Prävention von Diabetes und Adipositas – Deutschland hat Nachholbedarf

Derzeit wird viel über die Reversibilität eines Prädiabetes diskutiert. Wichtiger wäre, es gar nicht so weit kommen zu lassen und Maßnahmen gegen Übergewicht und Adipositas zu ergreifen.

Praevention

Die Prävention von Diabetes muss vor der Veränderung des Glukosestoffwechsels ansetzen und das Diabetesrisiko frühzeitiger reduzieren, ist Professor Dr. Peter E. H. Schwarz, Inhaber der Professur für Prävention und Versorgung des Typ-2-Diabetes am Universitätsklinikum Dresden und Präsident der Internationalen Diabetes Föderation (IDF) überzeugt. Wichtige Faktoren des Diabetesrisikos sind Gewichtszunahme, Bauchumfang und körperliche Inaktivität sowie die Familienanamnese, erläuterte er anlässlich des Diabetes-Kongresses der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Berlin. Gewichtsveränderung und Lebensstil sind und bleiben die Schlüssel zur Prävention von Diabetes und Adipositas. Um den Wandel hin zu einem gesünderen Lebensstil zu schaffen, sollten Stück für Stück kleine erreichbare Ziele für mehr Bewegung und eine verbesserte Ernährung in den Alltag integriert und zur Gewohnheit werden.

Leberfett vor Glykämie  

Wenn der Glukosespiegel ansteigt, sind bereits metabolische Veränderungen eingetreten. Erhöhte Glukosesignale sind bereits eine Folge, nicht der Beginn einer metabolischen Erkrankung, erläuterte Schwarz. Eine viszerale Fettakkumulation, ein Anstieg des Leberfetts und ein Betazell-Stress mit Anstieg des Proinsulins beginnen Jahre vor den ersten gemessenen Glukoseanomalien. Deshalb ist der Beginn von Präventionsbemühungen vor Eintreten eines Prädiabetes wichtig. Dazu sollten Gewichtsdynamik und Bauchumfang als Anhaltspunkt für das viszerale Fett jährlich kontrolliert werden.

Fasten kann helfen

Fasten ist ein gutes Mittel als Rhythmusgeber für den Stoffwechsel, meinte Schwarz. Mit dem Intervallfasten über mindestens 12 Stunden pro Tag verringere sich die Insulinsekretion und die Leberfettakkumulation und die Stabilisierung des Stoffwechsels würden gefördert. Ein Fasten an ein bis zwei Tagen pro Woche kann bei Prädiabetes und Adipositas laut Schwarz den Gewichtsverlust unterstützen und die Insulinsensitivität verbessern, wenn dies mit einer verbesserten Qualität der Ernährung kombiniert wird. Ein längeres Fasten über mehrere Tage unter ärztlicher Kontrolle kann metabolische Dysfunktionen wie eine Fettleber und Insulinresistenz verbessern. Fasten ist für Schwarz das Mittel, um die klassischen Lebensstilinterventionen zu ergänzen. Es ist eine weltweit verfügbare, kostengünstige und an verschiedene Kulturen anzupassende Präventionsmaßnahme. Für Menschen, die bereits mit Diabetes leben und die eine medikamentöse Therapie erhalten, ist Fasten allerdings nur unter Vorbehalt geeignet, betonte Schwarz.

Mehr Bewegung

Zur Primärprävention sollte die körperliche Aktivität zur Verbesserung der Insulinsensitivität und für die Gesundheit allgemein mindestens 150 Minuten pro Woche umfassen. Idealerweise sollte Bewegung zur täglichen Gewohnheit werden. Bei sportlichen Aktivitäten ist auf eine Kombination von aerobem Training und Krafttraining zu achten, um Muskelmasse zu erhalten und die Gewichtsstabilität zu unterstützen.

Ernährungsempfehlungen

Pflanzenbasierte und faserreiche Kost ist wichtig. Hierzulande wird daher eine angepasste mediterrane Ernährung mit viel Gemüse, insbesondere Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten und wenig prozessierten Nahrungsmitteln empfohlen, um das Diabetesrisiko zu verringern. Zuckerhaltige Getränke sollten durch Wasser und hochprozessierte Lebensmittel durch nicht oder gering verarbeitete Lebensmittel ersetzt werden, um eine Gewichtszunahme zu verhindern.

