Zonulin als Frühmarker für Zöliakie

Bei Zöliakie ist die Darmpermeabilität erhöht – serologisch messbar über „Zonulin“. Ein Forschungsteam hat sich die Frage gestellt, ob ein „leaky gut“ vielleicht schon vor Manifestation der Erkrankung auftritt.

Zöliakie

Die „Zöliakie“ wird nicht ohne Grund das „Chamäleon der Gastroenterologie“ genannt: In sehr variablen intestinalen und extra-intestinalen Symptomen kann sie sich in jedem Lebensalter manifestieren oder manchmal sogar ganz asymptomatisch bleiben. Die klassischen Symptome der gluteninduzierten Enteropathie wie Durchfall, Verstopfung, Übelkeit oder Gewichtsverlust treten nur bei einer Minderheit der Betroffenen auf – das macht es schwer, die Erkrankung zu erkennen.

Pathophysiologie und Risikofaktoren der Zöliakie

Bei der Zöliakie handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung. Ausgangspunkt für die immunologische Reaktion ist die Gliadin-Fraktion des Glutens. Bei Kontakt mit Gluten entsteht eine Immunreaktion, die zu einer Entzündung der Dünnndarmschleimhaut und einer Schädigung ihrer Zellen führt. Zudem wird vermutet, dass eine erhöhte Darmpermeabilität bei der Entstehung der Erkrankung eine wichtige Rolle spielen könnte: Ist die intestinale Barriere des Darms im Rahmen der chronischen Entzündung bei Zöliakie gestört („leaky gut“), kann sich die Nahrungsmittelunverträglichkeit noch stärker manifestieren; Nahrungsbestandteile können nicht mehr adäquat verdaut oder resorbiert werden.

Ein wichtiger Marker für erhöhte Darmpermeabilität ist Zonulin. Das Protein reguliert tight junctions in der Darmwand, indem es an Rezeptoren bindet, die schließlich die Kontraktion von Proteinen des Zytoskeletts und die Öffnung intraepithelialer Kanäle induzieren. Zonulin ist bei Patienten mit chronischen Darmerkrankungen, wie z. B. der Zöliakie, sehr häufig erhöht. Doch ab wann ist dies der Fall?

Zonulin als Frühmarker

Ein Forschungsteam um Tracey M. DaFonte hat die These aufgestellt, dass die Erhöhung der Darmpermeabilität, messbar durch Zonulin, schon lange vor dem Auftreten einer manifesten glutensensitiven Enteropathie auftritt.

Verschiedene Faktoren können die Wahrscheinlichkeit einer Zöliakie-Erkrankung signifikant erhöhen. Dazu zählen das Vorhandensein anderer Autoimmunerkrankungen, bestehende Komorbiditäten, genetische Syndrome sowie das Auftreten von Zöliakie in der nahen Verwandtschaft.

Um zu testen, ob und wie lange vor Manifestation einer Zöliakie der Zonulinspiegel erhöht ist, führte die Forschungsgruppe eine longitudinale Kohortenstudie durch: Zwischen 2014 bis 2022 wurden 102 Risikokinder ab einem Alter von 12 Monaten in die Studie eingeschlossen, von denen 51 an Zöliakie erkrankten. Pro erkranktem Kind matchten die Wissenschaftler eines von 500 Kindern aus der großen „Celiac Disease Genomic Environmental Microbiome and Metabolomic (CDGEMM) study“, welches bezüglich der Kriterien Geschlecht, Alter, Art der Geburt, Wohnort und HLA-Status möglichst ähnlich war. Schließlich verglich das Team die Zonulin-Spiegel der letztlich Erkrankten und Nicht-Erkrankten.

Studienergebnisse

Das Ergebnis der Studie ist eindeutig: Bei den Kindern, die schließlich an einer Zöliakie erkrankten, war Zonulin in den 18,3 Monaten vor Erkrankungsbeginn signifikant erhöht. Die im Fachjournal „Pediatrics“ veröffentlichte Studie schlussfolgerte daher, dass Zonulin als Frühmarker bei Menschen mit erhöhtem Risiko für die gluteninduzierte Enteropathie eingesetzt werden könne.

Zudem fanden die Forscher heraus, dass die Gabe von Antibiotika mit einem erhöhten Zonulin-Spiegel assoziiert ist. Obwohl weitere Untersuchungen erforderlich sind, vermutet das Forschungsteam, dass die Zöliakie durch antibiotische Therapien bei Risikopersonen gefördert werden könnte. Diese Erkenntnis verstärkt die Notwendigkeit eines umsichtigen Einsatzes von Antibiotika bei Kindern.

Angesichts der Tatsache, dass die Symptome einer Zöliakie häufig übersehen werden, könnte die Messung eines Frühmarkers wie Zonulin eine wertvolle Ergänzung im Screening-Prozess für Risikopersonen darstellen. Die künftige Forschung muss zeigen, ob sich diese Studienergebnisse reproduzieren lassen und inwiefern sie möglicherweise Eingang in die aktuellen Leitlinien zur Diagnose der Erkrankung finden werden.

Autor:
Stand:
30.01.2024
Quelle:
  1. Caio et al. (2019): Celiac disease: a comprehensive current review. BMC medicine, DOI: 10.1186/s12916-019-1380-z
  2. DaFonte et al. (2024): Zonulin as a Biomarker for the Development of Celiac Disease. Pediatrics, DOI: 10.1542/peds.2023-063050
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