Epidemiologie und Vortherapien bei chronischen Rückenschmerzen in Deutschland

Chronische Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden in der Bevölkerung. Eine aktuelle Publikation zur Berliner Rückenstudie analysierte die Daten von über 1.200 Teilnehmern und liefert neue Erkenntnisse zu Schmerzcharakteristika, Behandlungsverläufen und Therapieeffizienz.

Rückenschmerzen unterer Rücken

Chronische Rückenschmerzen als gesellschaftliche und medizinische Herausforderung

"Chronische Rückenschmerzen gehören weltweit zu den Hauptursachen für Arbeitsunfähigkeit und eingeschränkte Lebensqualität. In Deutschland sind laut aktuellen Erhebungen bis zu 20 % der Erwachsenen von langanhaltenden Beschwerden betroffen. Trotz zahlreicher Therapieansätze gestaltet sich die Behandlung schwierig, da die zugrunde liegenden Mechanismen multifaktoriell sind und stark zwischen den Individuen variieren. Fehlende Biomarker und die subjektive Schmerzempfindung erschweren die Diagnostik zusätzlich.

Ziel und Studiendesign der Berliner Rückenstudie

Die Untersuchung der Charité – Universitätsmedizin Berlin hatte zum Ziel, epidemiologische und therapeutische Merkmale von Patienten mit chronischem und intermittierendem Rückenschmerz systematisch zu erfassen.

Die Ergebnisse der laufenden prospektiven Querschnittsstudie (Januar 2022 bis April 2024) mit 1.262 Erwachsenen im Alter von 18 bis 72 Jahren wurden nun veröffentlichtNeben einer klinischen Untersuchung wurden standardisierte Schmerzfragebögen (u. a. nach von Korff) und anamnestische Daten zu Vorerkrankungen, Schmerzlokalisation und bisherigen Therapien erhoben.

Fast 40 % der Teilnehmer mit chronischen Rückenschmerzen

Von den Teilnehmenden litten 38 % an chronischem Rückenschmerz, 26 % an intermittierendem und 27 % an keinem Rückenschmerz. Chronisch Betroffene waren im Durchschnitt älter, wiesen jedoch keine signifikanten Unterschiede in Geschlecht oder Body-Mass-Index auf.

Schmerzintensität bei chronischen Rückenschmerzen

Die mediane aktuelle Schmerzintensität bei chronischem lumbalem Rückenschmerz (cLBP) lag bei 3 auf der numerischen Rating-Skala (NRS 0 = kein Schmerz, 10 = stärkster vorstellbarer Schmerz), die stärkste Schmerzepisode der letzten drei Monate bei 7. Im Vergleich dazu berichteten Personen mit intermittierendem Schmerz (iLBP) deutlich niedrigere Werte. Die charakteristische Schmerzintensität (CPI) betrug 43 bei cLBP und 30 bei iLBP.

Lumbale Rückenschmerzen meist von kürzerer Dauer

Die mittlere Beschwerdedauer betrug bei chronisch Betroffenen acht Jahre, bei intermittierenden Schmerzen sieben Jahre. Besonders auffällig war die kürzere Schmerzpersistenz bei rein lumbalen Beschwerden (Median 5 Jahre) im Vergleich zu Patienten mit multiplen Schmerzlokalisationen (Median 10 Jahre). Diese Ergebnisse deuten auf eine klinisch relevante Heterogenität innerhalb des Diagnosebegriffs „chronischer Rückenschmerz“ hin.

Häufigste Vorbehandlung: Physiotherapie 

Physiotherapie war mit 72 % die am häufigsten angewandte Behandlungsform bei chronischen Rückenschmerzen, gefolgt von therapeutischen Infiltrationen und Akupunktur. Dennoch berichteten viele Betroffene über einen unzureichenden oder nur teilweisen Therapieerfolg.

Patienten mit cLBP hatten signifikant mehr Therapieversuche (Median: zwei Behandlungen) als Patienten mit iLBP (Median: eine Behandlung). Therapeutische Infiltrationen zeigten insbesondere bei intermittierendem Schmerz eine höhere Wirksamkeit, was auf den möglichen Nutzen frühzeitiger Interventionen hinweist.

Schmerzmedikation und Nutzungsmuster

Die regelmäßige Anwendung von Analgetika war selten. Rund ein Drittel der cLBP-Patienten verzichtete gänzlich auf Schmerzmittel, 56 % verwendeten sie bedarfsweise. Ibuprofen war mit 79 % das am häufigsten genutzte Medikament, gefolgt von Paracetamol, Metamizol und Diclofenac.

Personalisierte und multimodale Therapiekonzepte bei Rückenschmerzen erforderlich

Die Studie belegt, dass der Begriff „chronischer Rückenschmerz“ ein heterogenes Spektrum beschreibt, das sich weder durch Schmerzintensität noch durch Dauer klar abgrenzen lässt. