Review: Langzeitverlauf der strahlenassoziierten Dysphagie bei Kopf-Hals-Karzinomen

Die strahlenassoziierte Dysphagie stellt eine häufige, belastende Folge einer primären Radiotherapie bei Kopf-Hals-Karzinomen dar. Eine aktuelle Übersichtsarbeit beleuchtet deren zeitliche Dynamik und Bedeutung für mögliche Interventionen.

Dysphagie

Dysphagie eine der häufigsten funktionellen Störungen nach Radiotherapie bei Kopf-Hals-Karzinomen

Schluckstörungen zählen zu den häufigsten funktionellen Störungen nach kurativ intendierter Radiotherapie oder Radiochemotherapie bei Patienten mit Kopf-Hals-Karzinomen (Head and Neck Squamous Cell Carcinoma [HNSCC]). Etwa 45-75 % der Patienten sind hiervon betroffen. Folgen der Dysphagie können schwerwiegend sein und umfassen unter anderem Malnutrition, pulmonale Komplikationen und den Tod. 

Frühe versus späte Dysphagie

Klinisch relevant sind zwei Phasen: die frühe und die späte Dysphagie. Die frühe Dysphagie tritt innerhalb der ersten sechs Monate auf. Sie entsteht durch akute Entzündung und Zellschäden während oder kurz nach Abschluss der Radiotherapie. Die späte Dysphagie macht sich frühestens sechs Monate postinterventionell bemerkbar. Verantwortlich sind hier insbesondere progressive Fibrose der pharyngealen Konstriktormuskeln, Lymphödeme sowie kranielle Neuropathien, die die Koordination des Schluckens beeinflussen. 

Review analysierte zeitlichen Verlauf der strahlenassoziierten Dysphagie

Ein Review untersuchte kürzlich longitudinale Daten zum funktionellen Outcome, um kritische Fenster für Interventionen identifizieren und Prognosen bezüglich der Erholung oder Persistenz anstellen zu können. Hierfür analysierten die Wissenschaftler 99 Studien mit insgesamt 15.578 Patienten.

Dysphagie in früher Phase am ausgeprägtesten

Dysphagie zu Beginn von beeinträchtigter Pharynxfunktion und Aspiration geprägt

Wie erwartet, nahm der Schweregrad der Dysphagie in der frühen Phase deutlich zu. So verschlechterte sich etwa die pharyngeale Funktion nach drei Monaten. Auch das Auftreten von Aspirationen war innerhalb der frühen Phase am häufigsten. 

Nahrung musste bei der Mehrzahl der Patienten angepasst werden

Zudem nahmen in der frühen Phase Strikturen zu (21,2 % nach drei Monaten bzw. 37 % nach sechs Monaten). 83 % der Patienten benötigten drei Monate postoperativ eine veränderte Ernährung. Die Forscher betonen, dass diese während der Therapie oral erfolgen sollte, da hierdurch die langfristige Schluckfunktion verbessert wird. Techniken zur Optimierung umfassen beispielsweise veränderte Nahrungsmitteltexturen, pharyngoösophageale Dilatationen, Speichelersatz und Schmerzmanagement. 

Hälfte der Patienten musste in früher Phase per Sonde ernährt werden

Die Patienten, bei denen keine orale Ernährung möglich war, wurden via Sonde ernährt. Dies betraf zu Beginn der Therapie 44,5 %. Dieser Prozentsatz sank nach drei Monaten auf 31,4 %. Die Autoren empfehlen, die orale Ernährung möglichst früh wieder einzuleiten, um langfristige Abhängigkeit von der Sonde zu reduzieren. 

Outcome späte Dysphagiephase

Bei der Mehrheit der Patienten verbesserte sich die Dysphagieschwere im Laufe der Zeit. Trotz rehabilitativer Strategien persistierten aber Schluckdefizite und die reduzierte Lebensqualität noch Jahre nach erfolgter Therapie. So wiesen gemäß DIGEST-Score wiesen 7,8 % (Grad 2) bzw. 2,8 % (Grad 3) eine moderate oder schwere Dysphagie auf. Die pharyngeale Beeinträchtigung nahm im Laufe der Zeit sogar zu und erreichte ihren höchsten Wert nach zwei Jahren (72,03 %). 

13 % der Patienten aspirierten nach zwei Jahren noch 

Trotz des Abfalls der Aspirationsrate im Laufe der Zeit aspirierten nach zwei Jahren noch 13 % aller Patienten bzw. aspirierten 17,6 % noch Flüssigkeiten. Dies kann zu rezidivierenden Aspirationspneumonien führen, welche eine der nicht-krebsbezogenen Haupttodesursachen bei HNSCC ist. 

Knapp die Hälfte benötigte noch Anpassung der Ernährung bzw. 4 % hatten noch Ernährungssonde

Knapp die Hälfte der Patienten (47,2 %) benötigte nach zwei Jahren weiterhin eine modifizierte Kost und 4,1 % wurden via Sonde ernährt. Nach 24 Monaten litten noch 9,1 % der Patienten an Strikturen.

Höhepunkt der dysphagischen Beschwerden innerhalb der ersten drei Monate

Es lässt sich also festhalten, dass die subjektiven und objektiven Dysphagieparameter den Höhepunkt des Schweregrades innerhalb der ersten drei Monate erreichten. Danach verbesserte sich die Dysphagie wieder. Dennoch persistierten dysphagische Beschwerden bei einem Teil der Patienten auch nach zwei Jahren noch. Daraus folgt, dass eine langfristige Nachsorge erforderlich ist, um späte Folgen zu erkennen und gezielt zu therapieren. Für die klinische Praxis bedeutet dies, interdisziplinäre Rehabilitationsprogramme anzupassen und Patienten auch über potenzielle Langzeitfolgen aufzuklären.

Quelle:

Shah et al. (2025): Longitudinal Patterns of Radiation-Associated Dysphagia in Patients With Head and Neck Cancer: A Systematic Review. Head & Neck. DOI: 10.1002/hed.70107.  

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