Schizophrenie und der „Östrogen-Effekt“: Neue Chancen durch menopausale Hormontherapie

Eine Östrogentherapie in der Menopause ist mit einer Reduktion des Rückfallrisikos für Psychosen assoziiert, insbesondere wenn die Therapie vor dem 56. Lebensjahr begonnen wird.

Arzt Patientin psychische Störung

Krankheitsverlauf von schizoaffektiven Störungen und Schizophrenie: Unterschiede zwischen Männern und Frauen

Männer zeigen bei der Erstdiagnose einer Schizophrenie-Spektrum-Störung (SSD) im Durchschnitt ein weniger schweres klinisches Bild als Frauen, was häufig dem protektiven Effekt von Östrogenen zugeschrieben wird. Nach der Menopause kehrt sich das Bild jedoch um: Frauen erleben häufiger Psychoserückfälle als gleichaltrige Männer und jüngere Frauen. Diese Beobachtungen stützen die Hypothese eines sogenannten „Östrogen-Effekts“.

Wie Hormone die Psyche beeinflussen

Die Menopause markiert die Zeit nach der letzten Regelblutung und stellt einen bedeutenden biologischen Wendepunkt im Leben einer Frau dar. Hormonell ist diese Phase durch einen drastischen Östrogenabfall gekennzeichnet. Ein solcher Östrogenmangel wird auch in anderen Lebensphasen beobachtet, in denen Frauen eine Intensivierung von SSD-Symptomen erleben – beispielsweise in der prämenstruellen Phase oder nach der Geburt (postpartal). Diese Zusammenhänge unterstreichen den Einfluss des „Östrogen-Effekts“.

Auf molekularer und zellulärer Ebene entfaltet Östrogen protektive Wirkungen: Es wirkt antioxidativ, fördert die Neuroplastizität und Neurotransmission und hat auch antidepressive Eigenschaften. Der Verlust dieser schützenden Effekte wird als mitverantwortlich für die erhöhte Rückfallhäufigkeit gesehen.

Ein Gamechanger für die Behandlung?

Bei psychotischen Episoden ist eine Anpassung der medikamentösen Therapie üblich, etwa durch eine Dosiserhöhung der Antipsychotika oder eine Augmentation mit zusätzlichen Medikamenten. Doch bei Frauen über 45 Jahren scheinen diese Ansätze oft nicht mehr ausreichend zu wirken – die Nebenwirkungen nehmen zu, ohne dass die gewünschten Effekte erzielt werden. 

Eine alternative Strategie könnte die Augmentation durch eine östrogenhaltige menopausale Hormontherapie (MHT) sein.

MHT: Der richtige Zeitpunkt ist entscheidend

Eine aktuelle registerbasierte Kohortenstudie aus Finnland untersuchte, ob eine MHT bei Frauen in den Wechseljahren, die an einer SSD leiden, das Rückfallrisiko verringern kann. Dabei lag ein besonderes Augenmerk auf dem Alter der Patientinnen zu Beginn der Therapie. Die Studie schloss 3488 Frauen mit bekannter SSD ein, die zwischen 40 und 62 Jahren mit einer MHT begannen. 

Insgesamt reduzierte eine MHT das Rückfallrisiko um 16% (aHR = 0,84; 95%-KI = 0,78 bis 0,90). Der Therapieerfolg war jedoch altersabhängig: Frauen, die zwischen 40 und 49 Jahren mit der Hormontherapie begannen, hatten ein um 14 % geringeres Rückfallrisiko (aHR = 0,86; 95%-KI = 0,78 bis 0,95). Bei einem Start zwischen 50 und 55 Jahren sank das Risiko sogar um 25 % (aHR = 0,75; 95%-KI = 0,66 bis 0,83). Im Vergleich dazu zeigte sich bei einem Beginn zwischen 56 und 62 Jahren kein protektiver Effekt (aHR = 1,11; 95%-KI = 0,91–1,37).

Effektivität von Östrogen-Progesteron-Kombinationen

Die Studie zeigte, dass sowohl Östrogen-Monotherapien als auch Kombinationen mit bestimmten Gestagenen wie Levonorgestrel oder Medroxyprogesteronacetat (MPA) wirksam waren. Kombinationen mit Dydrogesteron, das häufig wegen seines geringeren Risikos für Brustkrebs und Thrombosen empfohlen wird, waren jedoch weniger effektiv.

Die Rolle der Applikationsform

In Bezug auf die Applikationsformen zeigten orale Östrogene robustere Effekte im Vergleich zu transdermalen Präparaten. Dies könnte jedoch auf eine begrenzte statistische Aussagekraft der Studie zurückzuführen sein und nicht auf tatsächliche Unterschiede in der Wirksamkeit. Transdermale Applikationen, die die Leberpassage umgehen, könnten insbesondere bei Patientinnen mit erhöhtem Risiko für venöse Thromboembolien oder metabolischen Komplikationen eine bevorzugte Option darstellen.

Noch Fragen offen – aber ein klarer Weg nach vorn

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse bleiben Herausforderungen: Nicht alle Frauen profitieren gleichermaßen von MHT, und Risiken wie Thrombosen und Brustkrebs müssen sorgfältig abgewogen werden. Die Wahl der geeigneten Hormontherapie sollte daher nicht nur die Effektivität im Hinblick auf die Rückfallprophylaxe von Psychosen berücksichtigen, sondern auch potenzielle Risiken und patientenspezifische Faktoren wie das kardiovaskuläre Risiko und andere Komorbiditäten einbeziehen. Diese individualisierte Herangehensweise ermöglicht es, die Vorteile der MHT zu maximieren und gleichzeitig die Risiken zu minimieren.

Die MHT könnte als Ergänzung zur medikamentösen Standardtherapie der SSD eine neue Ära der personalisierten Medizin einläuten.

Autor:
Stand:
19.02.2025
Quelle:

Brand, B.A. et al. (2024): Real-World Effectiveness of Menopausal Hormone Therapy in Preventing Relapse in Women With Schizophrenia or Schizoaffective Disorder. The American Journal of Psychiatry. DOI: 10.1176/appi.ajp.20230850

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