Der Einfluss der Ernährung auf die psychische Gesundheit rückt zunehmend in den Fokus klinischer Forschung. Neben bekannten Zusammenhängen zwischen Nährstoffmangel, Adipositas und Stimmungslage wird zunehmend deutlicher, dass bestimmte Ernährungsgewohnheiten direkte Effekte auf die neuronale und emotionale Regulation haben können.
Zuckerhaltige Getränke wie Limonade oder Cola gehören weltweit zu den meistkonsumierten Produkten und werden mit Übergewicht, Typ-2-Diabetes und kardiovaskulären Erkrankungen in Verbindung gebracht. Ihre potenziellen Auswirkungen auf psychische Störungen waren bislang jedoch unzureichend untersucht.
Zusammenhang zwischen Softdrinks, Mikrobiom und Depression untersucht
Eine internationale Forschungsgruppe um Dr. Sharmili Edwin Thanarajah vom Universitätsklinikum Frankfurt und dem Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung Köln ging dieser Frage im Rahmen der Marburg-Münster Affective Cohort Study (MACS) nach. Die in 'JAMA Psychiatry' veröffentlichte Studie analysierte, ob der Konsum von Softdrinks mit der Diagnose und dem Schweregrad einer Major Depression (MDD) assoziiert ist und ob Veränderungen des Darmmikrobioms diesen Zusammenhang vermitteln.
Frühere Arbeiten hatten bereits auf eine mögliche Rolle des intestinalen Mikrobioms bei der Entstehung depressiver Störungen hingewiesen. Offen blieb jedoch, welche mikrobiellen Spezies an dieser Verbindung beteiligt sind und ob der Einfluss geschlechtsspezifisch ausgeprägt ist.
Studiendesign mit Fokus auf Mikrobiom-Analysen und Depressionsschwere
Die Querschnittsstudie schloss 932 Erwachsene im Alter von 18 bis 65 Jahren ein – darunter 405 Patienten mit MDD und 527 gesunde Kontrollpersonen. Die Rekrutierung der Teilnehmenden erfolgte zwischen 2014 und 2018 aus der Allgemeinbevölkerung sowie aus der Primärversorgung in Deutschland.
Der Softdrink-Konsum wurde quantitativ erfasst und den Depressionswerten gegenübergestellt. Zusätzlich bestimmten die Forschenden die relative Häufigkeit der Bakteriengattungen Eggerthella und Hungatella im Stuhlmikrobiom.
Mittels multivariater Regressionsanalysen und ANOVA-Modelle wurden Kovariablen wie Bildungsstand und Studienzentrum kontrolliert. Mediationsanalysen dienten dazu, den möglichen vermittelnden Effekt der Mikrobiomzusammensetzung zu quantifizieren.
Signifikanter Zusammenhang zwischen Softdrinks und Depression
Die Auswertungen zeigten eine signifikante Assoziation zwischen Softdrink-Konsum und der Diagnose einer Major Depression (Odds Ratio [OR] = 1,081; 95 %-Konfidenzintervall [KI] 1,008–1,159; p = 0,03) sowie mit der Schwere der Symptome (p < 0,001).
Besonders ausgeprägt war der Zusammenhang bei Frauen: Hier war ein hoher Softdrink-Konsum mit einer 17 % höheren Wahrscheinlichkeit für eine Depressionsdiagnose verbunden (OR = 1,167; 95 %-KI 1,054–1,292; p = 0,003). Auch die Ausprägung der depressiven Symptomatik nahm bei Frauen mit steigendem Softdrink-Konsum signifikant zu (p < 0,001).
Eggerthella als mikrobieller Vermittler
Bei Frauen zeigte sich eine signifikant erhöhte relative Häufigkeit von Eggerthella im Darmmikrobiom (p = 0,007), nicht jedoch von Hungatella. Die Mediationsanalyse ergab, dass Eggerthella den Zusammenhang zwischen Softdrink-Konsum und Depression signifikant vermittelte (Diagnose: p = 0,011; Schweregrad: p = 0,005). Der indirekte Effekt erklärte 3,8 % des Zusammenhangs hinsichtlich der Diagnose und 5,0 % in Bezug auf die Symptomschwere.
Damit liefert die Untersuchung statistisch gesicherte Hinweise auf eine biologische Verbindung zwischen Ernährungsfaktoren und depressiver Erkrankung über die intestinale Mikrobiota.
Deutliche Effekte bei Frauen, keine signifikanten Befunde bei Männern
Während sich bei Frauen eine klare Beziehung zwischen Softdrink-Konsum, Mikrobiomveränderungen und depressiver Symptomatik zeigte, ließ sich bei Männern kein signifikanter Zusammenhang nachweisen. Die Gründe für diesen geschlechtsspezifischen Unterschied bleiben unklar. Diskutiert werden hormonelle Einflüsse sowie unterschiedliche Immun- und Stoffwechselreaktionen.
Zuckerhaltige Getränke enthalten neben Glukose und Fruktose häufig Süßungsmittel und Konservierungsstoffe, die das darmmikrobielle Gleichgewicht beeinflussen können. Frühere Arbeiten legen nahe, dass ein Anstieg entzündungsfördernder Bakterien und eine verringerte Produktion kurzkettiger Fettsäuren neuroinflammatorische Prozesse fördern – ein Mechanismus, der auch in dieser Studie eine Rolle spielen könnte.
Mikrobiom als möglicher Ansatzpunkt für Prävention und Therapie
Die Ergebnisse unterstreichen die zentrale Rolle des Darmmikrobioms als biologischer Vermittler zwischen Ernährung und psychischer Gesundheit. Ernährung könnte damit künftig eine stärkere Rolle in der Prävention und Therapie depressiver Erkrankungen spielen.
Studienleiterin Dr. Sharmili Edwin Thanarajah erläutert in einer begleitenden Pressemitteilung des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD): „Veränderungen im Mikrobiom sind durch Ernährung beeinflussbar – und damit ein potenzielles therapeutisches Ziel. Schon kleine Anpassungen im Konsumverhalten könnten eine große Wirkung entfalten – vor allem, wenn man bedenkt, wie weit verbreitet der Konsum von Softdrinks ist.“
Die Forschenden betonen den Bedarf weiterer Untersuchungen, um die geschlechtsspezifischen Mechanismen und mikrobiombasierte Therapieansätze künftig gezielter nutzen zu können.










