Diabetes durch Mangelernährung: Ein lange unterschätztes Phänomen
Diabetes mellitus bleibt weltweit eine wachsende Herausforderung. Besonders in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen (LMICs), in denen rund 80 % der Betroffenen leben, nimmt die Prävalenz stetig zu. Neben den etablierten Typen 1 bis 4 rückt nun eine Form in den Fokus, die lange unterschätzt wurde: Diabetes als Spätfolge von chronischer Unterernährung in der Kindheit, sogenannter "malnutrition-related diabetes mellitus" (MRDM).
Frühe Hinweise auf diese Erkrankung gab es bereits vor über 70 Jahren. Doch erst jetzt wird ihr durch die International Diabetes Federation (IDF) offiziell der Status eines eigenständigen Diabetes-Typs zuerkannt.
Typ-5-Diabetes: Folge chronischer Mangelernährung
Im Rahmen des Welt-Diabetes-Kongresses 2025 in Bangkok wurde Typ-5-Diabetes vorgestellt. Damit verbunden ist das Ziel, Diagnosekriterien und Therapiestandards zu etablieren. Typ-5-Diabetes entwickelt sich infolge schwerer Mangelernährung im Kindes- und Jugendalter. Vor allem Menschen in Asien und Afrika sind betroffen. Geschätzt leiden weltweit 20 bis 25 Millionen Personen an dieser Form.
Im Unterschied zu Typ-2-Diabetes liegt hier kein Insulinresistenzproblem vor. Stattdessen kommt es aufgrund der Mangelernährung zu einer unzureichenden Entwicklung der Bauchspeicheldrüse und einer ausgeprägten Insulindefizienz.
Typische Merkmale umfassen einen Krankheitsbeginn vor dem 30. Lebensjahr, einen dauerhaft niedrigen BMI (<19 kg/m²), meist das Fehlen einer Ketonurie oder schweren Ketoazidose trotz schlechter Blutzuckereinstellung und eine deutlich höhere Prävalenz bei Männern.
Studie bestätigt eigenständiges Krankheitsbild
Wesentliche Hinweise auf die Eigenständigkeit von Typ-5-Diabetes liefert eine Studie von Lontchi-Yimagou et al., veröffentlicht in Diabetes Care. Ziel der Untersuchung war es, den Stoffwechsel von Patienten mit niedrigem BMI (<19 kg/m²) und Diabetes („Low BMI Diabetes", LD) unter Ausschluss anderer Diabetesformen mittels immunogenetischer Methoden genau zu charakterisieren.
Im Vergleich zu Typ-2-Diabetikern zeigten die Studienteilnehmer mit Typ-5-Diabetes:
- eine deutlich reduzierte Insulinsekretion,
- bessere periphere Insulinsensitivität,
- eine geringere hepatische Glukoseproduktion,
- eine höhere Glukoseaufnahme.
Zudem war das viszerale Fettgewebe sowie die hepatozelluläre Lipidakkumulation deutlich niedriger als bei Typ-2-Diabetikern. Insgesamt bestätigten diese Ergebnisse, dass Typ-5-Diabetes eine primär sekretorische Störung ohne relevante Insulinresistenz darstellt.
Diese Erkenntnisse deuten klar darauf hin, dass Typ-5-Diabetes keine Variante des Typ-2-Diabetes ist, sondern eine eigenständige metabolische Form des Diabetes darstellt.
Therapeutische Überlegungen: Bedarfsgerechte Ansätze gefragt
Typ-5-Diabetes unterscheidet sich nicht nur pathogenetisch, sondern auch therapeutisch von anderen Diabetesformen. Während Insulintherapie bei Typ-1-Diabetes unverzichtbar ist, könnten Patienten mit Typ-5-Diabetes besser auf orale Antidiabetika ansprechen.
Gerade in ressourcenschwachen Regionen, wo Insulin teuer und schwer verfügbar ist, bietet dies eine entscheidende Perspektive für eine angepasste Versorgung.
Zusammenfassung und Ausblick: Ein neuer Schritt im Verständnis des Diabetes-Spektrums
Die formale Anerkennung von Typ-5-Diabetes markiert einen wichtigen Meilenstein für die Diabetologie. Die Studie von Lontchi-Yimagou et al. liefert robuste Hinweise, dass Typ-5-Diabetes ein eigenständiges Krankheitsbild mit charakteristischer Pathophysiologie darstellt.
Für die klinische Praxis ergeben sich daraus neue diagnostische und therapeutische Überlegungen, insbesondere für LMICs. Dennoch bleiben viele Fragen offen: Die genauen pathogenetischen Mechanismen, die Rolle von Ernährung und Epigenetik sowie optimale Therapieansätze müssen in zukünftigen Studien weiter untersucht werden.
Typ-5-Diabetes zeigt eindrucksvoll, wie sehr sozioökonomische Faktoren die Krankheitsentstehung beeinflussen können – und dass eine differenzierte Betrachtung jenseits klassischer Typ-1- und Typ-2-Diagnosen notwendig ist.








