Diabetes mellitus mindert Erwerbstätigkeit und Arbeitsfähigkeit

Diabetes mellitus wirkt sich erheblich auf die Erwerbstätigkeit aus. Eine aktuelle Übersichtsarbeit zeigt geringere Beschäftigungsquoten, vermehrte Fehlzeiten und Produktivitätsverluste sowie den Einfluss von Arbeitsbedingungen und ersten Interventionsansätzen.

Arbeitsunfaehigkeitsbescheinigung

Die Bedeutung der Erwerbstätigkeit für die Gesundheit ist gut belegt. Sie fördert soziale Teilhabe, strukturiert den Alltag und trägt zur psychischen Stabilität bei. Arbeitslosigkeit hingegen ist mit einer erhöhten Belastung durch psychische und körperliche Erkrankungen, erhöhter Morbidität und einer verkürzten Lebenserwartung verbunden. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage an Relevanz, wie sich chronische Erkrankungen wie Diabetes mellitus auf die berufliche Teilhabe auswirken.

Immer mehr Menschen mit Diabetes im erwerbsfähigen Alter

Weltweit steigt die Zahl der Menschen mit Diabetes in der erwerbsfähigen Bevölkerung. Neben direkten Gesundheitskosten verursacht die Erkrankung erhebliche indirekte Belastungen. Produktivitätsverluste, krankheitsbedingte Fehlzeiten und ein vorzeitiger Rückzug aus dem Berufsleben führen zu volkswirtschaftlichen Kosten, die allein in den USA im Jahr 2022 auf bis zu 35,8 Milliarden US-Dollar geschätzt wurden.

Einfluss von Diabetes auf die Erwerbsfähigkeit

Eine aktuelle in „Nature Reviews Endocrinology“ veröffentlichte Übersichtsarbeit hat die Evidenz zum Einfluss von Diabetes auf Erwerbstätigkeit, Produktivität und Arbeitsfähigkeit systematisch zusammengefasst. Ausgewertet wurden internationale Studien zu Beschäftigungsquoten, Arbeitslosigkeit, Frühverrentung, Absentismus, Präsentismus sowie zu arbeitsplatzbezogenen Interventionen und zum Selbstmanagement am Arbeitsplatz.

Deutliche Auswirkungen auf Beschäftigung und Erwerbsverlauf

Die Auswertung zeigt deutlich, dass Menschen mit Diabetes seltener erwerbstätig sind und häufiger einen Bruch in ihrer Erwerbsbiografie erleben. In einer Vielzahl der Studien war die Chance, einer bezahlten Beschäftigung nachzugehen, im Vergleich zu Personen ohne Diabetes niedriger (Odds-Ratio zwischen 0,48 und 0,82). Auch das Risiko, arbeitslos zu werden, war je nach Studie um das 1,2- bis 3,1-Fache gesteigert. Besonders ausgeprägt zeigte sich dieses Muster bei Männern und bei Personen mit diabetesbedingten Folgeerkrankungen.

Frühverrentung und verringerte Arbeitslebenszeit

Auch ein vorzeitiger Ausstieg aus dem Erwerbsleben ist häufiger. Die Wahrscheinlichkeit einer Frühverrentung war in den meisten Untersuchungen erhöht, ebenso der Bezug von Erwerbsminderungsrenten. Nach dänischen Daten verlieren Menschen mit Diabetes, die im Alter von 35 Jahren erkranken, im Durchschnitt bis zu acht potenzielle Erwerbsjahre im Vergleich zu Gleichaltrigen ohne Diabetes.

Produktivitätseinbußen im Arbeitsalltag

Diabetes wirkt sich auch auf die Produktivität aus. Sowohl krankheitsbedingte Fehlzeiten als auch verminderte Leistungsfähigkeit während der Arbeit treten bei Betroffenen verstärkt auf. Die Mehrheit der Studien beschreibt eine erhöhte Anzahl von Fehltagen, insbesondere bei langen Ausfallzeiten. In Dänemark wurden bei Diabetes Typ 1 und Typ 2 häufiger Krankheitsphasen von mindestens vier Wochen Dauer registriert. Eine japanische Kohortenstudie zeigte zusätzlich mehr Fehltage aufgrund psychischer Belastungen wie Stress und Anpassungsstörungen.

Einflussfaktoren und arbeitsplatzbezogene Interventionen

Komplikationen und Begleiterkrankungen beeinflussen die Arbeitsfähigkeit erheblich. Periphere Neuropathie, Sehstörungen, kardiovaskuläre Ereignisse und Nierenerkrankungen sind bei Diabetikern mit eingeschränkter Leistungsfähigkeit und häufigeren Fehlzeiten verbunden. Psychische Komorbiditäten wie Depressionen verstärkten diesen Effekt zusätzlich. Interventionen am Arbeitsplatz zeigten hingegen erste positive Ansätze. Programme zu Ernährung und Bewegung sowie digitale Gesundheitsangebote verbesserten in einzelnen Studien die Leistungsfähigkeit und verringerten krankheitsbedingte Einschränkungen. Darüber hinaus ging die kontinuierliche Glukosemessung mit einer Reduktion selbstberichteter Fehlzeiten einher.

Starker Einfluss der Arbeitsbedingungen

Berufliche Rahmenbedingungen können laut der Studie die Stoffwechseleinstellung beeinträchtigen. Lange Arbeitszeiten erschwerten in mehreren Studien die Therapie und waren mit schlechterer glykämischer Kontrolle verbunden. Auch Schichtarbeit wirkte sich ungünstig aus, insbesondere bei Typ 1. Zeitdruck, unregelmäßige Mahlzeiten und Schlafstörungen gelten hierbei als zentrale Belastungsfaktoren. Beschäftigte berichteten zudem von Stigmatisierung und Schwierigkeiten beim Selbstmanagement, was teilweise zu bewusst erhöhten Glukosewerten im Arbeitsumfeld führte.

Diabetiker in der Erwerbsfähigkeit unterstützen

Die Ergebnisse des Reviews zeigen, dass Diabetes die berufliche Teilhabe beeinträchtigt. Die Aussagekraft der Evidenz ist jedoch begrenzt, da viele Arbeiten auf Querschnittsdaten, Selbstangaben und uneinheitlichen Messmethoden beruhen. Differenzierte Analysen zu Diabetesform, Therapie, Arbeitsbedingungen und psychosozialen Faktoren fehlten häufig, sodass weiterer Forschungsbedarf besteht.

Eine stärkere Verzahnung von Diabetologie und Arbeitsmedizin erscheint dennoch auch mit der bisherigen Evidenzlage sinnvoll, um Betroffene frühzeitig zu unterstützen und ihre Erwerbsfähigkeit zu sichern. Arbeitsbezogene Aspekte sollten künftig stärker in Beratung und Versorgung integriert werden, um eine langfristig stabile und gesunde Berufstätigkeit für Menschen mit Diabetes zu fördern.

Autor:
Stand:
01.12.2025
Quelle:

Tomic, D., Walker-Bone, K., Keegel, T. et al. (2025): Diabetes and work participation. Nat Rev Endocrinol; DOI:10.1038/s41574-025-01194-w

  • Teilen
  • Teilen
  • Teilen
  • Drucken
  • Senden