Geschlechtsspezifische Unterschiede bei schwerer Herzklappenerkrankung - Frauen benachteiligt?

Eine umfangreiche europäische Studie hat bedeutende geschlechtsspezifische Unterschiede bei schweren nativen Herzklappenerkrankungen aufgedeckt. Die ESC-EORP Valvular Heart Disease II-Studie analysierte Daten von 5.219 Patienten aus 208 Zentren in Europa und Nordafrika.

Herzinfarkt Frau

Die steigende Lebenserwartung in Europa führt zu einer Zunahme schwerwiegender kardialer Erkrankungen. Gleichzeitig haben sich die Behandlungsmöglichkeiten, insbesondere durch minimalinvasive Eingriffe bei Herzklappenerkrankungen, deutlich verbessert. Eine aktuelle Studie zeigt geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Diagnose und dem Management von Patienten mit schwerer, nicht operierter valvulärer Herzkrankheit (VHD). Die Ergebnisse der ESC-EORP (European Society of Cardiology – European Observational Research Programme) Valvular Heart Disease II Umfrage legen nahe, dass Frauen und Männer bei der Behandlung unterschiedlich berücksichtigt werden sollten.

Studie mit mehr als 5200 Patienten in über 200 Zentren 

Die VHD II-Studie, Teil des ESC-EORP-Registers, erfasste Daten von 5219 Patienten (46,4% Frauen) mit schwerer Herzklappenerkrankung aus 208 europäischen und nordafrikanischen Zentren. Über zwei Jahre wurden demografische Faktoren, klinische Merkmale, diagnostische Untersuchungen, Behandlungsansätze und prognostische Ergebnisse analysiert. Mit besonderem Fokus auf der Aorten-, Mitral- und Trikuspidalklappe.

Frauen tendenziell älter und mit mehr altersbedingten Beeinträchtigungen

Die Studie ergab, dass Frauen bei der Diagnose im Durchschnitt 2,5 Jahre älter waren als Männer. Zudem waren Frauen tendenziell häufiger alleinstehend, hatten einen niedrigeren sozioökonomischen Status, zeigten mehr allgemeine Anzeichen für altersbedingte Beeinträchtigungen und wiesen einen höheren EuroSCORE II auf, was auf ein erhöhtes Operationsrisiko hindeutet. Interessanterweise wiesen Frauen aber seltener klassische kardiovaskuläre Risikofaktoren wie koronare Herzkrankheit, Hyperlipidämie und Nikotinabusus auf.

Prävalenz verschiedener Klappenerkrankungen und pathophysiologische Unterschiede

Unter den untersuchten Erkrankungen wies die Aortenklappenstenose bei beiden Geschlechtern die höchste Prävalenz auf, gefolgt von der Mitralklappeninsuffizienz. Bikuspidale Aortenklappen sowie Aorteninsuffizienz waren bei männlichen Studienteilnehmern signifikant häufiger zu beobachten. Diese Resultate stützen die Befunde früherer Studien, denen zufolge Männer einem höheren Risiko für Aortenklappenerkrankungen ausgesetzt sind, während bei Frauen öfter Mitralklappenprobleme auftreten. Im Falle einer Aortenklappenstenose zeigt sich bei Frauen eine geringere Kalzifizierung, jedoch eine höhere Fibrosierung. Dies könnte eine Erklärung für die trotz geringerer Kalzifizierung schwerere Stenose darstellen.

Unterschiede in der Behandlung

Ein zentrales Ergebnis der Studie war, dass Frauen insgesamt seltener leitliniengerecht behandelt wurden. Dieser Unterschied war besonders ausgeprägt bei Interventionen an der Mitralklappe. Die Gründe hierfür waren vielfältig:

  • das höhere Durchschnittsalter der Frauen bei Diagnosestellung
  • häufigere Ablehnung der Operation durch weibliche Patienten
  • häufigere Symptomverbesserung durch medikamentöse Therapie bei Frauen

Prognose und klinische Ergebnisse

Trotz der Unterschiede in der Behandlung zeigten Männer und Frauen bei langfristigen klinischen Ergebnissen keine signifikanten Unterschiede. Nach einem Jahr waren Mortalität und kardiovaskuläre Ereignisse vergleichbar, obwohl Frauen bei der Aufnahme ein höheres Alter aufwiesen, von mehreren Begleiterkrankungen betroffen waren und seltener chirurgische Eingriffe erhielten. Möglicherweise profitieren Frauen stärker von nicht-invasiven Verfahren wie TAVI, was ihre ähnliche Prognose erklärt.

Die Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen: 

  • Der VHD-Subtyp variiert zwischen den Geschlechtern. 
  • Die Konkordanz mit den empfohlenen Interventionen bei Mitralklappenstenose und primärer Mitralklappeninsuffizienz war bei Frauen signifikant niedriger.
  • Bei Frauen wurden häufiger Alter, Patientenverweigerung und Symptomrückgang als Gründe für die Ablehnung von Eingriffen genannt.
  • Trikuspidalklappeninterventionen wurden bei beiden Geschlechtern ähnlich oft durchgeführt, obwohl Frauen häufiger an Trikuspidalklappenstenose litten.
  • Die Überlebensrate war nach 6 Monaten in beiden Geschlechtern ähnlich.

Folgende praktische Implikationen für den klinischen Alltag lassen sich daraus ableiten:

  • Frühere Diagnose und Überweisung sowie eine gezielte Behandlung könnten die Ergebnisse bei Frauen mit schwerer valvulärer Herzkrankheit verbessern.
  • Geschlechtsspezifische Faktoren sollten bei der Wahl für operative oder interventionelle Eingriffe stärker berücksichtigt werden, um Unterbehandlungen zu vermeiden.
  • Es besteht ein klarer Bedarf an Weiterbildungsmaßnahmen zu den geschlechtsspezifischen Unterschieden in Prävalenz und Behandlung von VHD.

Zukünftige Forschung sollte geschlechtsspezifische Leitlinien erarbeiten und Langzeitstudien durchführen, um die Auswirkungen dieser Unterschiede auf die Behandlungsergebnisse besser zu verstehen.

Autor:
Stand:
14.10.2024
Quelle:
  1. Mascherbauer et al. (2024): Sex-related differences in severe native valvular heart disease: the ESC-EORP Valvular Heart Disease II survey, European Society of Cardiology, DOI: 10.1093/eurheartj/ehae523
  2. Iung et al. (2019): Contemporary presentation and management of valvular heart disease: the EURObservational research programme valvular heart disease II survey. Circulation, DOI: 10.1161/CIRCULATIONAHA.119.041080
  • Teilen
  • Teilen
  • Teilen
  • Drucken
  • Senden