Diagnostische Sicherheit in der Notfallversorgung
Diagnosefehler zählen zu den häufigsten und folgenreichsten Problemen für die Patientensicherheit im Gesundheitswesen. Studien schätzen, dass jährlich rund 12 Millionen Fehldiagnosen im ambulanten Sektor der USA auftreten, fast die Hälfte davon mit schwerwiegenden klinischen Konsequenzen. Die Notaufnahme gilt aufgrund ihres hohen Arbeitsdrucks, der begrenzten Zeit pro Patient und der eingeschränkten diagnostischen Ressourcen als besonders anfällig für solche Fehler. Dennoch ist die Datenlage zu Häufigkeit und Auswirkungen von Fehldiagnosen in Notaufnahmen bislang begrenzt – insbesondere bei älteren Menschen mit komplexen Vorerkrankungen.
Wie häufig sind Fehldiagnosen in der Notaufnahme und welche Folgen haben sie?
Um diese Wissenslücke zu schließen, analysierten Forscher um die Notfallmedizinerin Dr. Michelle Lin von der Stanford University in Palo Alto, USA, Daten von über 300.000 Notfallhospitalisierungen bei Medicare-Versicherten ab 65 Jahren.
Im Fokus standen zehn akute, potenziell lebensbedrohliche Erkrankungen, darunter Myokardinfarkt, ischämischer Schlaganfall, Aortendissektion und Meningitis. Die Forschenden überprüften, ob in den neun Tagen vor einer Notfallaufnahme ein vorheriger Besuch in der Notaufnahme mit Entlassung (ohne Aufnahme) erfolgte – ein möglicher Hinweis auf eine initiale Fehldiagnose. Zusätzlich wurde ein Vergleichskollektiv mit ähnlichem Risikoprofil herangezogen, bei dem keine Hinweise auf Diagnosefehler bestanden.
Zentrale Studienergebnisse: Fehldiagnosen sind selten, aber folgenreich
Die Studienergebnisse zeigen:
- Häufigkeit potenzieller diagnostischer Fehler: Im Gesamtmittel lag die bereinigte Rate potenzieller Fehldiagnosen bei 3,2 %. Zwischen den Erkrankungen gab es erhebliche Unterschiede: Bei Spinalabszessen lag die Rate bei 15,6 %, bei spontanen intrakraniellen Blutungen hingegen nur bei 2,1 %. Die Rate potenzieller Fehldiagnosen bei kardiovaskulären Erkrankungen lag beim Herzinfarkt bei 2,5 %, beim Aortenaneurysma bei 3,7 % und bei Aortendissektion bei 2,6 %,
- Assoziation mit Mortalität: Patienten mit einem potenziellen Diagnosefehler wiesen eine signifikant höhere 30-Tages-Sterblichkeit auf (15,7 % vs. 14,9 %; absolute Differenz 0,8 Prozentpunkte; p = 0,007).
- Gesunde Tage zu Hause: Die von einem Diagnosefehler Betroffenen verbrachten im Schnitt 1,4 Tage weniger gesund zuhause (13,5 vs. 15,0 Tage beim Vergleichskollektiv; p < 0,001).
- Besonderheiten bei hämorrhagischen Schlaganfällen: Überraschenderweise war bei subarachnoidaler und intrakranieller Blutung eine vorangegangene Entlassung aus der Notaufnahme mit einer niedrigeren Mortalität assoziiert – vermutlich infolge eines geringeren initialen Schweregrads der Erkrankung.
Selektive Verbesserungsmöglichkeiten bei Hochrisikodiagnosen
Trotz der insgesamt moderaten Fehlerquote zeigen sich bei bestimmten Erkrankungen – wie Meningitis und Spinalabszess – überdurchschnittlich hohe Raten von Fehldiagnosen. Hier besteht besonderer Handlungsbedarf, wobei Untersuchungen zeigen, dass mehr Diagnostik nicht zwangsläufig zu besseren Behandlungsergebnissen führt. So führte etwa das verstärkte Screening auf Spinalabszesse nicht zu höherer diagnostischer Genauigkeit, sondern lediglich zu vermehrter Bildgebung. Maßnahmen zur Reduktion diagnostischer Fehler sollten daher differenziert erfolgen.
Fazit: Diagnosefehler verursachen erhöhte Mortalität
Die Studie von Lin et al. liefert erstmals umfassende, US-weite Daten zur Häufigkeit potenzieller Diagnosefehler bei älteren Notfallpatienten und deren Auswirkungen. Obwohl die meisten Fehler selten waren, zeigen sie eine deutliche Assoziation mit erhöhter Mortalität und einer reduzierten Lebensqualität im weiteren Verlauf.
Verbesserte Diagnostik, gezielte Weiterbildung und strukturelle Verbesserungen können dazu beitragen, die diagnostische Sicherheit bei Hochrisikopatienten zu erhöhen.









