Immer wieder werden Studien zum Einfluss von Alkohol auf das Risko von Migräne und anderen primären Kopfschmerzerkrankungen wie Spannungskopfschmerzen oder Clusterkopfschmerzen publiziert. In einer systematischen Literaturübersicht von Hindiyeh und Kollegen wurden 20 Studien zu Triggerfaktoren der Migräne über die Ernährung identifiziert [1]. Hierbei zeigte sich Alkohol, besonders Rotwein, als wichtigster Triggerfaktor. Insgesamt ist die Evidenzlage jedoch nach wie vor unklar.
Neue Studie zur Rolle von Alkohol als Migränetrigger
Um den Einfluss von Alkohol auf das Migränerisiko und das Risiko anderer Kopfschmerzerkrankungen zu untersuchen, führte eine Team um Erstautor Dr. Bartłomiej Błaszczyk von der Wroclaw Medical University in Polen eine systematische Literaturübersicht und Metaanalyse durch [2].
Zur Analyse des Alkoholkonsums von Patienten mit Kopfschmerzerkrankungen und um den Einfluss des Alkoholkonsums auf das Kopfschmerzrisiko zu evaluieren, führten die Forscher eine Literatursuche in den Datenbanken PubMed, Embase and Web of Science durch. In den Studien waren Kopfschmerzpatienten inkludiert, die Alkohol konsumierten und Kopfschmerzpatienten, die Alkohol mieden. Gruppen mit gesunden Kontrollen, welche ebenfalls Alkohol tranken oder nicht, wurden auch inkludiert. Das Bias-Risiko der Studien wurde mithilfe des Joanna Briggs Institute critical appraisal-Tools beurteilt.
Alkoholkonsum in Studie mit geringerem Migränerisiko assoziiert
In die Auswertung gingen 19 Studien mit insgesamt 126.173 Migräne-Patienten ein. Dabei zeigte sich das Migränerisiko bei Personen, die Alkohol konsumierten, um 1,5fach reduziert im Vergleich zu Migräne-Patienten, die auf Alkohol verzichteten (Risikoreduktion [RR] 0,71; 95% Konfidenzintervall [KI] 0,57 bis 0,89).
Einfluss von Alkohol auf andere Kopfschmerzerkrankungen
Die Forscher analysierten auch neun Studien mit 28.715 Teilnehmern mit Spannungskopfschmerzen. Hier konnte kein Zusammenhang zwischen der primären Kopfschmerzerkrankung und dem Alkoholkonsum hergestellt werden (RR 1,09; 95%-KI 0,93 bis 1,27). Zwei Studien zum Risiko von Clusterkopfschmerz durch Alkoholkonsum lieferten keine schlüssigen Ergebnisse.
Limitationen der Studie
Der Großteil der inkludierten Studien wies ein moderates bis hohes Verzerrungsrisiko auf. Die meisten Studien unterschieden nicht zwischen Migräne mit und ohne Aura, so dass diesbezüglich keine Ergebnisse generiert werden konnten. Weiterhin sind erhobene Daten zum Alkoholkonsum immer von der ehrlichen Auskunft der Befragten abhängig, so dass hier Verzerrungen ebenfalls nicht ausgeschlossen werden können.
Studienergebnisse mit Vorsicht interpretieren
Die Ergebnisse dieser Metaanalyse und systematischen Literaturübersicht zeigen ein reduziertes Migränerisiko durch Alkoholkonsum. Die Autoren raten dazu, diese Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren. Vermutlich zeigte sich diese Assoziation, weil Migräne-Patienten eher auf Alkohol verzichten. Man solle daraus nicht ableiten, dass Alkohol das Migränerisiko reduziert, so Błaszczyk et al.
Aus den in dieser Studie identifizierten Limitationen leiten die Forscher Handlungsempfehlungen für zukünftige Studien ab. So sollten in zukünftigen Erhebungen die konsumierte Alkoholmenge, eine nähere Charakterisierung von Migräne und anderen Kopfschmerzerkrankungen in Subtypen sowie das Geschlecht und die Art des konsumierten Alkohols berücksichtigt werden.
Fazit für die Praxis
Bis eindeutige Ergebnisse zum Einfluss von Alkohol auf das Risiko von Migräne und anderen Kopfschmerzerkrankungen vorliegen, sollte Alkohol von Betroffenen weiter gemieden werden. Das ist auch nach wie vor die Empfehlung in der S1-Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“ [3].



