Bei einer chronischen Infektion mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) ist das Risiko für die Entwicklung eines hepatozellulären Karzinoms (engl. hepatocellular carcinoma, HCC) deutlich erhöht. Bei Patienten mit HCV-Infektion liegt das HCC-Risiko ohne Leberzirrhose bei 1,3 % pro Jahr, mit Zirrhose bei 4,2 % pro Jahr, berichtete Professor Dr. Christoph Neumann-Haefelin von der Klinik und Poliklinik für Gastroenterologie und Hepatologie der Uniklinik Köln anlässlich des Kongresses Viszeralmedizin 2025 in Leipzig.
Erfolgreiche antivirale Therapie senkt HCC-Risiko deutlich
Das Erreichen eines anhaltenden Virusansprechens (engl. sustained virologic response, SVR) reduziert das HCC-Risiko erheblich. Es liegt bei Patienten ohne Zirrhose in diesem Fall noch bei 0,4 % pro Jahr, bei Patienten mit Zirrhose bei 1,2 % pro Jahr. Damit stellt sich die Frage, ob nach Heilung der HCV-Infektion im Sinne einer SVR die Überwachung hinsichtlich eines HCC angepasst oder ganz beendet werden kann.
Monitoring-Empfehlungen bei Zirrhose
Nach der aktuellen deutschen HCC-Leitlinie 2025 soll die HCC-Überwachung bei Zirrhose im Stadium Child-Pugh A und B fortgeführt werden (höchster Empfehlungsgrad A). Für Patienten mit Zirrhose Child Pugh C gilt diese Soll-Empfehlung nicht. Bei ihnen muss individuell geprüft werden, ob die Betroffenen bei einem HCC überhaupt noch therapeutische Optionen haben, erklärte Neumann-Haefelin. Besteht eine Transplantationsoption, sollten auch diese Patienten einer HCC-Surveillance unterzogen werden.
HCC-Monitoring bei Patienten ohne Zirrhose
Bei Patienten ohne Zirrhose, aber mit fortgeschrittener Fibrose spricht die Leitlinie auf Basis eines Expertenkonsens eine „Sollte“-Empfehlung für das weitere Monitoring aus. Ab einem HCC-Risiko von etwa 1 % bis 1,5 % pro Jahr ist das Screening laut Neumann-Haefelin klinisch und ökonomisch sinnvoll. Bei Patienten nach HCV-Therapie, die keine fortgeschrittene Fibrose mehr aufweisen, sinkt das HCC-Risiko bei SVR auf 0,4 % pro Jahr, liegt damit unter diesem Risikobereich. Daher ist die Überwachung in diesem Fall nicht Teil der Leitlinienempfehlungen.
Art der HCC-Surveillance
Nach der S3-Leitlinie soll für die HCC-Überwachung alle sechs Monate eine Sonographie der Leber erfolgen. Die Bestimmung des Alpha-1-Fetoproteins (AFP) erhielt in der Leitlinie nur eine „Kann“-Empfehlung bei geringem Empfehlungs- und Evidenzgrad. Die Europäische Fachgesellschaft EASL (European Association for the Study of the Liver) empfiehlt ebenfalls dieses Vorgehen und zwar ohne zeitliche Beschränkung bei fortgeschrittener Fibrose ([F3-] F4). Die amerikanische Fachgesellschaft AASLD (American Association for the Study of Liver Diseases) empfiehlt für alle Betroffenen mit Fibrose des Grads F4 ein begrenztes Monitoring alle sechs Monate sowohl mit Sonographie als auch mit AFP.
Scores helfen bei der individuellen Risikoabschätzung
Die EASL-Leitlinie empfiehlt bei F3-Fibrose, weitere Kriterien zu berücksichtigen, um das HCC-Risiko abschätzen zu können. Beispiele sind Alter, Geschlecht, HCV-Genotyp, AFP vor und nach der Therapie, Gamma-GT, Albumin, metabolische Faktoren wie Diabetes und Body-Mass-Index, Alkoholkonsum und genetische Faktoren. Es gibt verschiedene Risikoscores. Als ein Beispiel für einen praktikablen Risikoscore mit klinisch oft bereits verfügbaren Parametern nannte Neumann-Haefelin das VA-HCC-Modell aus den USA, das online frei zugänglich ist (www.hccrisk.com). Erhoben werden hier die Parameter vor der Therapie. Bei anderen Scores werden auch Werte nach Therapie verwendet. Berücksichtigt werden müssen auch Begleiterkrankungen. Eine MASLD (Abk. für engl. Metabolic Dysfunction Associated Steatotic Liver Disease) geht nach HCV-Heilung mit einem weiterhin erhöhten HCC-Risiko einher. Diese Patienten sollten daher auch bei SVR weiter regelmäßig auf ein HCC gescreent werden.
Nach zehn Jahren noch nicht Schluss
Ob die HCC-Surveillance nach SVR je nach Risikokonstellation lebenslang notwendig bleibt, wird immer wieder diskutiert. Bislang gab es widersprüchliche Daten zum HCC-Risiko bis zehn Jahre nach erfolgreicher HCV-Therapie, wobei so lange Daten nur für die Interferon-Therapie vorliegen. Kohortenstudien weisen darauf hin, dass auch nach zehn Jahren SVR noch ein anhaltend erhöhtes HCC-Risiko besteht, berichtete Neumann-Haefelin. Bei Patienten ohne Zirrhose, aber mit fortgeschrittener Fibrose liegt das Risiko im Bereich von 1,0 % pro Jahr und damit in einem Bereich, wo eine Surveillance laut Neumann-Haefelin noch Sinn machen könnte. Bei dekompensierter Zirrhose senkt eine Rekompensation bei Patienten mit SVR das HCC-Risiko im Übrigen nicht, ergänzte der Experte.
HCV früh erkennen und behandeln
Idealerweise sollten Infektionen mit Hepatitis-C- und Hepatitis-B-Virus früh erkannt und behandelt werden, um eine fortgeschrittene Leberfibrose und ein langfristig erhöhtes HCC-Risiko ganz zu vermeiden. Neumann-Haefelin verwies deshalb eindringlich auf das entsprechende Screening, das im Rahmen der Check-up-35-Untersuchung einmalig möglich ist.










