Colitis ulcerosa gehört zusammen mit Morbus Crohn zu den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED). Die Erkrankung ist durch eine kontinuierliche Entzündung der Kolon- und Rektumschleimhaut gekennzeichnet und führt typischerweise zu blutigen Diarrhöen, Tenesmen und abdominalen Beschwerden. Der Krankheitsbeginn liegt häufig im jungen Erwachsenenalter, wobei auch Kinder und ältere Menschen betroffen sein können.
Die Pathogenese gilt als multifaktoriell und umfasst genetische Prädisposition, Umweltfaktoren sowie immunologische Mechanismen. Beobachtungen aus der Forschung deuten darauf hin, dass immunologische Veränderungen bereits lange vor der Manifestation klinischer Symptome auftreten können. Vor diesem Hintergrund wird intensiv nach Biomarkern gesucht, die eine frühe Identifikation von Risikopersonen ermöglichen.
Eine internationale Forschungsgruppe untersuchte nun Autoantikörper gegen Integrin αvβ6 als potenziellen prädiktiven Biomarker für eine spätere Colitis ulcerosa. Die Ergebnisse wurden im 'Journal of Crohn’s and Colitis' veröffentlicht und auf dem ECCO-Kongress 2026 in Stockholm vorgestellt. Beteiligt waren unter anderem Forscher der Örebro University sowie weiterer schwedischer Universitäten.
Autoantikörper als möglicher früher Marker für Colitis ulcerosa
Autoantikörper gegen Integrin αvβ6 wurden bereits zuvor mit präklinischer Colitis ulcerosa in Verbindung gebracht. Allerdings lagen bislang nur begrenzte Daten zur zeitlichen Entstehung dieser Antikörper sowie zur Validierung ihrer prädiktiven Aussagekraft vor.
Ziel der Studie war daher, einen geeigneten Schwellenwert für Anti-αvβ6-Autoantikörper zu definieren und ihre Fähigkeit zur Vorhersage einer späteren Colitis ulcerosa in mehreren unabhängigen populationsbasierten Kohorten zu prüfen. Darüber hinaus analysierten die Autoren, ob diese Antikörper bereits im frühen Lebensalter auftreten und in welchem Maß genetische sowie Umweltfaktoren ihre Konzentration beeinflussen.
Kohortenanalyse mit über 180.000 Teilnehmern
Die Analyse basierte auf populationsbasierten Kohorten mit insgesamt mehr als 180.000 Teilnehmern. Prädiagnostische Blutproben von Personen, die später an Colitis ulcerosa erkrankten, wurden mit Proben von alters- und geschlechtsgematchten Kontrollen verglichen, die während der Nachbeobachtung keine CED entwickelten.
Zur Untersuchung der frühen Lebensphase analysierten die Forscher zusätzlich Serumproben aus der Geburtskohorte ABIS (n = 17.055) sowie aus dem Swedish Twin Registry (n > 97.000).
Die Konzentrationen von Anti-αvβ6-Autoantikörpern wurden mittels automatisierter Fluoreszenz-Enzymimmunoassays bestimmt. Ergänzend erfolgte eine proteomische Analyse immunologischer Marker mithilfe der Olink-Plattform.
Autoantikörper bereits Jahrzehnte vor der Diagnose nachweisbar
In der Entdeckungskohorte fanden sich Autoantikörper gegen Integrin αvβ6 häufiger bei Personen, die später eine Colitis ulcerosa entwickelten, als bei Kontrollen ohne Erkrankung. Die Fähigkeit des Biomarkers, beide Gruppen zu unterscheiden, wurde anhand der Fläche unter der ROC-Kurve (Area Under the Curve, AUC) bestimmt und betrug 0,68.
Der in dieser Kohorte ermittelte optimale Schwellenwert von 109 UA/l wurde anschließend in einer unabhängigen Validierungskohorte getestet. Dort ergab sich eine AUC von 0,79 bei einer Sensitivität von 46 % und einer Spezifität von 93 %.
Die Vorhersagegenauigkeit nahm mit abnehmendem zeitlichem Abstand zur Diagnose zu. Allerdings konnten die Antikörper auch in Blutproben nachgewiesen werden, die mindestens 20 Jahre vor der klinischen Diagnose entnommen worden waren. In diesen Proben betrug die AUC 0,67.
Hinweise auf frühes Auftreten der Antikörper im Kindesalter
In der Geburtskohorte zeigten Kinder, die später eine Colitis ulcerosa entwickelten, bereits bei Geburt erhöhte Anti-αvβ6-Spiegel (Odds Ratio [OR] 2,13; 95 %-Konfidenzintervall [KI] 0,84–5,38). Die Autoren führen diesen Befund teilweise auf den transplazentalen Transfer mütterlicher Antikörper zurück. Auch im Alter von fünf Jahren (OR 2,58; 95 %-KI 0,83–8,03) und acht Jahren (OR 2,50; 95 %-KI 0,30–21,00) waren erhöhte Werte zu beobachten.
Die Analyse von Zwillingspaaren ergab niedrige intra-klassische Korrelationskoeffizienten, was auf eine geringe Übereinstimmung der Antikörperspiegel hinweist, unabhängig von Zygosität und Krankheitsstatus. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass genetische Faktoren und gemeinsam geteilte Umweltfaktoren nur einen begrenzten Einfluss auf die Antikörperspiegel haben.
Fazit: Hinweise auf frühe immunologische Veränderungen vor Krankheitsbeginn
Die Untersuchung zeigt, dass Autoantikörper gegen Integrin αvβ6 ein reproduzierbarer Biomarker für präklinische Colitis ulcerosa sein können. Die Antikörper sind in populationsbasierten Kohorten bereits viele Jahre vor der Diagnose nachweisbar und stehen mit immunologischen Proteinmustern in Zusammenhang.
Die Ergebnisse liefern Hinweise darauf, dass immunologische Veränderungen lange vor dem klinischen Auftreten der Erkrankung beginnen. Weitere Studien sind erforderlich, um die Rolle dieses Biomarkers in Risikostratifizierung und Früherkennung genauer zu bestimmen.