Politik gefragt

Die Evidenz für eine Primärprävention von Adipositas und Diabetes ist vorhanden, erklärte Schwarz. Die notwendigen Maßnahmen sind klar. Notwendig sind der politische Wille, das Engagement der Gesundheitsfachkräfte und Mut, sich öffentlich für die notwendigen Aktionen einzusetzen, sagte er. Die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) setzt sich für Maßnahmen wie mehr Bewegung schon in Kindheit und Jugend, die Förderung von gesunden Lebensmitteln, die Besteuerung von adipogenen Lebensmitteln und das Verbot von an Kinder gerichteter Lebensmittelwerbung ein, berichtete Franziska Fey, Referentin Presse & Politik der DANK und DDG.

Deutschland in Europa fast Schlusslicht  

Bezüglich des Gesundheitsschutzes nimmt Deutschland nach dem Public Health Index 2025 in Europa nur Platz 17 von 18 ein. Spitzenreiter sind Großbritannien, Finnland und Irland. Diese Länder setzen mehr der wissenschaftlich empfohlenen Maßnahmen zur Förderung gesunder Lebensweisen um, beispielsweise in Form von Mindeststandards beim Schulessen, einer gesundheitsorientierten Besteuerung und einem umfassenden Kinderschutz im Marketing. Deutschland lässt viel Potenzial im Bereich der gesundheitsförderlichen Politik ungenutzt, sagte Fey.

Zuckersteuer – ein Anfang

Die Zuckersteuer war längst überfällig, betonte sie. Eigentliches Ziel ist nicht die Belastung der Konsumenten, sondern die Veränderung der Rezeptur der gesüßten Getränke durch die Hersteller, erläuterte sie. Nun soll sie ab 2028 in Deutschland eingeführt werden und der Gesetzlichen Krankenversicherung entlastend zugutekommen. Die Kommission, die Vorschläge für die Gesundheitsreform machte, schlug analog der Regelung in Großbritannien eine Staffelung der Besteuerung nach Zuckeranteil vor. Für Deutschland ist die Ausgestaltung des Gesetzes noch nicht bekannt. Klar ist, dass eine Besteuerung von mit Süßstoffen versetzen Getränken nicht vorgesehen ist. Nachbessern könne man immer noch, meinte Fey. Wichtig sei, dass ein Schritt in Richtung Regulierung getan wurde, nachdem die freiwillige Zuckerreduktion in Getränken, die seit 2018 propagiert wurde, gescheitert ist. Der Zuckergehalt von Softdrinks ist von 2018 bis 2024 in Deutschland nur um etwa 9 % gesunken, berichtete sie. In Großbritannien hat der Zuckergehalt bei Besteuerung im selben Zeitraum um etwa 46 % abgenommen und die tägliche Zuckeraufnahme aus Softdrinks hat sich bei Minderjährigen fast halbiert.

Barrieren für gesundheitsförderliche Maßnahmen

In der deutschen Politik wird viel über Prävention gesprochen, aber vergleichsweise selten gehandelt, stellte Fey fest. Probleme sind das fragmentierte deutsche Gesundheitswesen, in dem Gesundheit und Prävention nicht in einer Hand sind. Das Denken in Legislaturperioden ist problematisch, weil sich der Nutzen der Prävention erst langfristig zeigt. Zudem ist der Einfluss der Industrielobby (Tabak, Alkohol, Ernährung) groß – in den Bundestag hinein ebenso wie in der Öffentlichkeit beispielsweise bei Kampagnen gegen politische Maßnahmen wie die Zuckersteuer. Prävention beginnt im Bundestag, sagte Fey: Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen und weiter anpassen, um es allen Menschen zu erleichtern, sich gesund zu ernähren und mehr zu bewegen. 

Autor:
Stand:
05.06.2026
Quelle:
  1. Prof. Dr. Peter E. H. Schwarz: „Early Prevention of Type-2-Diabetes“,35. Mai 2026, 60. Diabetes Kongress vom 13.–16. Mai 2026 in Berlin/hybrid.
  2. Franziska Fey: „Prävention zwischen Industrieinteressen und wissenschaftlichen Argumenten, 13. Mai 2026, 60. Diabetes Kongress vom 13.–16. Mai 2026 in Berlin/hybrid.
  • Teilen
  • Teilen
  • Teilen
  • Drucken
  • Senden