DGRh 2023: Umwelteinflüsse und ihre Folgen für Rheumapatienten

Klimaschutz ist Gesundheitsschutz. Bereits jetzt wirken sich die klimatischen Veränderungen auf die Gesundheit von Rheumapatienten aus und werden in Zukunft eine noch größere Herausforderung darstellen.

Luftverschmutzung Fabrik

Der Klimawandel stellt laut WHO die größte Bedrohung für die menschliche Gesundheit im 21. Jahrhundert dar. Extremwetterlagen wie Hitze- oder Dürresommer fordern jährlich mehr Todesopfer. Allein im Sommer 2022 starben in Deutschland vermutlich 8.173 Menschen an Hitzefolgen [1]. Dieses wichtige Thema wurde auch beim diesjährigen Rheumatologiekongress in Leipzig diskutiert, da die Auswirkungen des Klimawandels auf die Medizin vielfältig sind [2].

Mehr Allergien und tropische Erreger

Mit den ansteigenden Temperaturen verschieben sich die Klimazonen zunehmend nordwärts. Die Pollensaison beginnt früher und das allergene Potenzial der Pollen steigt. Zuvor invasive Arten werden endemisch, so beispielsweise die Ambrosia Pflanze. Während aktuell etwa 0-5% der deutschen Bevölkerung für Ambrosia sensibilisiert sind, könnte der Anstieg in nur wenigen Jahren auf 15% bis 20% ansteigen, warnte Nathalie Nidens aus Leipzig [3].

Gleichzeitig nehmen Erreger zu, die bis dahin vor allem in tropischen Gebieten vorkamen oder bei uns bisher nur einen geringen Krankheitswert hatten. Ein solches Beispiel sind Vibrionen, wie Frieder Pfäfflin aus Berlin von einem Fall berichtete [4, 5]. Ein älterer Patient war mit nur einer kleinen oberflächlichen Wunde am Bein in der Ostsee schwimmen gewesen. Kurz darauf erkrankte er schwer mit einer nekrotisierenden Fasziitis und septischem Schock. Infiziert hatte er sich mit Vibrio vulnificus. Aufgrund steigender Oberflächen- und Wassertemperaturen konnte sich der Erreger in der Ostsee in den letzten Jahren immer mehr ausbreiten [6]. Doch nicht nur Vibrionen nehmen zu. Auch mit dem West-Nil-Virus haben sich bereits Menschen in Deutschland angesteckt [7]. „Wir werden immer mehr emerging infectious diseases in den nächsten Jahren sehen. Endemiegebiete werden sich weiter ausdehnen und die Saisonalität bei bestimmten Erkrankungen wie beispielsweise der Influenza abnehmen“, erklärte Pfäfflin.

Hitze fördert Gelenkschwellungen

Die steigenden Temperaturen machen sich bereits jetzt bemerkbar, wie erste Daten aus Düsseldorf zeigen. Dort untersuchten Tim Fella und seine Kollegen, wie sich die Umgebungstemperatur und Luftfeuchtigkeit auf Gelenkschmerzen und -schwellungen bei Rheumapatienten auswirken. Die Korrelationen waren deutlich: Stieg die Umgebungstemperatur an, so nahm auch die Zahl der Patienten mit geschwollenen Gelenken zu. Stieg hingegen die relative Luftfeuchtigkeit, sank die Zahl der geschwollenen Gelenke. „Ein drohender Anstieg der Temperatur und längere Trockenperioden lassen eine Zunahme der Krankheitsaktivität bei rheumatoider Arthritis befürchten“, berichtete Fella. Verkürzt ließe sich sagen, dass je 10 °C Temperaturzunahme die Zahl der geschwollenen Gelenke um den Faktor 1,08 zunimmt [8].

Umweltfaktoren als Risiko für rheumatische Erkrankungen

Neben dem Klimawandel haben auch inhalative Noxen wie Rauch und Feinstaub einen Einfluss auf rheumatische Erkrankungen.

Rauchen beispielsweise erhöht das Risiko für rheumatoide Arthritis und dürfte für ca. 35% der ACPA (Antikörper gegen citrullinierte Proteine) positiven Fälle von rheumatoider Arthritis verantwortlich sein, berichtete Andreas Krause aus Berlin beim Kongress [9]. „Dazu reicht auch Passivrauchen aus“, warnte der Experte insbesondere vor dem Risiko für Kinder [10].

