Gewalt in der Partnerschaft
Schätzungsweise haben bis zu 30% der Frauen, die in einer Partnerschaft leben oder jemals gelebt haben, Gewalt erlebt – sei es physischer, sexueller oder beider Formen. Dieses Problem scheint in der ärmeren Bevölkerung häufiger aufzutreten, denn die Inzidenzen für Gewalt in der Partnerschaft liegen in Ländern mit mittlerem oder niedrigem Einkommen höher. Jegliche Art der Gewalt gegenüber Frauen, ob emotionaler, physischer oder sexueller Art, kann erhebliche gesundheitliche Folgen haben. Beschrieben sind neben den sichtbaren körperlichen Verletzungen vor allem auch die Entwicklung psychischer Störungen wie Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen. Auch das Risiko für Selbstverletzungen und Suizidalität steigt.
Die Hitze-Aggressionshypothese
Laut der Hitze-Aggressionshypothese können sehr hohe Temperaturen gewaltbereites und aggressives Verhalten auslösen. Es werden unterschiedliche Mechanismen diskutiert. Zum einen scheint durch die Hitze der Adrenalinspiegel anzusteigen, was wiederum dazu führen kann, dass ein physiologisches Erregungsniveau erhöht wird. Die Schwelle für ein aggressives Verhalten wiederum sinkt. Zum anderen kann die extreme Wärme auch direkt auf die Hirnregionen, in welchen Emotionen und die Thermoregulation verarbeitet werden, wirken. Angst- sowie akute Belastungsstörungen werden begünstigt und folglich auch das Risiko für gewaltbereites Verhalten erhöht.
Hitze und Gewalt in der Partnerschaft: eine Querschnittsstudie
Eine Gruppe von Forschern um Yixiang Zhu von der Abteilung für Umweltgesundheit an der Fudan-Universität in Shanghai untersuchten mittels einer Querschnittsstudie den Zusammenhang zwischen der Umgebungstemperatur und der Prävalenz von Gewalt in der Partnerschaft.
In die Studie eingeschlossen wurden 194.871 Frauen im Alter von 15-49 Jahren aus Indien, Nepal und Pakistan. Es wurden Fragebögen hinsichtlich physischer, sexueller und emotionaler Gewalt ausgewertet und die Frauen hinsichtlich ihrer Erfahrung mit häuslicher Gewalt im letzten Jahr befragt. Zum Zeitpunkt der Datenerhebung waren rund 27% der Teilnehmerinnen der Studie von häuslicher Gewalt betroffen. Dabei war der Anteil in Form von körperlicher Gewalt mit etwa 23% am höchsten, gefolgt von emotionaler (12,5%) und sexueller (9,5%) Gewalt. Diese Daten wurden zunächst mit den zum Zeitpunkt der Datenerhebung (zwischen Oktober 2010 und April 2018) gemessenen Durchschnittstemperaturen und dem Standort der Teilnehmer korreliert.
Hitze und Gewalt in der Partnerschaft: in Abhängigkeit vom Klimawandel
Neben den zurückliegenden Daten, entwarfen die Forscher drei mögliche zukünftige Klimaszenarien, um auch eine Aussage darüber treffen zu können, inwieweit der Klimawandel, mit weltweit steigenden Temperaturen, einen Einfluss auf häusliche Gewalt hat.
Diese Szenarien unterschieden sich im Wesentlichen in dem Maß ihrer Emission von Treibhausgasen:
- Szenario 1: streng eingeschränkte Emission von Treibhausgasen
- Szenario 2: mittelmäßige Einschränkung der Emission von Treibhausgasen
- Szenario 3: uneingeschränkte Emission von Treibhausgasen, unbegrenzter Energieverbrauch und Bevölkerungswachstum.
Wesentliche Ergebnisse der Studie
Eine zentrale Erkenntnis dieser Querschnittsstudie ist, dass jede Erhöhung der jährlichen Durchschnittstemperatur um 1°C (im Zeitraum zwischen 2010 und 2018) mit einer durchschnittlichen Zunahme von 4,5% (95% Konfidenzintervall [KI]: 4,2% bis 4,78%) in der Prävalenz häuslicher Gewalt einhergeht. Ein weiterer wesentlicher Punkt ist, dass die Forscher aufgrund ihrer Schätzungen davon ausgehen, dass bis zum Jahr 2090 die Prävalenz für Gewalt in der Partnerschaft signifikant mit steigenden Temperaturen zunehmen wird. Insbesondere erwartet man schätzungsweise unter Szenario 3 um eine 21% (95%-KI: 19,4% bis 22,6%) höhere Prävalenz für häusliche Gewalt in den 2090ern. Bei Szenario 1 (9,8%; 95%-KI: 9,0% bis 10,5%) und Szenario 2 (5,8%; 95%-KI: 5,3% bis 6,2%) sind bereits deutlich kleinere Prävalenzen zu erwarten.
Erwähnenswert ist auch, dass Indien im Vergleich zu Nepal und Pakistan weitaus mehr unter häuslicher Gewalt bei steigenden Temperaturen zu leiden haben wird. Vermutet werden als Ursache dafür höhere jährliche Temperaturen und häufigere schwere Hitzewellen in Indien im Vergleich zu anderen südasiatischen Ländern. Außerdem ist die Akzeptanz von Gewalt in der Ehe in Indien verbreiteter als in anderen Ländern der Welt.
Notwendigkeit nachhaltiger Strategien
Daten dieser Studie zeigen offensichtlich zwar keinen kausalen, aber einen direkten Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und Gewalt in Partnerschaften, insbesondere gegenüber Frauen. Die Autoren betonen daher die Notwendigkeit nachhaltiger Strategien, um derartige Folgen des Klimawandels zu mildern.











