Der Klimawandel stellt laut WHO die größte Bedrohung für die menschliche Gesundheit im 21. Jahrhundert dar. Extremwetterlagen wie Hitze- oder Dürresommer fordern jährlich mehr Todesopfer. Allein im Sommer 2022 starben in Deutschland vermutlich 8.173 Menschen an Hitzefolgen [1]. Dieses wichtige Thema wurde auch beim diesjährigen Rheumatologiekongress in Leipzig diskutiert, da die Auswirkungen des Klimawandels auf die Medizin vielfältig sind [2].
Mehr Allergien und tropische Erreger
Mit den ansteigenden Temperaturen verschieben sich die Klimazonen zunehmend nordwärts. Die Pollensaison beginnt früher und das allergene Potenzial der Pollen steigt. Zuvor invasive Arten werden endemisch, so beispielsweise die Ambrosia Pflanze. Während aktuell etwa 0-5% der deutschen Bevölkerung für Ambrosia sensibilisiert sind, könnte der Anstieg in nur wenigen Jahren auf 15% bis 20% ansteigen, warnte Nathalie Nidens aus Leipzig [3].
Gleichzeitig nehmen Erreger zu, die bis dahin vor allem in tropischen Gebieten vorkamen oder bei uns bisher nur einen geringen Krankheitswert hatten. Ein solches Beispiel sind Vibrionen, wie Frieder Pfäfflin aus Berlin von einem Fall berichtete [4, 5]. Ein älterer Patient war mit nur einer kleinen oberflächlichen Wunde am Bein in der Ostsee schwimmen gewesen. Kurz darauf erkrankte er schwer mit einer nekrotisierenden Fasziitis und septischem Schock. Infiziert hatte er sich mit Vibrio vulnificus. Aufgrund steigender Oberflächen- und Wassertemperaturen konnte sich der Erreger in der Ostsee in den letzten Jahren immer mehr ausbreiten [6]. Doch nicht nur Vibrionen nehmen zu. Auch mit dem West-Nil-Virus haben sich bereits Menschen in Deutschland angesteckt [7]. „Wir werden immer mehr emerging infectious diseases in den nächsten Jahren sehen. Endemiegebiete werden sich weiter ausdehnen und die Saisonalität bei bestimmten Erkrankungen wie beispielsweise der Influenza abnehmen“, erklärte Pfäfflin.
Hitze fördert Gelenkschwellungen
Die steigenden Temperaturen machen sich bereits jetzt bemerkbar, wie erste Daten aus Düsseldorf zeigen. Dort untersuchten Tim Fella und seine Kollegen, wie sich die Umgebungstemperatur und Luftfeuchtigkeit auf Gelenkschmerzen und -schwellungen bei Rheumapatienten auswirken. Die Korrelationen waren deutlich: Stieg die Umgebungstemperatur an, so nahm auch die Zahl der Patienten mit geschwollenen Gelenken zu. Stieg hingegen die relative Luftfeuchtigkeit, sank die Zahl der geschwollenen Gelenke. „Ein drohender Anstieg der Temperatur und längere Trockenperioden lassen eine Zunahme der Krankheitsaktivität bei rheumatoider Arthritis befürchten“, berichtete Fella. Verkürzt ließe sich sagen, dass je 10 °C Temperaturzunahme die Zahl der geschwollenen Gelenke um den Faktor 1,08 zunimmt [8].
Umweltfaktoren als Risiko für rheumatische Erkrankungen
Neben dem Klimawandel haben auch inhalative Noxen wie Rauch und Feinstaub einen Einfluss auf rheumatische Erkrankungen.
Rauchen beispielsweise erhöht das Risiko für rheumatoide Arthritis und dürfte für ca. 35% der ACPA (Antikörper gegen citrullinierte Proteine) positiven Fälle von rheumatoider Arthritis verantwortlich sein, berichtete Andreas Krause aus Berlin beim Kongress [9]. „Dazu reicht auch Passivrauchen aus“, warnte der Experte insbesondere vor dem Risiko für Kinder [10].
Auch das Inhalieren verschiedener Feinstäube führt zu einer erhöhten ACPA-Produktion. ACPA-positive Menschen haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Asthma und COPD. Bei der Exposition gegenüber inhalativen Umweltgiften, Rauchen und dem Vorhandensein von Risikogenen steigt das Risiko für eine ACPA-positive rheumatoide Arthritis synergistisch bis zu 18-fach an [11]. Noch deutlicher wird dies, wenn Silikone betrachtet werden. Kristalline Silicatstäube beispielsweise können die sogenannte Silikoarthritis und rheumatoide Pneumokoniosen auslösen. Während früher vor allem Männer davon betroffen waren, ist die Rheumatologie mittlerweile auch bei Frauen sensibilisiert, die durch Putzen und Waschen staubiger Kleidung kristallinen Silicatstäuben ausgesetzt sind [12]. „Es lässt sich sogar ein Zusammenhang zwischen der Schwere einer Lungenfibrose und der Anzahl der Silikat-Partikel im Serum von Patienten herstellen“, sagte der Experte. Davon betroffen sind ebenfalls Menschen mit rheumatoider Arthritis und systemischer Sklerose [13, 14].
Klimaschutz als Gesundheitsschutz
Die Klimaschutzmaßnahmen des Pariser Abkommens könnten bis zum Jahr 2040 allein in Deutschland bis zu 16.000 Todesfälle durch bessere Luftqualität, bis zu 144.000 durch gesündere Ernährung und bis zu 6.000 durch körperliche Aktivität vermeiden [15]. „Viele rheumatische Erkrankungen sind […] durch Schutzmaßnahmen gegenüber inhalativen Noxen vermeidbar“, resümiert Krause.









