Krankheitslast durch die rheumatische Herzkrankheit wird diskutiert

Menschen in einkommensschwachen Ländern erkranken häufiger und in einem jüngeren Lebensalter an der rheumatischen Herzkrankheit. Die Erkrankung wird oft erst spät entdeckt und unzureichend behandelt. Die Krankheitslast soll daher größer sein als zuvor angenommen.

Herz Ultraschall

Krankheitsbelastung rheumatischen Herzkrankheit

Die rheumatische Herzkrankheit ist eine erworbene Erkrankung des Herzens, die von einer überschießenden Immunreaktion nach einer Streptokokken-Infektion verursacht wird. Eine große internationale Studie zur globalen Krankheitsbelastung durch die rheumatische Herzkrankheit in den Jahren 1990 bis 2015 schätzte die weltweite Prävalenz der Erkrankung im Jahr 2015 auf 33,4 Millionen Menschen. In einkommensschwachen Ländern erkannte die Studie im Beobachtungszeitraum einen Trend zu ansteigenden Inzidenzen und Prävalenzen.

Dank der Fortschritte bei der Bekämpfung der rheumatischen Herzkrankheit soll, laut dieser Studie, die Mortalität von geschätzt 347.500 Todesfällen im Jahr 1990 auf 319.400 im Jahr 2015 weltweit um 8,1% und altersbereinigt sogar um 47,8% gesunken sein.

Zweifel an den Schätzungen zur Mortalität

Die Kardiologen Dr. Kumar Narayanan vom Medicover Hospitals in Hyderabad in Indien und Dr. Eloi Marijon von der Université Paris Cité bezweifeln, dass diese Schätzungen zur Mortalität die Realität widerspiegeln. Sie äußerten ihre Zweifel in einem Editorial anlässlich der Veröffentlichung einer Studie im Rahmen des internationalen Forschungsprojekts INVICTUS (Investigation of Rheumatic AtrialFibrillation Treatment Using Vitamin-K-Antagonists, Rivaroxaban or Aspirin Studies). Die INVICTUS-Studie untersuchte die Mortalität und Morbidität durch die rheumatische Herzkrankheit in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen und wurde im Journal of the American Medial Association Cardiology veröffentlicht.

Überblick über die INVICTUS-Studie

An der prospektiven Beobachtungsstudie nahmen rund 14.000 Patienten ab 18 Jahren mit rheumatischer Herzkrankheit aus 24 Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen teil. Die Teilnehmer waren zu 72% weiblich. Das Durchschnittsalter der gesamten Studienpopulation lag bei 43 Jahren, das in den Ländern mit niedrigem Einkommen bei 33 Jahren. Der primäre Endpunkt war die Gesamtmortalität. Die Ereignisraten wurden nach den Einkommensgruppen der Weltbankländer analysiert.

Keine adäquate Behandlung symptomatischer Patienten

Obwohl die meisten Patienten symptomatisch waren, unterzogen sich weniger als 5% einer korrigierenden Klappenoperation oder einer Valvuloplastie und nur etwa 2% pro Jahr ließen sich aufgrund einer Herzinsuffizienz stationär behandeln. Nach drei Jahren waren 15% der Patienten verstorben, die meisten davon an kardiovaskulären Ursachen. Nach der Anpassung für Faktoren auf Patientenebene war ein höheres Einkommensniveau in einem Land mit einer niedrigeren Sterblichkeit nach verbunden.

Zugang zu medizinischer Versorgung ist häufig schlecht

Angesichts der INVICTUS-Studienergebnisse kritisieren Narayanan und Marijon, dass die Studie zur Krankheitslast die Entwicklung der Gesamtmortalität zu positiv und nicht realistisch einschätzt. Es wurde zu wenig berücksichtigt, dass es in vielen armen Regionen keine systematische Krankheitsüberwachung gibt, die verlässliche Daten für eine realistische Schätzung der Belastung durch die rheumatische Herzkrankheit liefern könnte.

Da die Behandlung einer rheumatischen Herzkrankheit in einkommensschwachen Ländern meist privat bezahlt werden muss, können sie Menschen mit niedrigem Einkommen nicht finanzieren. Diese Menschen suchen zudem oft erst spät ärztliche Hilfe auf, so dass wertvolle Möglichkeiten verpasst werden, das Fortschreiten der Krankheit frühzeitig aufzuhalten.

In einkommensschwachen Ländern erkranken häufig Menschen, die sich in der Leistungsphase des Lebens befinden, an der rheumatischen Herzkrankheit. Eine eingeschränkte Arbeitsfähigkeit oder eine Arbeitsunfähigkeit durch die Erkrankung begünstigt die individuelle Verarmung. Mortalität und Beeinträchtigungen durch rheumatische Herzkrankheit bei der produktivsten Bevölkerungsgruppe bedeuten auch gesamtgesellschaftlich wirtschaftliche Nachteile.

Ansatzpunkte für eine Verbesserung der Lage

Um die rheumatische Herzkrankheit effektiv und kosteneffizient in einkommensschwachen Ländern zu behandeln, ist eine schnelle Identifikation der Betroffenen und eine rechtzeitige Antibiotika-Prophylaxe zur Verhinderung oder Verlangsamung der Krankheitsprogression erforderlich.

Screening- und Kontrollprogramme für die rheumatische Herzkrankheit sollten in anderen gemeindebasierten Maßnahmen integriert werden. Um die Versorgung auch in Gebieten zu gewährleisten, in denen es nur wenige Kardiologiepraxen gibt, plädieren Narayanan und Marijon, dafür, dass Krankenschwestern, Medizinstudenten, und medizinisches Hilfspersonal, in der Durchführung vereinfachter Protokolle darin geschult werden, echokardiographischen Screenings mit tragbaren Handgeräten durchzuführen.

Autor:
Stand:
02.07.2024
Quelle:
  1. Watkins et al. (2017): Global, regional, and national burden of rheumatic heart disease, 1990-2015. New England Journal of Medicine 377(8):713–22. DOI: 10.1056/NEJMoa16036
  2. Narayanan und  Marijon (2024): Rheumatic Heart Disease—A Neglected Tragedy in Young Patients. Journal of the  American Medial Association Cardiology online DOI:10.1001/jamacardio.2024.1852
  3. Karthikeyan et al. (2024): Mortality and Morbidity in Adults With Rheumatic Heart Disease. Journal of the  American Medial Association Cardiology  online DOI:10.1001/jama.2024.8258
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