Die zunehmende Industrialisierung hat das Ernährungsverhalten grundlegend verändert. Industriell verarbeitete Lebensmittel mit hohem Zucker- und Fettanteil, sowie einem niedrigen Ballaststoffgehalt dominieren westliche Ernährungsmuster. Gleichzeitig ist ein Anstieg nicht-übertragbarer chronischer Erkrankungen wie Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2 und kardiovaskuläre Erkrankungen zu beobachten.
Parallel zu diesen Entwicklungen zeigen Studien, dass das Darmmikrobiom von Menschen in industrialisierten Gesellschaften signifikant verändert ist. Eine reduzierte mikrobielle Vielfalt sowie eine erhöhte Prävalenz proinflammatorischer Bakterien sind kennzeichnend für die Mikrobiota westlich lebender Menschen im Vergleich zu nicht-industrialisierten Populationen. Diese Verschiebungen könnten ein Schlüsselmechanismus für die Entstehung von chronischen Erkrankungen sein.
Der Ansatz der Restore-Diät
Ein internationales Forscherteam untersuchte in einer kürzlich in der Fachzeitschrift 'Cell' veröffentlichten Studie, ob eine Ernährung, die wesentliche Merkmale nicht-industrialisierter Ernährungsformen widerspiegelt (Restore-Diät), das Mikrobiom positiv beeinflusst und metabolische Risikofaktoren reduziert. Im Rahmen der randomisierten kontrollierten Ernährungsstudie wurde zudem die Wirkung von Limosilactobacillus reuteri getestet, eine in nicht-industrialisierten Populationen häufiger vorkommende Bakterienart.
Die Teilnehmenden erhielten eine kontrollierte, pflanzenbetonte Diät mit hohem Ballaststoffgehalt, einem geringen Anteil an verarbeiteten Lebensmitteln sowie einer kleinen Menge tierischer Proteine. Ziel war es, das Darmmikrobiom zu „restaurieren“ und so kardiometabolische Risikofaktoren zu minimieren.
Einfluss auf das Darmmikrobiom: Diversitätsverlust mit funktionellem Nutzen
Reduktion der mikrobiellen Vielfalt
Entgegen den Erwartungen führte die ursprüngliche Ernährungsweise zu einer Verringerung der mikrobiellen Diversität. Dieser Effekt widerspricht zunächst der Annahme, dass eine pflanzenreiche Ernährung die Vielfalt des Mikrobioms erhöhen sollte. Eine mögliche Erklärung liegt in den veränderten Fermentationsprozessen: Der erhöhte Gehalt an kurzkettigen Fettsäuren (SCFAs) und der damit verbundene niedrigere pH-Wert im Darm könnten für bestimmte Mikroorganismen ungünstige Bedingungen schaffen.
Förderung gesundheitsförderlicher Bakterien
Trotz des Diversitätsverlusts zeigte sich eine positive Verschiebung der mikrobiellen Zusammensetzung. Proinflammatorische Bakterien wie Bilophila und Alistipes, die mit entzündlichen Prozessen und metabolischen Erkrankungen assoziiert sind, gingen zurück. Gleichzeitig nahm die Häufigkeit von Faecalibacterium und Lachnospiraceae zu, die für ihre entzündungshemmenden Eigenschaften bekannt sind.
Kardiometabolische Effekte der Restore-Diät
Die Restore-Diät führte bereits innerhalb von drei Wochen zu deutlichen metabolischen Verbesserungen. Die wichtigsten Veränderungen umfassten:
- Reduktion des LDL-Cholesterins um 17 %.
- Senkung des Nüchternglukosewerts um 6 %.
- Verminderung des C-reaktiven Proteins (CRP) um 14 %.
- Gewichtsreduktion trotz gleichbleibender Kalorienaufnahme.
Die Rolle von Limosilactobacillus reuteri
Ein zentrales Ziel der Untersuchung war die Re-Etablierung von Limosilactobacillus reuteri (PB-W1). Trotz der ernährungsinduzierten Modulation des Darmmilieus konnte sich L. reuteri nur bei einem Teilnehmer langfristig ansiedeln. Eine einmalige orale Gabe des Bakterienstamms PB-W1 reichte nicht aus, um eine stabile Kolonisierung zu gewährleisten.
Obwohl L. reuteri keine unmittelbaren metabolischen Effekte zeigte, bleibt seine potenzielle Rolle als probiotischer Zusatz interessant. Zukünftige Studien sollten untersuchen, ob wiederholte Gaben in Kombination mit spezifischen Präbiotika eine bessere Persistenz und probiotische Effekte erzielen können.
Mikrobiomgesteuerte Ernährung als Ansatz zur Prävention chronischer Erkrankungen
Die Restore-Diät zeigt vielversprechende metabolische und mikrobiologische Effekte, die über eine klassische ballaststoffreiche Ernährung hinausgehen. Besonders die gezielte Förderung gesundheitsförderlicher Bakterien, sowie die gleichzeitige Reduktion proinflammatorischer Spezies, könnten langfristig eine Strategie zur Prävention nicht-übertragbarer chronischer Krankheiten bieten. Künftige Ernährungsempfehlungen sollten daher nicht nur eine höhere Ballaststoffaufnahme betonen, sondern auch gezielt fermentierbare Substrate berücksichtigen, die eine vorteilhafte mikrobielle Zusammensetzung fördern.
Weiterführende Forschung zu Langzeiteffekten erforderlich
Trotz der positiven Resultate besteht weiterhin Forschungsbedarf. Da die Studie nur einen kurzen Zeitraum abdeckte, sind langfristige Effekte einer nicht-industrialisierten Ernährungsweise noch unklar. Künftige Studien sollten daher analysieren, welche mikrobiellen Veränderungen über längere Zeiträume stabil bleiben und ob sich diese gezielt durch eine individualisierte Ernährungsstrategie steuern lassen.
Darüber hinaus muss geprüft werden, wie sich die Diät in den klinischen Alltag integrieren lässt, um neue ernährungsmedizinische Strategien zur Prävention und Therapie metabolischer Erkrankungen zu entwickeln.









