Der Witweneffekt: wenn der Verlust des Lebenspartners krank macht
Der Verlust des Lebenspartners gehört zu den einschneidendsten Ereignissen im Leben. Neben möglichen psychischen Symptomen wie Angst, Depressionen und Gefühle von Schuld und Hoffnungslosigkeit, können auch physische Folgen auftreten. Es kommt zu biochemischen und biophysikalischen Veränderungen der Körperfunktion, der Körper reagiert mit Stress auf die extreme emotionale Belastung. Wird dies durch den Verlust des Lebenspartners ausgelöst, so spricht man vom Witweneffekt. Der Verlust des Lebenspartners führt nachweislich zu einer erhöhten Krankheitshäufigkeit, häufigeren stationären Aufenthalten und zu einer erhöhten Mortalität.
Witweneffekt besonders stark bei bereits bestehenden Erkrankungen
Hinterbliebene, die bereits vor dem Verlust des Partners an einer schweren Grunderkrankung gelitten haben, sind von dem Witweneffekt in besonderem Maße betroffen. Die soziale und emotionale Unterstützung geht verloren, häufig begleitet von fehlender Unterstützung bei organisatorischen und finanziellen Angelegenheiten. Die Auswirkungen auf Funktionalität und Mortalität sind schwerwiegend.
Studie untersucht Witweneffekt bei Demenz- und Krebspatienten
Die Studienlage zum Verlust des Lebenspartners auf Funktionalität und Mortalität bei Menschen mit schweren Grunderkrankungen wie Demenz und Krebs ist bislang noch unzureichend. Forscher um Dr. Rebecca Rodin von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York untersuchten daher in einer Kohortenstudie, wie sich der Witweneffekt bei Demenz- und Krebspatienten auswirkt. Die Studie wurde im Fachjournal „JAMA Network Open” publiziert.
Kohortenstudie mit fast 14.000 Teilnehmern
In der longitudinalen Kohortenstudie mit 13.824 Teilnehmern untersuchten die Forscher verschiedene Aktivitäten des täglichen Lebens der Teilnehmer, z.B. Gehen, Anziehen, Toilettengang, Einkaufen und Telefonieren.
Die Daten stammen aus den Jahren 2008-2018. Die Teilnehmer waren mindestens 65 Jahre alt (mittleres Alter 70 Jahre; 46,4% weiblich) und lebten bei Studieneinschluss mit dem Lebenspartner zusammen. Die Forscher untersuchten den Effekt, den der Verlust des Lebenspartners auf einen funktionellen Score (Range 0-11 Punkte; höherer Score entspricht besserer Funktionalität) und die 1-Jahres-Mortalität der Hinterbliebenen hatte.
Menschen mit Demenz und Krebs trifft der Verlust des Partners stärker
Insgesamt 5.732 Teilnehmer verloren im Studienzeitraum ihren Lebenspartner. Die Forscher verglichen den Effekt, den der Tod des Lebenspartners hatte, zwischen Menschen mit Demenz, Krebs und Organversagen und jeweils einer gematchten Kontrollgruppe ohne die Erkrankung. Dabei wirkte sich der Verlust des Lebenspartners bei erkrankten Menschen stärker aus als bei den Kontrollprobanden.
Funktioneller Score von Witwen und Witwern im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen:
- Krebserkrankungen: -1,17 Punkte (95%-Konfidenzintervall [KI] -2,10 bis -0,23)
- Demenz: -1,00 (95%-KI -1,52 bis -0,48).
1-Jahres-Mortalität von Witwen und Witwern im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen: - Krebserkrankungen: Hazard Ratio (HR) 1,08 (95%-KI 1,04 bis 1,13)
- Demenz: HR 1,14 (95%-KI 1,02 bis 1,27).
Bei Menschen mit Organversagen waren die Effekte sowohl auf den funktionellen Score als auch auf die 1-Jahres-Mortalität nicht verändert.
Studienergebnisse in die Praxis übertragen
In dieser Kohortenstudie war der Verlust des Lebenspartners mit einem verstärkten funktionellen Abbau und einer erhöhten Mortalität im ersten Jahr nach dem Tod des Partners bei Menschen mit Demenz oder Krebserkrankungen assoziiert. Die Ergebnisse deuten auf einen stärkeren Witweneffekt bei diesen ohnehin schon vulnerablen Menschen hin. Die Autoren fordern, die Studienergebnisse bei der Versorgung dieser Menschen nach dem Verlust des Partners einzubeziehen.











