Selbstschädigendes Verhalten an Fingernägeln – ein unterschätztes dermatologisches Phänomen
Veränderungen an Nägeln sind häufig Gegenstand dermatologischer Konsultationen und können sowohl systemische als auch primär dermatologische Ursachen haben. Eine besondere diagnostische Herausforderung stellen selbstinduzierte Nagelstörungen (Self-Induced Nail Disorders, SINDs) dar, die durch repetitives, oft unbewusstes Verhalten entstehen. Diese Verhaltensweisen gehören zur Gruppe der körperbezogenen repetitiven Verhaltensstörungen (body-focused repetitive behaviors, BFRBs).
Die häufigsten Formen dieser Störungen umfassen Onychophagie (Nägelkauen), Onychotillomanie (Zupfen/Pulen an Nägeln), exzessive Maniküre sowie das Entfernen künstlicher Nägel. Trotz ihrer klinischen Relevanz gibt es bislang nur wenige systematische Untersuchungen zur Häufigkeit, Komorbiditäten und zum Behandlungsverhalten betroffener Patienten.
Multizentrische Studie untersucht Patienten mit Nägelkauen genauer
Ziel der prospektiven multizentrischen Kohortenstudie der Istanbul Arel University war es, demografische und klinische Charakteristika von Patienten mit SINDs zu erfassen. In 13 dermatologischen Zentren in der Türkei wurden zwischen Februar und Juni 2024 insgesamt 675 Patienten mit entsprechender Diagnose rekrutiert. Neben anamnestischen Angaben zu weiteren BFRBs und psychiatrischen Erkrankungen wurden auch die subjektive Belastung und das Behandlungsverhalten dokumentiert.
Studie teilt SINDs in Subgruppen ein
Die SINDs wurden in sechs Subgruppen klassifiziert, darunter klassische Formen wie Onychophagie und neu beschriebene Muster wie das wiederholte Entfernen von Nagellack oder künstlichen Nägeln. Diagnostiziert wurden diese durch dermatologische Fachkräfte anhand klinischer Befunde und strukturiertem Anamnesegespräch.
Klinische Profile und Komorbiditäten bei SIND: Wer ist betroffen?
Das mittlere Alter der Patienten lag bei etwa 29 Jahren, das durchschnittliche Manifestationsalter bei 16 Jahren. 60,9 % der Betroffenen waren weiblich. Besonders auffällig war der hohe Anteil (47 %) an Patienten, die mehreren Subtypen gleichzeitig zugeordnet werden konnten.
Etwa 45 % der Betroffenen litten zusätzlich an anderen BFRBs, am häufigsten waren hier Wangenkauen oder Lippenbeißen (55,7 %) und Acne excoriée (44,9 %). Frauen zeigten signifikant häufiger weitere BFRBs als Männer. Auch familiäre Häufungen waren erkennbar: Bei 27 % der Patienten lag eine positive Familienanamnese für BFRBs vor.
Psychische Komorbiditäten bei Nägelkauen und anderen SINDs
Bei 22 % der Teilnehmer war bereits eine psychiatrische Erkrankung diagnostiziert. Häufige Komorbiditäten waren: Ängste oder Angststörungen (33 %), Depressionen (30 %), Zwangsstörungen (11 %), Panikattacken (5 %) und ADHS (3 %).
Interessanterweise zeigten sich deutliche Parallelen zwischen psychischer Morbidität und Behandlungsbereitschaft: Nur 19 % suchten medizinische Hilfe; Patienten mit psychischen Komorbiditäten waren hierzu signifikant eher bereit. Häufig bestand bereits eine medikamentöse Vorbehandlung, während psychotherapeutische Interventionen kaum genutzt wurden.
Warum Patienten mit SIND selten einen Arzt aufsuchen
Obwohl SINDs mit funktionellen Einschränkungen oder kosmetisch störenden Befunden einhergehen, wird nur ein kleiner Teil der Betroffenen ärztlich vorstellig. Die Gründe sind vielfältig: gesellschaftliche Bagatellisierung, unzureichende Aufklärung über Therapieoptionen oder auch Schamgefühle.
Dermatologen kommt zentrale Rolle bei SIND zu
Die Studie zeigt eindrücklich, dass Dermatologen eine zentrale Rolle bei der frühzeitigen Erkennung und interdisziplinären Versorgung haben. Eine strukturierte Anamnese, die gezielt nach anderen BFRBs neben SIND fragt, ist essenziell. Zur unterstützenden Behandlung eignen sich Barriere-Methoden, topische Substanzen mit antiinflammatorischer Wirkung und – bei Vorliegen psychischer Komorbiditäten – Verhaltenstherapie oder medikamentöse Optionen wie N-Acetylcystein.
Selbstinduzierte Nagelstörungen mit hoher klinischer Relevanz
Die Ergebnisse der Studie unterstreichen die klinische Relevanz selbstinduzierter Nagelstörungen im dermatologischen Alltag. SINDs sind nicht nur Ausdruck selbstschädigenden Verhaltens, sondern häufig auch Hinweis auf eine zugrunde liegende psychische Belastung. Eine umfassende Diagnostik und interdisziplinäre Versorgung sind daher unerlässlich.
Zukünftige Studien sollte sich insbesondere der Evaluation wirksamer multimodaler Therapieansätze widmen und den Einfluss digitaler Hilfsmittel wie Awareness-Tracker oder App-gestützter Verhaltenstherapien untersuchen. Ziel muss es sein, betroffene Patienten frühzeitig zu erkennen, individuell zu beraten und in ein geeignetes therapeutisches Setting zu überführen.







