Die Omikron-XBB-Subvarianten des SARS-CoV-2-Virus zeigen starke Immunflucht-Fähigkeiten. Dies kann besonders für ältere Menschen und Personen mit Grunderkrankungen gefährlich sein. Um den Immunschutz aufzufrischen, sollten sich diese Gruppen mit XBB.1-variantenangepasste Auffrischimpfungen impfen lassen. Aktuell gibt es zwei zugelassene Covid-19-mRNA-Impfstoffe dieser Klasse: Comirnaty® Omicron XBB.1.5 von BioNTech/Pfizer und Spikevax® XBB.1.5 von Moderna. Die Zulassung eines proteinbasierten angepassten Impfstoffs von Novavax wird in den kommenden Wochen erwartet.
Bislang gab es nur Vorabinformationen der Impfstoffhersteller, dass die adaptierten Covid-19-Vakzine die neueren Varianten wirksam bekämpfen können. Öffentlich zugängliche Praxisdaten fehlten aber. Eine erste klinische Studie bescheinigt jetzt der Auffrischungsimpfung mit Comirnaty XBB.1.5 einen guten Immunschutz. Die Ergebnisse der Untersuchung, die von Dr. Metodi Stankov und seinem Team an der Medizinischen Hochschule Hannover durchgeführt wurde, sind als Preprint auf dem MedRxiv-Server veröffentlicht [1].
Hohe Rate an vorherigen Infektionen und Auffrischimpfungen
In ihrer Untersuchung analysierte die Arbeitsgruppe die Immunreaktionen von 65 Personen, die im Rahmen der laufenden Covid-19-Kontaktstudie (CoCo) mit dem adaptierten monovalenten Impfstoff Comirnaty Omicron XBB.1.5 (30 μg) geboostert wurden. Vor Studienbeginn hatten 66% der Teilnehmenden bereits vier oder mehr Impfungen erhalten. 30% der Probanden waren zuvor mit dem bivalenten, angepassten Impfstoff (Famtozinameran/Tozinameran) aus dem vergangenen Jahr geimpft worden.
Von allen Geimpften berichteten 84%, bereits eine frühere SARS-CoV-2-Infektion erlebt zu haben, und 79% gaben an, während der von Omikron dominierten Phasen mit dem Coronavirus infiziert gewesen zu sein. Lediglich 9,5% der Teilnehmer hatten nach eigener Aussage weder eine SARS-CoV-2-Infektion gehabt noch eine Auffrischungsimpfung gegen Omikron erhalten.
Signifikante Steigerung spezifischer Antikörper
Die Immunreaktionen wurde durchschnittlich 9,4 Tage nach der Impfung mit Comirnaty XBB.1.5 analysiert. Vor der Impfung wiesen die Teilnehmenden im Mittel 1422 ± 1153 bindende Anti-Spike-IgG-Antikörper-Einheiten pro Milliliter (BAU/mL) und 199 ± 140 relative Omikron-IgG-Antikörper-Einheiten (RU/mL) auf. Der Booster führte zu einem signifikanten Anstieg von Anti-Spike-IgG und Omikron-Anti-Spike-IgG um das 2,9- bzw. 3,6-fache.
Bedeutung der Gedächtnis-B-Zellen
Vor der Auffrischimpfung produzierten Gedächtnis-B-Zellen (MBCs) Antikörper, die sowohl die Rezeptorbindedomäne (RBD) des Spike-Proteins des Wildtyp-Virus als auch die der XBB.1.5-Variante erkennen. Nach der Impfung nahm die Gesamtmenge der RBD-bindenden MBCs zu, ebenso wie die kreuzreaktiven MBCs. Diese blieben die dominierende MBC-Population, die Anti-Spike-IgG produzierte, während sich der Anteil der ausschließlich XBB.1.5-RBD-bindenden MBCs nicht änderte. Insgesamt stieg die Menge der RBD-bindenden MBCs um 40,3%, wovon 88% auf den Anstieg der kreuzreaktiven MBCs zurückzuführen waren.
Anstieg der neutralisierenden Antikörper
Außerdem quantifizierten die Forschenden den Anteil der neutralisierenden Antikörper gegen Spike-Proteine von sieben verschiedenen SARS-CoV-2-Linien sowie SARS-CoV-1. Nach dem Comirnaty-XBB.1.5-Booster stiegen die Ansprechraten für alle Virusvarianten an, insbesondere für die aktuellen SARS-CoV-2-Linien. Die Neutralisierungstiter für XBB.1.5, XBB.1.16, EG.5.1, XBB.2.3 und BA.2.86 erhöhten sich im Median um das 44-, 32-, 34-, 48- bzw. 17-Fache.
Verglichen mit den publizierten Neutralisierungsdaten nach einer Impfung mit Spikevax-XBB.1.5 (7,5–14-fach) liegt der Steigerungsfaktor bei Comirnaty-XBB.1.5 höher. Das ist jedoch auf die signifikant niedrigen Ausgangswerten in der Comirnaty-Testgruppe zurückzuführen. Bei Betrachtung der absoluten Endwerte induzierte Spikevax durchschnittlich etwa 32% höhere neutralisierende Antikörpertiter [2].
Stärkung der zellulären Immunität
Darüber hinaus lieferte die Untersuchung Antworten zur zellulären Immunität. Vor der Auffrischungsimpfung war die Anzahl der Interferon(IFN)-γ-Spike-reaktiven CD4+- und CD8+-T-Zellen im Vergleich zu den Kontrollen niedriger. Nach der Comirnaty-XBB.1.5-Booster-Impfung stiegen die Mengen an IFN-γ- und TNF-α-produzierenden CD4+- und CD8+-T-Zellen signifikant an, nachdem sie Spike-spezifischen Peptiden ausgesetzt waren. Ebenso wurde ein deutlicher Anstieg der Spike-responsiven IFN-γ-produzierenden T-Zellen im Vollblut festgestellt.
Schlussfolgerung und STIKO-Empfehlung
Die vorliegenden Daten legen nahe, dass sowohl Comirnaty Omicron XBB.1.5 als auch Spikevax XBB.1.5 effektiv gegen die derzeit zirkulierenden XBB-Subvarianten und die neue BA.2.86-Variante schützen.
Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut (RKI) hat bereits Empfehlungen für den Einsatz dieser Impfstoffe herausgegeben. Sie rät insbesondere Menschen ab 60 Jahre und Personen ab sechs Monate, die aufgrund von Grunderkrankungen ein erhöhtes Risiko für schwere Covid-19-Verläufe haben, zu einer Auffrischimpfung mit einem an die neuen Varianten angepassten Impfstoff.








