Die Haut ist nicht nur das größte Organ des menschlichen Körpers. Sie ist auch der Bereich, in dem sich Erkrankungen meist am schlechtesten kaschieren lassen. Das kann zur Stigmatisierung der Betroffenen führen, zusätzlich zum Leid, dass die Erkrankung selbst mit sich bringt. Das Hautbild wird durch viele verschiedene Faktoren beeinflusst, unter anderem durch Stress und die eigene psychische Gesundheit. Diese wechselseitigen Beeinflussungen von Psyche und dermatologischen Erkrankungen war Thema des Arbeitskreises „Psychosomatische Medizin“ bei der 52. Tagung der Deutschen Dermatologie Gesellschaft in Berlin.
Krankheitsakzeptanz und Hilfe
Eine Diagnose kann ein einschneidendes Ereignis für Betroffene sein. Auf der einen Seite hat das, was sie schon länger beschäftigt oder quält, einen Namen bekommen. Auf der anderen Seite steht die Gewissheit, dass manches vielleicht für immer so bleiben oder schlechter wird oder die Diagnose gar lebensverkürzend ist. Das zu akzeptieren müssen Betroffene erst lernen. Doch: „Da stellt sich die Frage, wie kann man das eigentlich akzeptieren? All diese Einschränkungen, die eine Krankheit mit sich bringt?“, fragte der Psychologe und Verhaltenstherapeut Christian Stierle aus Hamburg während der Veranstaltung.
„Auch in der Psychotherapie ist es oft eigentlich sehr unklar, was das bedeutet, wenn Menschen sagen: jetzt akzeptiere ich meine Erkrankung!“ Helfen kann dabei, die Gegenperspektive einzunehmen: Was würde passieren, wenn die Krankheit nicht akzeptiert würde? Oder das therapeutische Tool „Eigene Grabrede schreiben“ einzusetzen, bei dem die Betroffenen überlegen sollen, was in ihrer eigenen Grabrede über sie gesagt werden solle. Meist sei das, so der Psychologe, nicht „hatte eine Schuppenflechte, ist gestorben“. Auch therapeutische Verfahren wie die ACT (Acceptance and Commitment Therapy) oder die CFT (Compassion-Focused Therapy) können dabei unterstützen, eine Krankheitsakzeptanz zu erlangen. Vor allem bei den Betroffenen, bei denen eine kognitive Verhaltenstherapie nicht gut oder ausreichend anschlägt, kann die ACT ein hilfreicher Ansatz sein. Sie arbeitet viel mit der Metaperspektive und Metaphern.
Psychodermatologie fördern
Dafür braucht es eine engere Verzahnung von Psychosomatik und Psychotherapie mit der Dermatologie. Denn dermatologische Erkrankungen gehen nicht selten mit seelischer Belastung und Komorbiditäten wie Depressivität, Ängstlichkeit, Sexualitätsproblemen, beruflichen Schwierigkeiten, Stigmatisierung, Einsamkeit und vielem mehr einher. Psychodermatologische Spezialisierungen sind jedoch selten. Deshalb soll die Psychodermatologie künftig mehr in den Fokus gerückt werden.
Update Leitlinie „Psychosomatische Dermatologie“
Bereits seit fünf Jahren gibt es eine S1-Leitlinie zur Psychodermatologie. „In den letzten Jahren haben wir gelernt, zu akzeptieren, dass Körper und Psyche in Wechselwirkung zueinander stehen“, sagte Christina Schut aus Gießen. Das soll in der Ende April genehmigten Aktualisierung nun noch stärker verankert werden und die Leitlinie deshalb auf ein S3-Niveau angehoben werden.
Ebenso soll herausgearbeitet werden, wie schneller und sicher diagnostiziert werden kann, ob psychosoziale Komponenten bei einer dermatologischen Erkrankung eine Rolle spielen. Einen weiteren Aspekt sollen Ansatzpunkte für Behandlungen darstellen, die die S3-Leitlinie definieren soll. „Wir hoffen, dass wir so das Wissen ein bisschen mehr in die Praxis bringen können. Es muss klar werden, dass es von Anfang an wichtig ist, Achtsamkeit und Wissen an die Patienten zu bringen“, ordnete die Ärztin ein.
Studien zeigen Stigmatisierungsproblem
Auch in der Forschung bewegt sich im Bereich der Psychodermatologie viel, um Wissenslücken zu schließen. Drei große Studien und zum Teil bereits analysierte Daten stellte PD Dr. Rachel Sommer aus Hamburg beim Kongress vor: die ECHT-Studie, die BEGINN-Studie und die DEVISE-Studie.
(Ent-)Stigmatisierung durch Außenstehende
Die ECHT-Studie befasst sich mit der Entstigmatisierung von Menschen mit sichtbaren chronischen Hauterkrankungen. Zielgruppe waren Medizinstudierende und Erzieher. Bei ihnen wurden vor und nach einer edukativen Intervention mit Übungen, einem Theorieteil und einem Begegnungsteil unter anderem negative Stereotypen erhoben. Nach der Intervention konnten signifikante Veränderungen der Endpunkte wie ein Absinken negativer Stereotypen gemessen werden. Betroffene berichteten jedoch, dass vor allem in vielen körpernahen Dienstleistungen Probleme mit Stigmatisierung bestünden.
Daraus resultierte die Studie „Beruf und Gesundheit in körpernahen Dienstleistungen“, kurz BEGINN. Ziel dieser Studie sind unter anderem Menschen aus dem Friseurberuf und der Physiotherapie. Auch sie wurden vor, unmittelbar und drei Monaten nach einer Intervention zu Stigmatisierungen bei Hauterkrankungen befragt. „Aktuell werden die Daten noch ausgewertet. Erste prä-post Daten zeigen aber, dass auch hier die Zustimmung zu negativen Stereotypen und Fehlannahmen in der Interventionsgruppe nach der Intervention signifikant abnahm“, berichtete Sommer. Interessanterweise sank der Wunsch nach Distanz bei Interventions- und Kontrollgruppe. Ebenso konnten beide Gruppen einen persönlichen als auch beruflichen Nutzen der Intervention erkennen. „Wir sind zurzeit nun im Austausch mit der Industrie- und Handelskammer in Hamburg, um zu schauen, wie die Ergebnisse in die Ausbildungen integriert werden können“, erzählte Sommer von ersten praktischen Umsetzungen.
Studie zu Selbststigmatisierung in Planung
Stigmatisierung erfahren Menschen mit sichtbaren chronischen Hauterkrankungen jedoch nicht nur durch andere. Auch sie selbst stigmatisieren sich. Um dem entgegenwirken zu können, läuft dieses Jahr im Frühsommer eine weitere randomisiert-kontrollierte Studie an 15 Zentren in Deutschland an - die DEVISE-Studie. Mit ihr soll getestet werden, ob eine Online-Intervention die Selbststigmatisierung reduzieren kann. Die Online-Intervention unter dem Namen „Haut Kompass“ besteht aus acht Modulen und soll von den Teilnehmenden zuhause am eigenen Rechner durchlaufen werden können. Sie wurde basierend auf zwei systematischen Literaturreviews entwickelt, die das Team um Rachel Sommer durchgeführt hat. Insgesamt sollen 500 Betroffene rekrutiert werden und unmittelbar vor der Intervention, unmittelbar danach und nach sechs Monaten evaluiert werden. „Sollten positive Effekte gesehen werden, kann die Studie unter Umständen um weitere zwei Jahre verlängert werden und dann auch schon auf andere Altersgruppen erweitert werden. Vielleicht auch auf Kinder und Jugendliche“, erhofft sich die Studienautorin.
Auch die eigenen Emotionen im Blick behalten
Alle Studien und die Aktualisierung der Leitlinie fokussieren sich nicht nur darauf, Patienten zu helfen, ihre Erkrankung besser anzunehmen und psychische Komorbiditäten zu reduzieren. Es soll auch ein besseres Bewusstsein unter medizinischem Personal geschaffen werden, dass es gerade bei Hauterkrankungen wie dem Prurigo auch zu Somatisierungen kommen kann. Gleichzeitig soll Fachpersonal sensibilisiert werden, die eigenen Einstellungen zu hinterfragen, um unvoreingenommen an Patienten herangehen zu können. Nur dann können die Betroffenen frühzeitig herausgefiltert werden, die neben der rein somatischen Therapie mehr Unterstützung brauchen, denn auch das lässt sich abrechnen, empfiehlt resümierend Gabriele Rapp aus Stuttgart. „Wenn eine psychosomatische Grundversorgung vorhanden ist, nutzen Sie diese!“









