeigen bislang inkonsistente Ergebnisse zur Wirksamkeit psychologischer Interventionen bei jungen Erwachsenen. Zudem decken die Altersstrukturen der Studienteilnehmer häufig nicht die tatsächliche Versorgungsrealität ab. Nationale Versorgungsdaten deuten darauf hin, dass unter 25-Jährige schlechtere Therapieergebnisse erzielen, doch bisher fehlten methodisch robuste Analysen mit adäquater Kontrolle für Störfaktoren.

Psychotherapieerfolge im Vergleich: Analyse von über 1,5 Millionen Teilnehmern

Eine aktuelle Studie von Saunders und Kollegen vom University College London nutzte Daten aus dem nationalen englischen Programm „NHS Talking Therapies for anxiety and depression“ (TTad). Analysiert wurden über 1,5 Millionen Behandlungsverläufe aus den Jahren 2015–2019, darunter 309.758 junge Erwachsene (16–24 Jahre; mittleres Alter 21 Jahre) und 1.290.130 Erwachsene im Alter von 25–65 Jahren (mittleres Alter 42 Jahre). 

Primäre Endpunkte waren Veränderungen der Depressions- (Patient Health Questionnaire 9-item [PHQ-9]) und Angstsymptome (Generalised Anxiety Disorder Scale 7-item [GAD-7]). Sekundäre Endpunkte umfassten Genesung, verlässliche Verbesserung und Verschlechterung der Problematik.

Altersbedingte Unterschiede in Therapieerfolgen bei Depressionen und Angststörungen

Die Studienergebnisse wurden im renommierten Fachjournal „Lancet Psychiatry“ publiziert. Die Symptomverbesserungen fielen bei jungen Erwachsenen signifikant geringer aus:

  • PHQ-9: mittlere Veränderung –0,98 Punkte im Vergleich zu älteren Erwachsenen
  • GAD-7: mittlere Veränderung –0,77 Punkte
  • Genesungs-Rate: 41,5 % bei 16–24-Jährigen vs. 48,2 % bei 25–65-Jährigen
  • Erhöhtes Risiko für Verschlechterung: Odds Ratio [OR 1,15] (95 % Konfidenzintervall [KI] 1,13 bis 1,17).

Die Unterschiede blieben auch nach statistischer Kontrolle für relevante Einflussfaktoren wie Diagnose, Medikation und Behandlungsintensität bestehen. Auffällig war außerdem die höhere Abbruchquote sowie die häufigeren unentschuldigten Fehltermine bei den jungen Erwachsenen.

Strukturelle Defizite in der Psychotherapie junger Erwachsener

Die Ergebnisse verdeutlichen eine strukturelle Herausforderung: Junge Erwachsene profitieren in der Routineversorgung weniger von Psychotherapien als ältere Patienten. Mögliche Ursachen sind geringere Therapietreue, häufige Lebensveränderungen in dieser Altersphase und nicht altersgerecht angepasste Behandlungsangebote. Da die Unterschiede im großen Maßstab junge Erwachsene betreffen, sind gezielte Anpassungen notwendig.

Maßgeschneiderte psychotherapeutische Angebote für junge Erwachsene

Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen die Notwendigkeit maßgeschneiderter psychotherapeutischer Angebote für junge Erwachsene. Weitere Studien in einem internationalen Setting mit prospektivem Studiendesign sind notwendig. 

Für die klinische Praxis ergeben sich bereits mehrere Implikationen:

  • Verbesserung der Therapieadhärenz durch niedrigschwellige, flexible Angebote,
  • Anpassung der Behandlungsinhalte an alters- und generationenspezifische Belastungsfaktoren (z. B. soziale Medien, Studien- oder Berufseinstieg),
  • Entwicklung spezifischer Versorgungspfade zwischen Jugend- und Erwachsenenpsychiatrie.

Die Studie liefert somit einen wichtigen Impuls, die psychotherapeutische Versorgung junger Erwachsener strukturell zu reformieren.

Autor:
Stand:
12.10.2025
Quelle:

Saunders et al. (2025): Effectiveness of psychological interventions for young adults versus working age adults: a retrospective cohort study in a national psychological treatment programme in England. Lancet Psychiatry, DOI:10.1016/S2215-0366(25)00207-X.

  • Teilen
  • Teilen
  • Teilen
  • Drucken
  • Senden
Orphan Disease Finder
Orphan Disease Finder

Hier können Sie seltene Erkrankungen nach Symptomen suchen: