Hoher diagnostischer Bedarf bei symptomatischer Endometriose
Endometriose zählt zu den häufigsten gynäkologischen Erkrankungen im reproduktiven Alter und ist mit chronischen Schmerzen, Menstruationsbeschwerden, Dyspareunie sowie Fertilitätsstörungen assoziiert. Trotz ihrer hohen Prävalenz wird die Erkrankung häufig erst Jahre nach Symptombeginn diagnostiziert. Die in der Literatur beschriebenen Diagnoseverzögerungen liegen bei durchschnittlich 6 bis 11 Jahren. Als diagnostischer Goldstandard gilt weiterhin die laparoskopische Beurteilung mit histologischer Sicherung. Dieses Vorgehen ist jedoch invasiv und die diagnostische Genauigkeit kann in Abhängigkeit von Lokalisation der Läsionen sowie Erfahrung des Operateurs variieren.
Vor diesem Hintergrund besteht ein Bedarf an standardisierten, nichtinvasiven Verfahren, die eine frühere Identifikation betroffener Patientinnen ermöglichen könnten.
Entwicklung eines blutbasierten Multiomik-Assays
In einer multizentrischen Fall-Kontroll-Studie entwickelten und validierten Wong et al. einen Bluttest zur Erkennung einer Endometriose. Der Ansatz basierte auf der Annahme, dass die Erkrankung mit systemischen Veränderungen molekularer Marker einhergeht und sich deshalb mittels zirkulierender Biomarker nachweisen lässt.
Der Assay kombinierte mehrere Biomarker aus unterschiedlichen biologischen Ebenen. Einbezogen wurden die microRNAs miR-17-5p, miR-15b-5p und miR-92a-3p, die Proteinmarker CA125, CA19-9 und Sexualhormon-bindendes Globulin (SHBG) sowie Progesteron. Zusätzlich flossen Alter und Body-Mass-Index der Teilnehmerinnen in das Modell ein. Die Daten wurden mithilfe eines Random-Forest-Algorithmus ausgewertet.
Insgesamt wurden 298 Frauen im Alter von 18 bis 49 Jahren eingeschlossen. Alle Teilnehmerinnen wiesen Symptome auf, die mit einer Endometriose vereinbar waren. Die Diagnose wurde durch laparoskopische Befunde und histopathologische Untersuchung bestätigt oder ausgeschlossen. Für das Training des Modells wurden 218 Proben verwendet, darunter 137 Endometriose-Fälle und 81 Kontrollen. Die unabhängige Validierung erfolgte anhand eines separaten Kollektivs von 80 Frauen mit jeweils 40 Endometriose-Patientinnen und 40 Kontrollen.
Diagnostische Genauigkeit in der Validierungskohorte
In der unabhängigen Validierungskohorte erreichte der Bluttest eine Fläche unter der Receiver-Operating-Characteristic-Kurve (Area Under the Curve, AUC) von 0,944 (95 %-Konfidenzintervall [KI] 0,892–0,996). Die Sensitivität betrug 0,80 (95 %-KI 0,60–0,95), die Spezifität 0,975 (95 %-KI 0,85–1,00).
Bereits während des Trainings zeigte das Modell eine stabile Leistung mit einer mittleren AUC von 0,867, einer Sensitivität von 0,671 und einer Spezifität von 0,938. Die Autoren führen die in der Validierung beobachtete etwas höhere Genauigkeit auf Zufallseffekte kleinerer Stichproben und Unterschiede in der Kohortenzusammensetzung zurück.
Stabile Testleistung über verschiedene Menstruationsphasen
Da hormonelle Schwankungen die Konzentration zirkulierender Biomarker beeinflussen können, analysierten die Autoren die diagnostische Leistung zusätzlich getrennt nach Menstruationsphase.
Bei Frauen in der proliferativen Phase wurde eine AUC von 0,935 erreicht. Die Sensitivität lag bei 0,767, die Spezifität bei 0,962.
Für Proben aus der sekretorischen Phase ergab sich eine AUC von 0,993. Die Sensitivität betrug 0,90 und die Spezifität 1,00.
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass der Test grundsätzlich über unterschiedliche Zyklusphasen hinweg einsetzbar sein könnte. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass insbesondere die Zahl der Patientinnen in der sekretorischen Phase gering war und die Ergebnisse daher explorativen Charakter besitzen.
Ergänzende diagnostische Informationen gegenüber bildgebenden Verfahren
Bei 64 der 80 Teilnehmerinnen des Validierungskollektivs lagen zusätzlich bildgebende Befunde vor. Der Bluttest identifizierte 16 histologisch bestätigte Endometriose-Fälle, die in der transvaginalen Sonographie und/oder MRT nicht erkannt worden waren. Dies unterstreicht den potenziellen komplementären diagnostischen Nutzen des Verfahrens.
Limitationen der Studie
Mehrere Einschränkungen der Untersuchung sind zu berücksichtigen. Zirkulierende Biomarker können durch zahlreiche Faktoren beeinflusst werden, darunter Hormonstatus, Begleiterkrankungen, Rauchen, Alkoholkonsum und vorausgegangene Therapien. Ein Teil der eingeschlossenen Patientinnen wies Komorbiditäten wie Adenomyose oder Leiomyome auf, deren Einfluss auf die Biomarkerprofile nicht vollständig ausgeschlossen werden kann.
Eine weitere Limitation besteht darin, dass die Studienpopulation überwiegend aus symptomatischen Frauen mit Verdacht auf Endometriose bestand und einen hohen Anteil fortgeschrittener Erkrankungsstadien umfasste. Die Leistungsfähigkeit des Tests bei frühen oder nur gering symptomatischen Krankheitsformen wurde daher nicht ausreichend untersucht. Darüber hinaus erfolgte keine longitudinale Beobachtung, sodass Veränderungen der Biomarker unter Therapie nicht bewertet werden konnten.
Klinische Perspektiven und weiterer Forschungsbedarf
Die vorliegenden Daten deuten darauf hin, dass ein blutbasierter Multiomik-Assay unter Verwendung von microRNAs, Proteinmarkern, Progesteron sowie klinischen Parametern eine hohe diagnostische Genauigkeit bei symptomatischen Frauen erreichen kann. Die Ergebnisse deuten zudem darauf hin, dass der Ansatz diagnostische Informationen liefern könnte, die durch bildgebende Verfahren allein nicht immer erfasst werden.
Für eine weitere klinische Einordnung sind prospektive Untersuchungen in größeren und geografisch vielfältigeren Populationen erforderlich. Insbesondere der Einfluss verschiedener Krankheitsstadien, Begleiterkrankungen und klinischer Konstellationen sollte in zukünftigen Studien systematisch untersucht werden. Darüber hinaus erscheint die weitere Optimierung und Validierung der Biomarkerkombinationen ein relevantes Forschungsfeld.
Die Studie wurde im Journal of Minimally Invasive Gynecology veröffentlicht und von HerAnova Lifesciences finanziert.













