Anstieg von Parkinson-Fällen durch Schadstoffe?

Die Prävalenz von Parkinson nimmt in einem Ausmaß zu, das nicht mehr allein durch die zunehmende Alterung der Gesellschaft erklärt werden kann. Welche Rolle Umweltschadstoffe wie das Lösungsmittel Trichlorethylen spielen, wurde aktuell untersucht.

Gefahrstoffzeichen

Neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson und Demenz nehmen zu. Dieser Anstieg in der Prävalenz neurodegenerativer Erkrankungen ist in Teilen, aber nicht ausschließlich, durch eine zunehmend älter werdende Bevölkerung gerade in den westlichen Industrienationen bedingt. Daneben spielen genetische Einflüsse und modifizierbare Lebensstilfaktoren wie Ernährung, Rauchen, Bewegung und Bildungsstand eine Rolle. Seit 2020 zählt der Faktor Luftverschmutzung zu den zwölf modifizierbaren Risikofaktoren für Demenz. Zur Rolle von Umweltschadstoffen bei der Entstehung von Parkinson wurde nun eine Studie im Fachjournal JAMA Neurology publiziert.

Studie untersucht Einfluss von Trichlorethylen auf Parkinson-Risiko

Ein Team um Dr. Samuel Goldman von der University of California in San Francisco untersuchte in einer Studie das Parkinson-Risiko von US-Veteranen eines Marine-Stützpunktes, die dem Lösungsmittel Trichlorethylen (TCE) und anderen volatilen organischen Lösungsmitteln ausgesetzt waren und verglich die Prävalenz-Zahlen mit einer nicht exponierten Kohorte [1].

Parkinson-Risiko in zwei Kohorten mit über 300.000 Teilnehmern

Diese bevölkerungsbasierte Kohortenstudie untersuchte das Parkinson-Risiko von US-Veteranen, die zwischen 1975 und 1985 für mindestens drei Monate im Camp Lejeune in North Carolina oder im Camp Pendleton in Kalifornien stationiert waren. Die 172.128 Teilnehmer von Camp Lejeune waren kontaminiertem Trinkwasser ausgesetzt, wobei die höchsten Konzentrationen TCE betrafen und die zulässige Höchstmenge um das 70-fache überstiegen. Neben TCE waren weitere volatile organische Lösungsmittel im Trinkwasser vorhanden. Die 168.361 Teilnehmer aus dem kalifornischen Camp Pendleton dienten als Kontrollgruppe, das Trinkwasser in diesem Camp war nicht kontaminiert. Die Nachbeobachtung erfolgte im Zeitraum Januar 1997 bis Februar 2021.

Parkinson-Risiko unter TCE 70% höher

Dem Team um Goldman lagen die Daten von 158.122 (46,4%) Veteranen vor. Die demographischen Charakteristika zwischen den Teilnehmern aus Camp Lejeune und Camp Pendleton waren vergleichbar (mittleres Alter bei Nachuntersuchung 59 Jahre; 94,7% bzw. 96,2% männlich). Bei 430 Teilnehmern war Parkinson diagnostiziert worden. Der Großteil der Parkinson-Erkrankten stammte aus Camp Lejeune (279, Prävalenz 0,33%). Im kalifornischen Camp Pendleton, in welchem das Trinkwasser nicht kontaminiert war, erhielten 151 Personen eine Parkinson-Diagnose (Prävalenz 0,21%). Im Vergleich beider Gruppen in multivariablen Rechenmodellen war das Parkinson-Risiko bei den Veteranen aus Camp Lejeune, die TCE und anderen Lösungsmitteln ausgesetzt waren, um 70% erhöht (Odds Ratio 1,70; 95% Konfidenzintervall 1,39 bis 2,07; p < 0,001).

Frühe Parkinson-Anzeichen unter TCE häufiger

Neben dem allgemein erhöhten Parkinson-Risiko der Camp Lejeune-Veteranen zeigten diese auch ein um 15% erhöhtes kumulatives Risiko für Parkinson-Prodromi wie Tremor, Angsterkrankungen und erektile Dysfunktion. Das Risiko für andere neurodegenerative Erkrankungen war in dieser Kohortenstudie nicht erhöht.

Erhöhtes Parkinson-Risiko Jahrzehnte nach TCE-Exposition

Die Studienergebnisse zeigen ein deutlich erhöhtes Risiko für Parkinson nach Kontakt mit TCE und anderen volatilen organischen Lösungsmitteln Jahrzehnte nach der Exposition.

„Die Auswirkung von Umwelttoxinen wie TCE auf das Parkinson-Risiko zu erforschen, ist ausgesprochen wichtig“, erklärt Prof. Dr. med. Daniela Berg, Kiel, stellvertretende Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie [2]. Auch wenn eine Kohortenstudie keine Aussagen über direkte kausale Zusammenhänge zulässt, ist die Sichtung und Analyse solcher Daten bedeutsam, da weltweit Millionen von Menschen TCE in Luft, Wasser und der Nahrung ausgesetzt sind.

Quelle:
  1. Goldman et al. (2023): Risk of Parkinson Disease Among Service Members at Marine Corps Base Camp Lejeune. JAMA Neurology, DOI: 10.1001/jamaneurol.2023.1168
  2. Deutsche Gesellschaf für Neurologie, Pressemeldung, 24.05.2023; abgerufen am 31.05.2023
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