Ramadan und Diabetes: Individuelle Schwankungen der glykämischen Kontrolle

Ramadan-Fasten kann für Typ-2-Diabetiker eine Herausforderung sein. Wie wirkt es sich auf die Blutzuckerwerte aus? Welche Risiken gibt es? Erfahren Sie was eine neue Real-World-Studie zeigt und welchen Einfluss die glykämische Ausgangssituation des Patienten hat.

Diabetes_Blut

Das Fasten während des Ramadan gehört zu den fünf Säulen des Islams und erfordert, dass Muslime zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang vollständig auf Essen und Trinken verzichten. Diese Form des intermittierenden Fastens kann für Patienten mit Typ-2-Diabetes medizinische Herausforderungen mit sich bringen, insbesondere im Hinblick auf die glykämische Kontrolle. Während Fachgesellschaften häufig empfehlen, bei instabil eingestelltem Diabetes auf das Fasten zu verzichten, entscheiden sich viele Patienten aus religiösen Gründen dennoch dazu.

Globale Bedeutung des Ramadan-Fastens für Typ-2-Diabetiker

Weltweit sind mehr als 500 Millionen Menschen von Diabetes betroffen, darunter viele Muslime. Besonders in Regionen mit hohem muslimischem Bevölkerungsanteil, wie im Nahen Osten und Nordafrika, ist Typ-2-Diabetes überdurchschnittlich verbreitet. Trotz medizinischer Empfehlungen fasten viele muslimische Diabetiker dennoch, was das Diabetesmanagement erschwert. Die Herausforderung für behandelnde Ärzte besteht darin, geeignete Empfehlungen zu geben, um diabetische Komplikationen zu vermeiden. Hierzu ist die Datenlage bisher jedoch gering.

Analyse von Real-World-Daten zu Ramadan und Diabetes

Vor diesem Hintergrund untersuchten israelische Forscher, wie sich das Ramadan-Fasten auf die Blutzuckerwerte und den HbA1c-Spiegel bei Typ-2-Diabetikern auswirkt. Die historisch-prospektive Kohortenstudie analysierte elektronische Gesundheitsdaten von 1.030 Patienten (209 muslimischen und 821 nicht-muslimischen), die zwischen 2011 und 2016 erfasst wurden. Eingeschlossen wurden Erwachsene zwischen 40 und 70 Jahren, die seit mindestens einem Jahr an Typ-2-Diabetes erkrankt waren. Verglichen wurden die Werte für Nüchternblutzucker und HbA1c jeweils 90 Tage vor Beginn und bis zu 45 Tage nach Ende des Ramadan.

HbA1c-Schwankungen bei initial gut eingestellten Diabetikern

Insgesamt ergab die Studie, dass muslimische Teilnehmer eine höhere Wahrscheinlichkeit hatten, während des Ramadan eine Veränderung des HbA1c-Wertes von ≥0,5 % zu verzeichnen (Odds-Ratio: 1,89). Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass das Ramadan-Fasten insbesondere bei Patienten mit ursprünglich guter glykämischer Kontrolle (HbA1c ≤7 %) zu signifikanten Veränderungen der HbA1c-Werte führte. Bei diesen Patienten war die Wahrscheinlichkeit für eine relevante HbA1c-Veränderung (± ≥0,5 %) nach dem Ramadan mehr als doppelt so hoch wie in der nicht-muslimischen Vergleichsgruppe.

Bemerkenswert war dabei, dass diese Veränderungen sowohl in Richtung einer Verschlechterung (Odds-Ratio: 2,85) als auch einer Verbesserung (Odds-Ratio: 2,62) auftreten konnten. Welche Faktoren diese unterschiedlichen Reaktionen verursachen, konnte aus den Studiendaten nicht eindeutig abgeleitet werden.

Keine signifikante Veränderung bei schlecht eingestellten Patienten

Bei Patienten mit bereits mäßig erhöhten (HbA1c 7 bis 9 %) oder stark erhöhten HbA1c-Werten (>9 %) zeigte sich dagegen kein signifikanter Unterschied zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen nach dem Ramadan. Die glykämische Kontrolle blieb in dieser Gruppe weitgehend stabil im schlechten Bereich. Das Fasten führte hier somit weder zu einer messbaren Verbesserung noch zu einer relevanten Verschlechterung der Stoffwechsellage.

Kein maßgeblicher Einfluss auf den Nüchternblutzucker

Die Veränderungen des Nüchternblutzuckers waren insgesamt weniger deutlich ausgeprägt als die der HbA1c-Werte. Zwar wiesen muslimische Patienten in mehreren Studienjahren nach Ramadan-Ende tendenziell niedrigere Werte auf, statistisch signifikant war dies jedoch nur im Jahr 2015.

Im direkten Vergleich mit der nicht-muslimischen Kontrollgruppe lagen die Blutzuckerwerte muslimischer Patienten jedoch in mehreren Studienjahren insgesamt höher, was auf eine grundsätzlich ungünstigere Blutzuckerkontrolle hinweisen könnte. Die Studienautoren kommen daher zu dem Schluss, dass das Ramadan-Fasten nicht per se mit einer Verschlechterung oder Verbesserung der glykämischen Kontrolle assoziiert ist, sondern vielmehr individuell sehr unterschiedliche Effekte haben kann.

Patientenaufklärung und Betreuung während des Ramadan

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Auswirkungen des Ramadan-Fastens bei Typ-2-Diabetikern individuell stark variieren und nicht pauschal bewertet werden können. Besonders bei Patienten mit gut eingestelltem Diabetes besteht ein erhöhtes Risiko für ausgeprägte Schwankungen der Blutzuckerwerte. Eine stabile Ausgangslage schützt somit nicht vor relevanten Veränderungen. Patienten mit bereits unzureichender Diabetes-Einstellung profitieren auch nicht vom Fasten, da sich ihre glykämische Kontrolle nicht wesentlich verbesserte.

Ärzte sollten daher muslimische Typ-2-Diabetiker frühzeitig über mögliche Risiken des Ramadan-Fastens aufklären und individuell bewerten, ob das Fasten sicher möglich ist. Patienten, die trotz ärztlicher Empfehlung nicht auf das Fasten verzichten möchten, sollten engmaschig betreut werden. Eine individuelle Ernährungsberatung, regelmäßige Blutzuckerkontrollen und eine gezielte Anpassung der Diabetesmedikation sind entscheidend, um diabetische Komplikationen zu vermeiden.

Autor:
Stand:
01.03.2025
Quelle:

Salih A SA, Chodick G, Klein P, Eilat-Adar S. (2025): Ramadan fasting and glycemic control in patients with type 2 diabetes: A real-world data analysis. Prim Care Diabetes; DOI:10.1016/j.pcd.2024.12.010.

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