Auch das Inhalieren verschiedener Feinstäube führt zu einer erhöhten ACPA-Produktion. ACPA-positive Menschen haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Asthma und COPD. Bei der Exposition gegenüber inhalativen Umweltgiften, Rauchen und dem Vorhandensein von Risikogenen steigt das Risiko für eine ACPA-positive rheumatoide Arthritis synergistisch bis zu 18-fach an [11]. Noch deutlicher wird dies, wenn Silikone betrachtet werden. Kristalline Silicatstäube beispielsweise können die sogenannte Silikoarthritis und rheumatoide Pneumokoniosen auslösen. Während früher vor allem Männer davon betroffen waren, ist die Rheumatologie mittlerweile auch bei Frauen sensibilisiert, die durch Putzen und Waschen staubiger Kleidung kristallinen Silicatstäuben ausgesetzt sind [12]. „Es lässt sich sogar ein Zusammenhang zwischen der Schwere einer Lungenfibrose und der Anzahl der Silikat-Partikel im Serum von Patienten herstellen“, sagte der Experte. Davon betroffen sind ebenfalls Menschen mit rheumatoider Arthritis und systemischer Sklerose [13, 14].

Klimaschutz als Gesundheitsschutz

Die Klimaschutzmaßnahmen des Pariser Abkommens könnten bis zum Jahr 2040 allein in Deutschland bis zu 16.000 Todesfälle durch bessere Luftqualität, bis zu 144.000 durch gesündere Ernährung und bis zu 6.000 durch körperliche Aktivität vermeiden [15]. „Viele rheumatische Erkrankungen sind […] durch Schutzmaßnahmen gegenüber inhalativen Noxen vermeidbar“, resümiert Krause.

Autor:
Stand:
11.09.2023
Quelle:
  1. Ballester J, et al. (2023): Heat-related mortality in Europe during the summer of 2022. Nature Medicine, DOI: 10.1038/s41591-023-02419-z.
  2. Ernst D, Sander O., et al: „Umwelt und Rheuma“, 51. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie, Leipzig, 31.08.2023.
  3. Lake I.R. et al (2017): Climate change and future pollen allergy in Europe. Environmental Health Prospective, DOI: 10.1289/EHP173.
  4. Meyer H.-L. Et al (2022): “The Baltic Sea Germ”: A Case Report of Necrotizing Fasciitis following Vibrio vulnificus Infection. Case Reports in Orthopedics, DOI: 10.1155/2022/5908666.
  5. Dupke S. et al (2023): Impact of climate change on waterborne infections and intoxications, Journal of Health Monitoring, DOI: 10.25646/11402.
  6. Romanello M, et al. (2022): The 2022 report of the Lancet Countdown on health and climate change: health at the mercy of fossil fuels. The Lancet, DOI: 10.1016/S0140-6736(22)01540-9.
  7. Wilking H, et al. (2019): Erster in Deutschland durch Stechmücken übertragener Fall einer West- Nil-Virus-Infektion. Epidemiologisches Bulletin, DOI 10.25646/6302.
  8. Tim Fella: „Einfluss von Umgebungstemperatur und Luftfeuchtigkeit auf Gelenkschmerz und Gelenkschwellung bei Rheumatoider Arthritis – womit müssen unsere Patienten bei fortschreitendem Klimawandel rechnen?“ 51. Kongress der Deutschen Rheumatologischen Gesellschaft (DGRh), Leipzig, 31.08.2023.
  9. Källberg H, et al. (2011): Smoking is a major preventable risk factor for Rheumatoid arthritis Estimations of risks after various exposures to cigarette smoke. Annals of Rheumatology Disease, DOI: 10.1136/ard.2009.120899.
  10. Nguyen Y. et al. (2022): Passive smoking in childhood and adulthood and risk of rheumatoid arthritis in women: results from the French E3N cohort study. RMD Open, DOI: 10.1136/rmdopen-2021-001980.
  11. Tang B. et al. (2023): Occupational inhalable agents constitute major risk factors for rheumatoid arthritis, particularly in the context of genetic predisposition and smoking. Annals of Rheumatology Disease, DOI: 10.1136/ard-2022-223134.
  12. Sigaux J et al. (2023): Are cleaning activities a source of exposure to crystalline silica in women with rheumatoid arthritis? A case-control study. RMD Open, DOI: 10.1136/rmdopen-2023.
  13. Cavalin C. et al (2023): Crystalline silica exposure in patients with rheumatoid arthritis and systemic sclerosis: a nationwide crossectional survey. Rheumatology (Oxford), DOI: 10.1093/rheumatology/keac675.
  14. Muntyanu A. et al. (2022): Exposure to silica and systemic sclerosis: A retrospective cohort study based on the Canadian Scleroderma Research Group. Frontiers in Medicine, DOI: 10.3389/fmed.2022.984907.
  15. Hamilton, I. et al. (2021): The public health implications of the Paris Agreement: a modelling study. The Lancet - Planetary Health, DOI: 10.1016/S2542-5196(20)30249-7.
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