Impfquoten steigen messbar
Seit Inkrafttreten des Masernschutzgesetzes im Jahr 2020 haben sich die Impfquoten signifikant verbessert. Nach Daten des Robert Koch-Instituts stieg der Anteil zweimal geimpfter Kinder im Alter von 24 Monaten von 70 % (2019) auf 77 % (2023). Bei Sechsjährigen nahm die Quote im gleichen Zeitraum von 89 % auf 92 % zu. Damit zeigt die Pflichtimpfung einen klaren Effekt auf die Durchimpfung.
„Die Masernimpfpflicht hat zur Steigerung der Impfquoten beigetragen und den Bevölkerungsschutz verbessert“, sagte Dr. Julia Neufeind (RKI) auf der Nationalen Impfkonferenz.
Reaktanz bleibt bestehen
Parallel zu den quantitativen Erfolgen zeigen bevölkerungsbasierte Längsschnittstudien jedoch, dass die Impfpflicht nicht ohne psychologische Nebenwirkungen bleibt. Ein Teil der Betroffenen empfindet die Maßnahme weiterhin als Einschränkung der Entscheidungsfreiheit. Dieses Gefühl der Reaktanz blieb in Erhebungen über mehrere Jahre weitgehend stabil.
Neufeind betonte: „Reaktanz verschwindet nicht automatisch mit der Zeit. Sie bleibt bei einem Teil der Betroffenen bestehen.“
Spill-over-Effekte auf andere Impfungen
Besonders relevant für den Praxisalltag ist ein beobachteter Spill-over-Effekt. Eltern mit hoher Reaktanz gegenüber der Masernimpfpflicht nehmen andere empfohlene Impfungen seltener in Anspruch. In Auswertungen zeigte sich etwa bei der Meningokokken-C-Impfung eine deutliche Differenz: Impfquoten waren bei niedriger Reaktanz mehr als doppelt so hoch wie bei ausgeprägtem Widerstand.
„Unsere Daten zeigen, dass sich Widerstand gegen die Pflichtimpfung auch auf das Impfverhalten insgesamt auswirken kann“, so Neufeind.
Vertrauen beeinflusst die Wirkung der Pflicht
Ein zentraler moderierender Faktor ist das Vertrauen in Institutionen und Empfehlungen. Hohe institutionelle Glaubwürdigkeit geht mit geringerer Reaktanz einher. Umgekehrt verstärken unsichere oder uneinheitliche Umsetzungen sowie unklare Kommunikation den Widerstand.
Auch strukturelle Aspekte spielten eine Rolle: Sanktionen wurden selten umgesetzt, Zuständigkeiten waren teilweise unklar. Diese Inkonsistenzen erschwerten die Akzeptanz der Maßnahme.
Was bedeutet das für die Versorgung?
Für Ärzte ergibt sich daraus eine klare Schlussfolgerung. Impfpflichten können wirksam sein, ersetzen aber nicht das ärztliche Gespräch. Gerade im Kontext verpflichtender Impfungen bleibt es entscheidend, Raum für Fragen, Einordnung und transparente Information zu schaffen. Andernfalls kann Reaktanz auch die Bereitschaft zu anderen, nicht verpflichtenden Impfungen beeinträchtigen.
Fazit
Die Masernimpfpflicht ist aus Public-Health-Sicht erfolgreich. Gleichzeitig zeigen RKI-Daten: Ohne begleitende Kommunikation und Vertrauensarbeit kann sie unbeabsichtigte Effekte auf die Impfakzeptanz insgesamt haben.












