Verschiebung der Krankheitslast
In den letzten Jahrzehnten ist die Lebenserwartung von Patienten mit kongenitaler Herzerkrankung durch die Fortschritte in Diagnostik, Therapie und Nachsorge stark angestiegen. Es gibt Schätzungen, dass etwa 90% der Patienten mit milder, 75% mit moderater und 40% mit komplexer angeborener Herzkrankheit nun das Alter von 60 Jahren erreichen. Es wird erwartet, dass diese Zahlen in den kommenden Jahren weiter ansteigen [1]. Dabei verschiebt sich die Krankheitslast bei dieser besonderen Population erwachsener Menschen mit kongenitaler Herzkrankheit (adult congenital heart disease [ACHD]) mit zunehmendem Alter hinzu atherosklerotisch kardiovaskulären Erkrankungen (atherosclerotic cardiovascular disease [ASCVD]).
Aufgrund der verschiedenen Begleiterscheinungen von angeborenen Herzkrankheiten, wie z. B. Veränderungen der Herz- und/oder Gefäßanatomie, Vernarbungen, Entzündungen, Aortenisthmusstenose und anderen Gefäßerkrankungen, besteht bei vielen ACHD-Patienten bereits per se ein erhöhtes Risiko für ASCVD.
Diese Gefährdung nimmt durch die im Verlauf des Lebens erworbenen Risikofaktoren mit dem Alter noch zu. Das Zusammenspiel angeborener und erworbener Risikofaktoren führt auch dazu, dass eine ASCVD bei ACHD-Patienten im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung früher beginnt, schwerer zu behandeln und mit einer höheren Krankheitslast, Morbidität und Mortalität verbunden ist.
Keine Leitlinien verfügbar
Aufgrund des hohen Risikos und der im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung schwereren Folgen einer ASCVD bei ACHD erscheint eine nachhaltige Strategie zur Prävention der erworbenen Erkrankung gerade bei dieser Patientengruppe als besondere wichtig. Dennoch gibt es derzeit keine umfassenden Richtlinien zur Prävention und Behandlung von erworbenen Herzkrankheiten bei ACHD-Patienten. Weder die Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) zur Prävention kardiovaskulärer Krankheiten noch die ESC-Leitlinien für das Management von ACHD behandeln dieses Thema [2,3].
Konsenspapier als Hilfe für die Präventionspraxis
Angesichts der bestehenden Lücke in den Leitlinien hat die ESC Working Group on Adult Congenital Heart Disease in Kooperation mit der European Association of Preventive Cardiology (EJPC) und der European Association of Percutaneous Cardiovascular Interventions (EAPCI) einen umfassenden Überblick über erworbenen Herzkrankheiten bei ACHD-Patienten erstellt. Dieser Überblick bietet zudem eine Anleitung zur ASCVD-Prävention für diese Patientengruppe. Er soll sowohl ACHD-Spezialisten als auch Kardiologen ohne diese Spezialisierung in ihrer Arbeit unterstützen. Das Ziel des Konsenspapiers ist es, die Entwicklung einer nachhaltigen und praxistauglichen Präventionsstrategie für ASCVD bei ACHD-Patienten voranzutreiben [4].
Erworbene Risikofaktoren als Ansatzpunkt der Prävention
Erworbene Risikofaktoren tragen bei ACHD-Patienten zu einer erhöhten ASCVD-Last, -Morbidität und Mortalität bei und sind die Hauptansatzpunkte für die Prävention. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung weisen Menschen mit ACHD eine erhöhte Prävalenz von kardiovaskulären Risikofaktoren wie arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus und psychologische Störungen auf. Die Prävalenzen von Dyslipidämie und Adipositas bei ACHD bewegen sich etwa auf dem Niveau Allgemeinbevölkerung. Der Risikofaktor Rauchen kommt bei ACHD-Patienten im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung seltener vor.
Modifikation der Risikofaktoren
Zur Prävention der Entwicklung von ASCVD bei Patienten mit ACHD empfehlen die Autoren folgende Maßnahmen:
- Patientenschulung
- Kontrolle spezifischer ACHD-Risikofaktoren
- Modifikation des Lebensstils hinzu einer gesünderen Lebensweise
- Die Förderung der medizinischen Therapie-Adhärenz
- Psychotherapeutisches Stress Management
- Interventionen auf globaler und Populationsebene
Die Komplexität erfordert multidisziplinären Ansatz
Um das Risiko erworbener kardiovaskulärer Erkrankungen bei Erwachsenen, die mit einer kongenitalen Herzkrankheit geboren wurden, zu senken, ist eine frühzeitige Aufklärung über einen gesunden Lebensstil und eine sorgfältige Kontrolle von Risikofaktoren von größter Bedeutung. Angesichts der inhärenten Komplexität ihrer gesundheitlichen Verfassung und der zunehmenden Prävalenz von ASCVD ist dies bei einer immer älterwerdenden ACHD-Population besonders wichtig. Für eine nachhaltige kardiovaskulären Prävention bei dieser Risikogruppe ist die wachsame Aufmerksamkeit und das Engagement vieler Disziplinen eingeschlossen pädiatrischen Kardiologen, ACHD-Spezialisten, Allgemeinmedizinern, Kardiologen ohne ACHD-Spezialisierung gefordert.








