Tunnelblick-Hypothese bei Suizidalität

Zwei Studien basierend auf dem Modell des Lernens zwischen Exploration und Exploitation unterstützen die Tunnelblick-Hypothese, die besagt, dass suizidale Personen in einem eingeschränkten kognitiven Zustand sind und daher nicht fähig sind, die beste Option zu suchen.

Frau depressiv

Suizid als Folge eines Entscheidungsfehlers

In einer Studie bedauerten nur etwa 20% der Menschen, die einen Suizidversuch überlebt hatten, dass sie dabei nicht gestorben waren. Das deutet daraufhin, dass ein Suizidversuch in vielen Fällen auf einem Entscheidungsfehler beruht.

Die Entscheidungsfindung in der suizidalen Krise ist komplex. Die Betroffenen leiden unter unerträglicher Not und fühlen sich unter Zeitdruck. Alternative Handlungsoptionen zum Suizid mögen verfügbar sein, z.B. Spazierengehen oder Freunde kontaktieren. Diese Alternativen verschwinden aber wieder, weil die Freunde nicht erreichbar sind oder das Wetter keinen Spaziergang zulässt.

Tunnelblick-Hypothese

Das Verständnis für die Entscheidungsprozesse in einer suizidalen Krise ist dadurch eingeschränkt, dass sich Fall-Kontroll-Studien häufig auf einfache Entscheidungsaufgaben stützen, die die Komplexität des realen Lebens nicht widerspiegeln. Klinische Theorien beschreiben die suizidale Krise als einen kurzsichtigen, passiven und eingeschränkten kognitiven Zustand - einen Tunnelblick, der bei den Betroffenen zur Unfähigkeit führt, mehrere Alternativen zu prüfen und die besten Optionen zu nutzen.

Lernen zwischen Exploration und Exploitation

Um die Entscheidungsprozesse in einer suizidalen Krise besser abzubilden, haben US-amerikanische und deutsche Wissenschaftler zwei Fall-Kontroll-Verhaltensstudien mit den Überlebenden von Suizidversuchen basierend auf dem Modell des verstärkenden Lernens zwischen Exploration und Exploitation durchgeführt. In diesem Lernmodell steht die Exploration für die Erkundung unbekannter Optionen und die Exploitation für die Nutzung bereits erworbenen Wissens. In einer Studie wurden Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung und in der anderen mit schweren Depressionen untersucht.

Patienten mit Borderline-Störung oder schwerer Depression

Die Teilnehmer wurden aus stationären und ambulanten psychiatrischen Einrichtungen in Pittsburgh, Pennsylvania, rekrutiert. Eingeschlossen wurden Erwachsene mit Borderline-Persönlichkeitsstörung oder schweren Depressionen im mittleren und späten Lebensalter. Jede Stichprobe umfasste demographisch vergleichbare Gruppen mit einer Vorgeschichte von Suizidversuchen mit hoher Letalität und mit niedriger Letalität sowie erkrankte Personen ohne Suizidversuch. Die Kontrollgruppe bestand aus Menschen ohne psychiatrische Störung.

Annäherung an die Höchstpunktzahl durch Exploration und Exploitation

Das Explorations- und Exploitationsverhalten der Teilnehmer wurden mit mithilfe eines sogenannten Uhrenparadigmas untersucht, bei dem ein Punkt auf einem Bildschirm einen zentralen Stimulus innerhalb von 4 Sekunden umkreiste. Der Proband konnte den Punkt an beliebiger Stelle stoppen und erhielt hierfür Punkte als Belohnung. An einer dem Probanden unbekannten Stelle auf der Umlaufbahn des Punkts konnte die Höchstpunktzahl erzielt werden. Der Proband sollte sich in 240 Versuchen per Exploration und der Nutzung seiner im Spiel gemachten Erfahrungen (Exploitation) dieser Stelle annähern.

Darüber hinaus führten die Wissenschaftler mit einer Untergruppe der Patienten eine 21-tägige prospektive Studie zur Frequenz von suizidalen Gedanken durch. Als Endpunkte der Studie waren Verhaltensindizes für Exploration und Exploitation, die Letalität des vorangegangenen Suizidversuchs nach der Beck Lethality Scale und die prospektiv beurteilten Suizidgedanken festgelegt.

Weniger exploratives Verhalten bei hoher Suizidalität

Die Stichprobe mit Borderline-Persönlichkeitsstörung umfasste 171 Erwachsene, die mit schwerer Depression 143 Erwachsene. 

In beiden Stichproben entdeckten Personen mit Suizidversuchen mit hoher Letalität weniger Optionen als die anderen, da sie nicht fähig waren, sich von unbelohnten Optionen abzuwenden. Die Unterexploration sagte auch das Auftreten von Suizidgedanken in der prospektiven Studie voraus, wodurch die Ergebnisse der Fall-Kontroll-Studie bestätigt wurden.

Im Gegensatz dazu neigten Personen mit Suizidversuchen mit geringer Letalität zu übermäßigen Verhaltensänderungen nach belohnten und unbelohnten Handlungen. Die Ergebnisse waren robust gegenüber Störfaktoren, einschließlich Medikamenteneinwirkung, affektivem Zustand und Verhaltensheterogenität.

Abweichende Verhaltenssignaturen

Die Autoren stellten in ihren Studien abweichende Verhaltenssignaturen bei Personen mit Suizidversuchen mit hoher und niedriger Letalität fest. Sie nehmen an, dass diesem Ergebnis unterschiedliche neurokognitive Pfade zugrunde liegen. Sie räumen dabei ein, dass das Fall-Kontroll-Design der Studien kausale Schlussfolgerungen einschränkt. Sie empfehlen weitere Studien, die zwischen strategischer und stochastischer Exploration unterscheiden und untersuchen, wie affektive Zustände die Menge der Optionen prägen.

Autor:
Stand:
19.08.2024
Quelle:
  1. Henriques et al. (2005): Suicide attempters’ reaction to survival as a risk factor for eventual suicide. American Journal of Psychiatry, DOI: 10.1176/appi.ajp.162.11.2180
  2. Tsypes et al. (2024): Exploration-Exploitation and Suicidal Behavior in Borderline Personality Disorder and Depression. Journal of the American Medical Association Psychiatry, DOI:10.1001/jamapsychiatry.2024.1796
  • Teilen
  • Teilen
  • Teilen
  • Drucken
  • Senden
Orphan Disease Finder
Orphan Disease Finder

Hier können Sie seltene Erkrankungen nach Symptomen suchen: