Obstipation ist eine häufige gastrointestinale Störung, die durch eine unregelmäßige oder erschwerte Darmentleerung gekennzeichnet ist und etwa 15% der Bevölkerung betrifft. Zu den Hauptursachen zählen unzureichende Flüssigkeitszufuhr, ballaststoffarme Ernährung, Bewegungsmangel sowie die Einnahme bestimmter Medikamente wie Opioide oder Antidepressiva.
Wichtig für die Diagnose: Complete Spontaneous Bowel Movements
Obstipation ist durch eine Stuhlfrequenz von weniger als dreimal pro Woche gekennzeichnet, die mit einer harten Stuhlkonsistenz, starkem Pressen und dem Gefühl einer unvollständigen Entleerung einhergeht. Die Diagnose beruht auf einer ausführlichen Anamnese und klinischen Untersuchung, wobei die Angabe der Stuhlfrequenz allein nicht immer ein vollständiges Bild über den Schweregrad der Erkrankung vermittelt. Beispielsweise kann die Einnahme von Laxanzien zu einer vermeintlichen Besserung führen, ohne dass sich die tatsächliche Darmentleerung oder das damit verbundene Gefühl verbessern.
Aus diesem Grund wird zunehmend der Wert der vollständigen spontanen Darmentleerung (Complete Spontaneous Bowel Movements, CSBM) als zuverlässigerer Indikator für den Schweregrad der Obstipation betont. CSBM sind spontane Darmentleerungen, die nicht durch Laxanzien ausgelöst werden, und gelten als wichtiges Maß für den Therapieerfolg. Eine Rate von weniger als drei CSBM pro Woche gilt als diagnostisches Kriterium für chronische Obstipation.
Probiotika als potenzielle Lösung
Probiotika gewinnen in der Therapie der Obstipation zunehmend an Bedeutung. Insbesondere Bifidobacterium lactis HN019 ist dafür bekannt, das Gleichgewicht der Darmflora zu fördern und die Symptome der Obstipation zu lindern. Frühere Studien haben gezeigt, dass dieses Probiotikum in Dosen von 1,0 × 10⁹ bis 17,2 × 10⁹ koloniebildenden Einheiten (KBE) pro Tag über einen Zeitraum von zwei bis vier Wochen positive Effekte auf die Darmfunktion haben kann. Allerdings fehlten bisher groß angelegte kontrollierte Studien mit diesem Probiotikum, in denen die Wirkung auf die CSBM-Frequenz bei Patienten mit funktioneller Obstipation untersucht wurde.
Untersuchung der Effekte von HN019 auf funktionelle Obstipation
Eine kürzlich in China durchgeführte randomisierte, dreifach verblindete, placebokontrollierte Studie untersuchte daher Veränderungen der wöchentlichen Stuhlfrequenz unter Einnahme von Bifidobacterium lactis HN019. Sekundäre Endpunkte waren die Veränderung der Stuhlkonsistenz, die Anstrengung beim Stuhlgang sowie das Auftreten von Bauchschmerzen und Blähungen.
Die Studie, die zwischen Dezember 2020 und Februar 2022 in fünf Kliniken in Shanghai durchgeführt wurde, umfasste insgesamt 229 Teilnehmer mit funktioneller Obstipation, die nach den Rom III-Kriterien diagnostiziert wurden. Nach einer zweiwöchigen Einführungsphase, in der alle Teilnehmer ein Placebo erhielten, wurden sie entweder der Interventionsgruppe (HN019-Gruppe) oder der Placebogruppe zugeteilt. Die HN019-Gruppe erhielt Bifidobacterium lactis HN019 in einer Dosis von 4,69 × 10⁹ KBE täglich über einen Zeitraum von acht Wochen.
Keine Unterschiede bei Stuhlfrequenz und -konsistenz
Die Anzahl der CSBM stieg in beiden Gruppen nach der achtwöchigen Behandlung an, die Unterschiede waren jedoch nicht statistisch signifikant. In der Interventionsgruppe stiegen die CSBM von durchschnittlich 0,73 auf 1,58 pro Woche, in der Placebogruppe von 0,81 auf 1,50. Auch bei der Häufigkeit der spontanen Stuhlentleerungen und der Stuhlentleerungen insgesamt gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen.
Die Stuhlkonsistenz, gemessen mit der Bristol Stool Scale, verbesserte sich in beiden Gruppen leicht, jedoch in der HN019-Gruppe etwas weniger als in der Placebogruppe.
Symptomkontrolle durch Probiotika?
Hinsichtlich gastrointestinaler Symptome wie Bauchschmerzen und Blähungen gab es kleine, aber signifikante Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. In der HN019-Gruppe wurde eine leichte Abnahme der Symptome beobachtet, während in der Placebo-Gruppe eine leichte Zunahme der Beschwerden im Verlauf der Studie auftrat. Diese Ergebnisse sprechen für eine mögliche symptomlindernde Wirkung von Bifidobacterium lactis HN019.
Fäkal- und Mikrobiota-Analyse
Die Analyse der Stuhlproben zeigte keine signifikanten Unterschiede in der Zusammensetzung der Darmmikrobiota zwischen den Gruppen. Lediglich eine erhöhte Anzahl von Bifidobacterium lactis im Stuhl der HN019-Gruppe wurde festgestellt, was darauf hindeutet, dass das Probiotikum den Darm erfolgreich besiedeln konnte.
Verwendung von Abführmitteln und Lebensstilfaktoren
Der Gebrauch von Notfallmedikamenten wie Laxanzien blieb in beiden Gruppen auf einem niedrigen Niveau. Beide Gruppen hatten ähnliche Ernährungsgewohnheiten mit einer geringen Ballaststoffaufnahme (durchschnittlich 9g pro Tag), was die Persistenz der Obstipation erklären könnte.
Sicherheit und Verträglichkeit
Die Supplementierung mit Bifidobacterium lactis HN019 wurde von den Teilnehmern gut vertragen und es wurden nur wenige unerwünschte Ereignisse gemeldet. Diese waren gleichmäßig auf beide Gruppen verteilt und standen nicht im Zusammenhang mit der Einnahme des Probiotikums.
Zukünftige Anwendung von HN019 bei Obstipation?
Die Supplementierung mit Bifidobacterium lactis HN019 erwies sich in der Studie als sicher und gut verträglich, führte aber im Vergleich zu Placebo nicht zu einer signifikanten Verbesserung der Stuhlfrequenz. Weitere Studien mit höheren Dosen oder längeren Behandlungszeiträumen könnten helfen, das mögliche Potenzial von HN019 bei der Behandlung von funktioneller Obstipation besser zu verstehen.










