Personalisierung von Therapien für soziale Phobien
Soziale Phobien sind mit einer 12-Monats-Prävalenz von 2,4% die zweihäufigste Angststörung weltweit [1]. Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) und serotonerge Antidepressiva gelten mit Ansprechraten über 50% als Therapien erster Wahl bei sozialen Phobien [2,3]. Welche Patientencharakteristika das Therapieansprechen und den Therapieausgang beeinflussen, ist dabei noch weitgehend unbekannt. Dieses Wissen ist jedoch von grundlegender Bedeutung für eine Personalisierung der Therapie von Patienten mit sozialer Phobie.
Für die KVT gibt es Hinweise darauf, dass die Baseline-Symptomschwere von Angststörungen mit den Ergebnissen assoziiert ist [4]. Was jedoch fehlt sind Evidenzen dafür, dass die Baseline-Symptomschwere als sogenannter Moderator Einfluss auf die Effektivität der KVT bei sozialer Phobie hat. Um dieser Frage nachzugehen, führte ein internationales Team um Dr. Adrie Seldenrijk, Psychologin und Senior Researcher am GGZ inGeest in Amsterdam, eine Metaanalyse auf der Basis individueller Patientendaten (individual patient/participant data meta-analysis [IPDMA]) durch und veröffentlichen diese in einem systematischen Review [5].
Studien der letzten 33 Jahre
Für den Review wurde in PubMed, PsycInfo, Embase und der Cochrane Library eine Stichwortrecherche nach randomisierten kontrollierten Studien zu KVT bei sozialen Phobien in den letzten 33 Jahren durchgeführt. Ausgewählt wurden Studien, die Patienten unter KVT mit Personen verglichen, die sich auf einer Warteliste für die Therapie befanden. Anschließend wurden die Autoren der ausgewählten Studien gebeten, die erforderlichen, individuellen Daten der Studienteilnehmer für die IPDMA mitzuteilen. Hierzu gehörten unter anderem: der Typ der KVT und der Score auf der Liebowitz Soziale-Angst-Skala (LSAS) (Maximalscore 144) vor und nach der Behandlung, um den primären Endpunkt, die Veränderung des Symptomschwere, zu erfassen.
Größte Symptom Reduktion bei höchsten LSAS-Scores
Zwölf Studien mit insgesamt 1.246 Patienten wurden in die IPDMA eingeschlossen. Im Einklang mit vorangegangenen Studien zeigten die Patienten unter KVT eine signifikant größere Reduktion der LSAS-Scores als die Personen auf der Warteliste (Differenz 20,3; p<0,001 und Effektstärke Cohen d=0,95). Die Symptomschwere Baseline beeinflusste diesen Zusammenhang insofern, dass Patienten mit den höchsten LSAS-Scores (96-144) zu Therapiebeginn, eine absolut größere Reduktion der Symptomschwere unter KVT (Cohen d=-1,13) zeigten als Patienten mit niedrigen LSAS-Scores (Cohen d=-0,54).
KVT ungeachtet der Schwere der Symptome anbieten
Die Befunde der vorliegenden IPDMA, dass die Effektstärke einer KVT bei einer höheren Symptomschwere zu Behandlungsbeginn größer ist als bei milderen Krankheitsbildern, steht im Einklang mit den Beobachtungen von Andersson et al. (2019) [4], dass bei vielen psychiatrischen Erkrankungen höhere Baseline-Schwergrade mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für ein Ansprechen auf die KVT verbunden sind. In dieser Studie erzielte die KVT außerdem unabhängig vom LSAS-Score eine Verbesserung der Symptomatik. Die Autoren empfehlen daher allen Patienten ungeachtet der Schwere einer sozialen Phobie eine KVT anzubieten. Weitere systematische Studien zu den patientenseitigen Einflussgrößen auf Effekte der KVT bei sozialen Phobien sind erforderlich, um Behandlungen besser an die Bedürfnisse der Patienten anzupassen.










