Hintergrund
Nach der Einführung von Dexamethason als Standardtherapie für schwere Covid-19-Fälle wurde das Immunsuppressivum weltweit einer Vielzahl von PatientInnen verabreicht. Detaillierte Kenntnisse über die Auswirkungen auf die zelluläre und humorale Immunreaktion gegen SARS-CoV-2 sind jedoch kaum vorhanden. Ein Team um Dr. Charlotte Thibeault von der Abteilung für Infektiologie und Pneumologie an der Berliner Charité hat nun die lang- und kurzfristigen Auswirkungen des Glukokortikoids auf die Immunantwort untersucht. Die Ergebnisse der Studie sind im Wissenschaftsjournal „JCI Insight“ erschienen [1].
Covid-19-PatientInnen mit und ohne Dexamethason-Behandlung untersucht
Die Forschenden ermittelten in einer prospektiven Kohortenstudie die Konzentrationen von SARS-CoV-2-Spike-spezifischen T-Zellen, die Höhe von Spike-reaktiven IgG-Titern und die neutralisierende Aktivität des Serums gegen B.1.1.7 und B.1.617.2 in Proben von zwei Wochen bis sechs Monaten nach Symptombeginn. Unterschieden wurden dabei:
- leichte bis mittelschwere Covid-19-Verläufe
- Fälle, die vor der Einführung von Dexamethason als Standardtherapie nicht mit dem Immunsuppressivum behandelt wurden
- schwer an Covid-19 Erkrankte, die eine Dexamethason-Therapie erhalten hatten
Zudem wurde die BA.2-Neutralisierung in Seren nach einer Auffrischungsimpfung untersucht.
Beeinträchtigte Immunantwort bis zu drei Monate nach SARS-CoV-2-Infektion
Im Vergleich zu den Covid-19-PatientInnen ohne Dexamethason-Behandlung wiesen diejenigen, die während der akuten Krankheitsphase das Immunsuppressivum erhalten hatten, veränderte Konzentrationen von C-reaktivem Protein (CRP), Procalcitonin (PCT), Interleukin-6 (IL-6), Lactatdehydrogenase (LDH) und neutrophilen Granulozyten auf.
Weiterhin war eine Dexamethason-Therapie während der akuten Covid-19-Phase und bis zu drei Monate danach mit vorübergehend niedrigeren Konzentrationen an CD4+-T-Zellen, die auf das SARS-CoV-2-Spike-Protein reagieren, assoziiert.
Der Einfluss des Glukokortikoids auf CD8+-T-Zellen war weniger stark ausgeprägt. Das könnte aber dem Probenmaterial geschuldet sein, so die Forschenden.
Überdies war eine Dexamethason-Behandlung bis zu einem Monat nach der Infektion mit niedrigeren RBD-bindenden IgG-Titern und weniger neutralisierenden Antikörpern verbunden.
Veränderungen nur kurzfristig
Der in der Studie ermittelte immunsuppressive Effekt einer Dexamethason-Behandlung bei schweren Covid-19-Verläufen hielt glücklicherweise nur kurzfristig an. Sechs Monate nach der Coronainfektion glich sich der Unterschied zwischen den Gruppen weitestgehend aus.
Auffälligkeiten bei Entzündungsmarkern und neutralisierenden Antikörpern
Darüber hinaus gab es während der akuten Krankheitsphase Unterschiede bei den Markern für Entzündungen und Gewebeschäden. PatientInnen mit leichten Verläufen zeigten eine kürzer anhaltende adaptive Immunantwort als solche, die schwer an Covid-19 erkrankt waren. Dies wurde bereits früher beschrieben, so das Autorenteam.
Bemerkenswert sei außerdem, dass 40% der leicht Betroffenen ab dem dritten Monat keine neutralisierenden Antikörper gegen die Delta-Variante mehr aufwiesen. Das spräche für den Nutzen einer frühen Covid-19-Impfung nach der Erkrankung, folgern Thibeault und KollegInnen.
Effizienz der Hybridimmunität bestätigt
Die Arbeit belegte auch den Nutzen der hybriden Immunität, also den Schutz durch die Covid-19-Impfung gepaart mit einer natürlichen SARS-CoV-2-Infektion. So reagierten schwer an Covid-19 erkrankte PatientInnen mit einer signifikant stärkeren Immunreaktion auf eine erste Auffrischimpfung als leicht betroffene Genesene und doppelt geimpfte gesunde Personen.
Die neutralisierende Aktivität des Serums war unabhängig von einer Glukokortikoid-Behandlung ähnlich hoch. Das legt nahe, das Dexamethason die B- und T-Zell-vermittelte Immunität gegen das Coronavirus nicht langfristig schwächt, heißt es in der Studienpublikation.










