Psychische Gesundheit im Wochenbett: Ein sensibler Zeitraum
Das Wochenbett gilt als psychisch besonders vulnerable Phase. Postpartale Depressionen (PPD) sind eine der häufigsten psychiatrischen Komplikationen nach der Geburt. In Anbetracht der zentralen Rolle hormoneller Umstellungen in dieser Zeit, wurde wiederholt diskutiert, inwiefern hormonelle Kontrazeptiva in der postpartalen Phase zur Entwicklung von PPD beitragen können. Gleichzeitig wird ein möglicher Zusammenhang zwischen der Einnahme oraler Kontrazeptiva und der Entstehung von Depressionen vermutet.
Hormonelle Kontrazeption nach der Geburt
In vielen Ländern, darunter auch Dänemark, erfolgt im Rahmen der postpartalen Versorgung eine standardisierte Beratung zur Empfängnisverhütung. Dabei kommen häufig hormonelle Methoden zum Einsatz – rund 40 % der dänischen Frauen beginnen im ersten Jahr nach der Geburt mit einer hormonellen Kontrazeption. Die Evidenzlage zur Sicherheit solcher Präparate in Bezug auf depressive Erkrankungen in dieser Phase war bislang jedoch uneinheitlich und häufig methodisch limitiert.
Aktuelle Kohortenstudie untersucht Depressionsrisiko unter hormonellen Kontrazeptiva nach Geburt
Die vorliegende Register-basierte Kohortenstudie von Larsen et al. analysierte Daten von über 610.000 erstgebärenden Frauen in Dänemark zwischen 1997 und 2022. Ziel war es, den Zusammenhang zwischen dem Beginn einer hormonellen Kontrazeption innerhalb der ersten 12 Monate nach der Geburt und dem Risiko für Depressionen zu analysieren. Ausschlusskriterien waren u. a. eine depressive Episode in den zwei Jahren vor der Geburt, Mehrlings- oder Totgeburten sowie hormonelle Kontraindikationen wie Mammakarzinome.
Studie analysiert verschiedene Typen von hormonellen Kontrazeptiva
Hormonelle Kontrazeptiva wurden differenziert nach Typ erfasst:
- Kombinierte orale Kontrazeptiva (combined oral contraceptives, COC)
- Kombinierte nichtorale Kontrazeptiva (CNOC)
- Reine Gestagenpräparate oral (progestogen-only pill, POP)
- Reine Gestagenpräparate nichtoral (progestogen-only nonoral contraceptives, PNOC)
Depressionen wurden anhand von Antidepressivaverordnungen oder psychiatrischen Krankenhausdiagnosen erfasst.
Ein erhöhtes Risiko – differenziert nach Kontrazeptivum und Zeitpunkt
Insgesamt zeigte sich ein um 49 % erhöhtes relatives Risiko für Depressionen bei Frauen, die innerhalb des ersten Jahres nach der Geburt hormonelle Kontrazeptiva einnahmen (adjustierter Hazard Ratio [AHR] 1,49; 95 % Konfidenzintervall [KI] 1,42 bis 1,56). Die größte Risikoerhöhung wurde für CNOC (AHR 1,97) und COC (AHR 1,72) beobachtet, während PNOC (AHR 1,40) ein moderateres Risiko aufwiesen. Bei POP zeigte sich eine komplexe zeitabhängige Assoziation: Zu Beginn war das Risiko sogar reduziert, stieg jedoch nach dem achten Monat signifikant an.
Besonders auffällig war, dass eine frühzeitige Einnahme – insbesondere von COC – mit einem stärkeren Anstieg des Depressionsrisikos assoziiert war. Auch zeigte sich ein höheres relatives Risiko bei jüngeren Frauen (<20 Jahre), wobei altersbereinigte Analysen diesen Unterschied abschwächten.
Limitationen der Studie
Beobachtungsstudien weisen generell ein Verzerrungsrisiko auf. Weiterhin wurde auf den jeweiligen Typ der hormonellen Kontrazeptiva aus dem Einlösen des Rezeptes geschlossen. Es bleibt also offen, ob die Frauen das Präparat tatsächlich angewendet haben. Weiterhin wurde der Endpunkt „postpartale Depressionen“ aus einer entsprechenden Diagnose in den Patientenakten abgeleitet oder wenn ein Rezept für ein Antidepressivum eingelöst worden war.
Hormonelle Kontrazeption nach der Geburt individualisieren
Die Ergebnisse legen nahe, dass hormonelle Kontrazeptiva in der postpartalen Phase ein relevanter Risikofaktor für Depressionen sein könnten – insbesondere bei früher Anwendung. Diese Erkenntnisse könnten wichtige Implikationen für die postpartale Beratung und individuelle Entscheidungsfindung haben.
Bei der Wahl der Kontrazeption sollte künftig auch das individuelle psychische Risiko stärker berücksichtigt werden. Der Zeitpunkt des Beginns der oralen Kontrazeption scheint dabei ebenso relevant wie die Art des Kontrazeptivums. Die bisherigen Empfehlungen zugunsten gestagenhaltiger Präparate bei stillenden Frauen könnten durch diese differenzierten Ergebnisse weiter präzisiert werden.










