Gehirn und Herz sind untrennbar miteinander verbunden. Jeder fünfte ambulant betreute Herzpatient mit einer koronaren Herzerkrankung (KHK), einer Herzinsuffizienz, oder einer anderen Herzerkrankung hat ein psychisches Problem. Andersherum begünstigen psychische Erkrankungen wiederum Herzerkrankungen. In der somatischen Medizin spielt dies jedoch nur bedingt eine Rolle. Das spiegelt sich in der Dichte der psychokardiologischen Angebote deutlich wider. Es gibt gerade einmal etwas mehr als ein Dutzend Rehakliniken mit speziell psychokardiologischem Angebot. Bei den Akutkliniken sind es noch weniger. Deshalb nicht verwunderlich, dass das Thema auch bei der diesjährigen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) mehrfach aufgegriffen wurde, unter anderem in einem Arbeitsgruppentreffen der Psychokardiologie.
Erste Studienergebnisse bestätigen Verdacht
Kardiologische Patienten sind nach Akutereignissen oder einer lebensverändernden Diagnose häufig psychisch belastet. Das zeigt ein Fallbeispiel, dass Dr. Eike Langheim aus Teltow vorstellte. Ein 57-jähriger Patient mit langer kardiologischer Vorgeschichte bekam 2014 einen ICD implantiert, der einige Jahre später beim Tomatenschneiden in der Küche und anderthalb Jahre später beim Föhnen auslöste. Das führte bei dem Patienten nach und nach zu einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Allein das Schneiden von Tomaten verursachte Flashbacks. Erst über Umwege kam der Patient in eine psychokardiologische Rehabilitation. Dort wurde er sowohl kardiologisch als auch psychotherapeutisch intensiv betreut.
Wie wichtig die Psychokardiologie sein kann, zeigen erste Daten der EVA-PK-Studie und der vorher gelaufenen Pilotstudie, von der Dr. Langheim berichtete. Dort fiel auf, dass Betroffene, die eine psychokardiologische Rehabilitation durchlaufen, signifikant stärker von Herzangst, Depressivität und gesundheitsbezogenen Einbußen der Lebensqualität betroffen sind, aber umso mehr von der speziellen Form der Rehabilitation profitieren. Allerdings ist es bisher schwierig, Betroffenen einen psychokardiologischen Rehaplatz zu organisieren. Die Wartezeiten sind lang. Aber: „Formulieren Sie den Wunsch nach dualer psychokardiologischer Reha explizit im Rehaantrag bzw. Befundbericht! Dann klappt es vielleicht auch“, empfahl Dr. Langheim.
Betroffene ernst nehmen und Anzeichen früh erkennen
Um Betroffenen zu helfen, müssen sie jedoch überhaupt erst einmal aus dem Patientenkollektiv herausgefiltert werden. Ein Indiz können dabei eine weiterhin bestehende Belastungsluftnot und deutliche Leistungseinschränkung sein, wenn die Entwicklung aus Sicht einer Herzinsuffizienz-Ambulanz beispielsweise zufriedenstellend ist. Kurzscreenings oder direkte Fragen können dabei helfen. Aber auch Zeit für Gespräche ist wichtig. „Die Patienten müssen so lange fragen dürfen, bis ihnen nichts mehr einfällt. Dann gibt es eine Entlastung“, ordnete Dr. Leithäuser ein. Entstehen durch eine Erkrankung Lebenseinschränkungen, fühlen sich die Betroffenen oft machtlos und ausgeliefert. Sie haben Zukunftsängste bis hin zu Todesängsten. Vor allem unerkannt wirken sich solche Symptome auf die Prognose aus. Werden die Überlebenschancen von adhärenten Patienten mit denen von nicht adhärenten und denen mit und ohne depressiven Symptomen verglichen, wird der Einfluss der Psyche sehr anschaulich: Ein adhärenter Patient mit depressiven Symptomen hat in etwa die gleichen Überlebenschancen wie ein nonadhärenter ohne psychische Symptome. Helfen kann den Betroffenen, eine Akzeptanz der Erkrankung zu entwickeln. Dabei können Kardiologen aktiv unterstützen, berichtete auch Dr. Hilka Gunold aus Leipzig. Gerade herzinsuffiziente Patienten stecken oft in einem Teufelskreis. Dyspnoe führe zu Vermeidung, das zu Inaktivität und weiter zu Muskelverlust. Der Muskelverlust aber verstärke die Dyspnoe, die wiederum zu Depressionen führe und das zu einer verstärkten Dyspnoe. Die Wortwahl von Befundmitteilungen kann dabei entscheidend sein. „Wir müssen weg kommen von der negativen Sicht und uns [darin] üben, unsere Befunde positiv zu vermitteln und […] die Patienten zu motivieren, gut mitzumachen“, empfahl Dr. Gunold. Das geht am besten im interdisziplinären Team. Helfen können dabei auch verschiedene Kommunikationsmodelle wie das SPIKES-Modell, das ABCDE-Protokoll oder der PLIIE-Ansatz.
Herzkrank durch psychische Erkrankungen?
Studien deuten darauf hin, dass Herz und Psyche sich jedoch nicht nur in die eine Richtung gegenseitig beeinflussen. Es kann auch andersherum sein, denn psychisch vorbelastete Menschen sind häufiger von Herz-Kreislauf-Erkrankungen betroffen als andere, wie sich beim Vorhofflimmern zeigt. Patienten mit Depression haben beispielsweise ein höheres Risiko für ein Rezidiv nach Katheterablation als solche, die keine Depressionen haben. Auch Stressoren in der Kindheit und Jugend können möglicherweise eine frühe Prägung des neuroendokrinen Systems und des Herz-Kreislauf-Systems zur Folge haben. „Die Patienten, die ich betreue, die ein sehr früh aufgetretenes Vorhofflimmern haben und keine strukturelle Herzerkrankung, da finde ich in jedem Fall eine aversive Kindheitserfahrung“, berichtete Dr. Boris Leithäuser aus Hamburg. Beschrieben ist diese Hypothese bisher in der Wissenschaft wohl noch nicht. Auch lässt sich nicht alles auf die Psyche und die Lebensgeschichte der Betroffenen schieben. Es kann jedoch helfen, genauer hinzuschauen und so die Prognose der Betroffenen und ihre Lebensqualität nachhaltig positiv zu beeinflussen.







