Tinnitus betrifft weltweit schätzungsweise 14 % der Erwachsenen. Die Symptomatik reicht von leicht störend bis schwer belastend und ist mit Depressionen, Angstzuständen, Stress und in schweren Fällen Suizidalität assoziiert. Die Behandlungsmöglichkeiten sind bislang begrenzt und umfassen unter anderem kognitive Verhaltenstherapie, Hörgeräteanpassung, medikamentöse Ansätze sowie Beratung. Eine kurative Therapie existiert derzeit nicht.
Vor diesem Hintergrund rücken potenziell modifizierbare Risikofaktoren, darunter Ernährungsgewohnheiten, stärker in den Fokus der Forschung. Frühere Studien deuten darauf hin, dass eine obst- und gemüsereiche Ernährung das Risiko für Tinnitus senken könnte, während fettreiche und ballaststoffarme Kost mit einem erhöhten Risiko assoziiert ist. Allerdings waren die bisherigen Ergebnisse uneinheitlich.
15 Ernährungsfaktoren und ihr Zusammenhang mit Tinnitus
Ungeklärte Fragen betreffen insbesondere den Einfluss spezifischer Nahrungsbestandteile auf das Tinnitusrisiko. Eine nun in BMJ Open veröffentlichte Übersichtsarbeit zielte darauf ab, den Zusammenhang zwischen 15 häufigen Ernährungsfaktoren und der Inzidenz von Tinnitus in der erwachsenen Bevölkerung auf Basis der verfügbaren Evidenz zu untersuchen.
Eingeschlossen wurden englischsprachige, peer-reviewte Beobachtungsstudien (Fall-Kontroll-, Kohorten- und Querschnittsstudien) an erwachsenen Probanden. Von ursprünglich 3.484 identifizierten Arbeiten erfüllten letztlich zehn retrospektive Studien die Einschlusskriterien. Acht dieser Studien mit insgesamt 301.533 Teilnehmern wurden für die quantitative Synthese (Meta-Analyse) verwendet. Die Datenerhebung basierte auf validierten Ernährungsfragebögen zur Quantifizierung des Verzehrs von 15 Nahrungsbestandteilen.
Signifikante inverse Assoziationen für vier Ernährungsfaktoren
Die Meta-Analyse identifizierte statistisch signifikante inverse Assoziationen zwischen dem Tinnitusrisiko und vier Ernährungsfaktoren:
- Obst: Odds Ratio (OR) = 0,649; 95-%-Konfidenzintervall (KI): 0,532–0,793; p < 0,0001
- Ballaststoffe: OR = 0,918; 95-%-KI: 0,851–0,990; p = 0,03
- Milchprodukte: OR = 0,827; 95-%-KI: 0,766–0,892; p < 0,00001
- Koffein: OR = 0,898; 95-%-KI: 0,862–0,935; p < 0,00001
Diese Ergebnisse zeigen eine signifikante inverse Assoziation zwischen einem höheren Konsum dieser Nahrungsbestandteile und einer geringeren Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Tinnitus. Für die übrigen elf untersuchten Ernährungsfaktoren – darunter Kohlenhydrate, Fett, Zucker, Gemüse, Fisch und Fleisch – konnte keine signifikante Assoziation nachgewiesen werden.
Klinische Relevanz trotz methodischer Limitationen
Die Studienautoren betonen, dass aus den beobachtenden Studiendesigns keine kausalen Zusammenhänge abgeleitet werden können. Dennoch wurden die identifizierten Assoziationen konsistent über verschiedene Analysen hinweg festgestellt. Als mögliche Erklärungen werden protektive Effekte auf Gefäße und Nerven sowie antiinflammatorische und antioxidative Eigenschaften bestimmter Ernährungsbestandteile diskutiert.
Weitere groß angelegte, populationsübergreifende und methodisch hochwertige Untersuchungen sind erforderlich, um den Zusammenhang zwischen Ernährung und Tinnitusrisiko genauer zu prüfen und zu bestätigen. Auch die Analyse spezifischer Verzehrmengen könnte zusätzliche Erkenntnisse liefern.
Für die klinische Praxis unterstreicht diese Arbeit den Wert einer ausgewogenen Ernährung als potenziell relevanten Faktor im Management von Risikofaktoren für Tinnitus, auch wenn sich daraus derzeit keine spezifischen Ernährungsempfehlungen ableiten lassen.









