Kardiovaskuläre Erkrankungen: Eine unterschätzte Dauerbelastung
Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKE) verursachen nach wie vor den größten Anteil an Krankheitslast und Mortalität in Deutschland. Im Jahr 2023 starben rund 348.000 Menschen an kardiovaskulären Erkrankungen – das entspricht 33,9 % aller Todesfälle. Hinzu kommen erhebliche sozioökonomische Belastungen: Mit über 56 Milliarden Euro jährlich sind sie die kostenintensivste Krankheitsgruppe im deutschen Gesundheitssystem. Trotz medizinischer Fortschritte stagniert die Lebenserwartung – ein Warnsignal.
Versorgungslage in Deutschland: Fortschritte bei Therapie, Defizite bei Prävention
Zwar wurden in den letzten Jahren relevante Fortschritte bei Diagnostik und Therapie erzielt, doch Präventionsmaßnahmen greifen bislang zu kurz. Ein wesentliches Defizit ist die verspätete Diagnosestellung. Erkrankungen wie Hypertonie, Dyslipidämie und Diabetes mellitus werden häufig nicht frühzeitig erkannt und adäquat behandelt, obwohl sie zentrale Risikofaktoren für HKE darstellen.
Das neue Weißbuch „Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen – Versorgungssituation in Deutschland“, vorgestellt auf der 91. DGK-Jahrestagung, liefert eine systematische Bestandsaufnahme und benennt konkrete strukturelle, medizinische und gesundheitspolitische Handlungsbedarfe.
Das Weißbuch: Ein wissenschaftlich fundierter Weckruf
Das Weißbuch wurde unter wissenschaftlicher Leitung von Experten erstellt und versteht sich als Referenzrahmen für eine zukunftsfähige kardiovaskuläre Versorgung in Deutschland. Neben der Darstellung epidemiologischer Kennzahlen und Versorgungslücken werden klare Empfehlungen formuliert – u. a. zur sektorenübergreifenden Versorgung, zur digitalen Infrastruktur und zu einer strukturierten Erhebung von Prävalenzdaten.
Entzündung als Zielstruktur: Die Rolle der kardiovaskulären Inflammation
Ein zentrales Thema des Weißbuchs ist die bislang unzureichende Berücksichtigung chronisch-entzündlicher Prozesse in der Pathophysiologie kardiovaskulärer Erkrankungen. Inflammatorische Prozesse gelten als eine Ursache der Atherosklerose und fördern sowohl das Fortschreiten bestehender Erkrankungen als auch das Auftreten kardiovaskulärer Ereignisse.
Die Autoren betonen das Potenzial anti-inflammatorischer Therapieansätze, insbesondere im Kontext bestehender Restrisikofaktoren trotz optimaler LDL-Senkung. Die Integration solcher Konzepte könnte einen Paradigmenwechsel in Prävention und Behandlung bedeuten.
Prävention strategisch denken: Empfehlungen des Weißbuchs
Das Weißbuch formuliert zahlreiche Empfehlungen, die eine systematische Verankerung von Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention im Versorgungssystem anstreben. Beispiele sind:
- Einsatz von Gesundheitslotsen zur kontinuierlichen Patientenbegleitung.
- Flächendeckende Screening-Angebote zur Frühidentifikation von Risikopatienten.
- Einheitliche Datenerfassung zur besseren Steuerung und Evaluation von Präventionsmaßnahmen.
- Stärkere Einbindung von Patientenorganisationen zur bedarfsgerechten Versorgungsgestaltung.
Ausblick: Strategische Impulse für Forschung, Politik und Versorgung
Das Weißbuch präsentiert zwar keine radikal neuen Erkenntnisse, schafft jedoch durch Systematisierung, Evidenzbündelung und praxisnahe Empfehlungen eine Grundlage für politisches und medizinisches Handeln. Es verweist auf den dringenden Bedarf, bestehende Präventionsstrategien zu überdenken und in ein kohärentes Gesamtkonzept einzubetten.
Insbesondere die Rolle chronisch-entzündlicher Prozesse sollte in Forschung und klinischer Praxis stärker berücksichtigt werden. Auch die Integration digitaler Werkzeuge und patientenzentrierter Strukturen könnte mittelfristig helfen, Versorgungslücken zu schließen und die Versorgungslage nachhaltig zu verbessern.








