Körperliche Aktivität gilt seit Langem als zentrale Säule in der Prävention und Therapie chronisch-entzündlicher Erkrankungen. In den vergangenen Jahren konnten die immunologischen Mechanismen, die diesen positiven Effekten zugrunde liegen, vermehrt identifiziert werden. Auf dem Deutschen Rheumatologie Kongress 2025 präsentierte Prof. Dr. Philipp Sewerin aktuelle Daten und leitete praxisnahe Konsequenzen für Patienten mit rheumatischen Erkrankungen ab. Neben den antiinflammatorischen Effekten standen auch die Umsetzung der bestehenden Bewegungsleitlinien und Barrieren, wie die Angst vor Bewegung, im Fokus.
Bewegung als gezielter antiinflammatorischer Stimulus
Muskelarbeit beeinflusst nicht nur den Bewegungsapparat. Bei körperlicher Aktivität werden Myokine ausgeschüttet, die überwiegend antiinflammatorische Eigenschaften besitzen. Regelmäßiges Training reduziert viszerales Fettgewebe, moduliert die Aktivität von Immunzellen und senkt die Konzentration proinflammatorischer Zytokine. Dadurch entsteht ein systemisches Milieu, das Entzündungsprozesse abschwächt und die Krankheitslast reduzieren kann. Diese Mechanismen sind inzwischen so gut untersucht, dass sie als Grundlage für internationale Leitlinien dienen.
EULAR-Empfehlungen: Leitlinien für Bewegung bei Rheuma
Die 2018 von der European Alliance of Associations for Rheumatology (EULAR) formulierten Empfehlungen geben klare Vorgaben für Menschen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen und Arthrose. Sie orientieren sich im Wesentlichen an den allgemeinen Bewegungsempfehlungen für gesunde Menschen, berücksichtigen jedoch die individuellen Funktionsniveaus der Betroffenen. Es werden mindestens 150 Minuten moderate oder 60 Minuten intensive körperliche Aktivität pro Woche empfohlen, ergänzt durch Übungen zur Verbesserung von Muskelkraft, Flexibilität und Koordination. In den neueren EULAR-Leitlinien von 2023 wird Fatigue (krankheitsbedingte Erschöpfung) erstmals explizit berücksichtigt und es wird empfohlen, körperliche Aktivität als festen Bestandteil des Fatigue-Managements einzusetzen.
Evidenz vs. Praxis: Umsetzung der Bewegungsempfehlungen
Trotz eindeutiger Evidenz werden die Empfehlungen in der Praxis häufig nicht umgesetzt. Insbesondere ältere Menschen mit rheumatischen Erkrankungen erreichen die empfohlenen Aktivitätsniveaus bei Weitem nicht. Registerdaten und internationale Befragungen belegen, dass ein erheblicher Teil der Betroffenen überwiegend inaktiv ist.
Damit gehen nicht nur eine geringere Fitness, sondern auch eine Verschlechterung der Symptome wie Schmerzen, Fatigue und Schlafstörungen einher. Sport gilt bei rheumatischen Erkrankungen als sicher, sofern er an die individuellen Belastungsgrenzen angepasst ist.
Kinesiophobie: Angst als Hindernis für Bewegung
Ein zentrales Hindernis ist die Kinesiophobie, also die Angst vor Bewegung aufgrund von Schmerzen oder der Erwartung von Schäden. Das Fear-Avoidance-Modell beschreibt diesen Teufelskreis: Schmerz führt zu Angst, daraus resultiert die Vermeidung von Bewegung, was wiederum zu Funktionsverlusten und stärkeren Schmerzen führt.
Deutlich höhere Werte bei r-axSpA im Vergleich zu nr-axSpA
In einer aktuellen Untersuchung bei Patienten mit axialer Spondyloarthritis (axSpA) wies mehr als ein Drittel ein moderates bis hohes Maß an Kinesiophobie auf. Diese Angst war deutlich stärker ausgeprägt als bei gesunden Kontrollpersonen und stand im Zusammenhang mit eingeschränkter Funktion und höherer Krankheitsaktivität.
Insbesondere Patienten mit radiografischer axialer Spondyloarthritis (r-axSpA) wiesen höhere Werte auf als jene mit nicht-radiografischer axialer Spondyloarthritis (nr-axSpA). Alter und Krankheitsdauer spielen dabei keine Rolle, sodass Kinesiophobie als eigenständiger Faktor berücksichtigt werden sollte. Damit könnte sie die Krankheitsbewältigung beeinflussen und Therapieerfolge limitieren. Darüber hinaus zeigten die Daten eine Assoziation mit patientenberichteten Ergebnissen (PROs [Patient Reported Outcomes]) zu Funktion und globalem Gesundheitsstatus.
Aufklärung als Erfolgsfaktor der Bewegungstherapie
Dies bedeutet für die Versorgung, dass körperliche Aktivität nicht nur verschrieben, sondern auch aktiv begleitet werden sollte. Patienten müssen darüber aufgeklärt werden, dass Bewegung keine Gefahr, sondern ein therapeutisches Element ist. Interdisziplinäre Ansätze, die medizinische Betreuung mit physiotherapeutischer Begleitung und motivationaler Unterstützung verbinden, könnten dabei helfen, Bewegungsbarrieren abzubauen. Zudem sollte der Stellenwert körperlicher Aktivität in der Kommunikation deutlicher betont werden, um die Umsetzung in der Praxis zu verbessern.
Bewegung konsequent in die rheumatologische Versorgung integrieren
Die immunmodulatorischen Effekte von körperlicher Aktivität sind wissenschaftlich gut belegt und finden sich in internationalen Empfehlungen wieder. Körperliche Aktivität wirkt entzündungshemmend, verbessert die Funktion und unterstützt die Kontrolle von Begleitsymptomen wie Fatigue. In der Praxis bestehen jedoch deutliche Umsetzungslücken, die unter anderem auf Ängste und Vermeidungsverhalten zurückzuführen sind. Kinesiophobie erweist sich dabei als wesentlicher Faktor, der die körperliche Aktivität einschränken und somit Krankheitsverläufe negativ beeinflussen kann. Es bleibt daher eine wichtige Aufgabe der rheumatologischen Versorgung, die positiven Effekte von Bewegung zu vermitteln und Barrieren konsequent zu adressieren.









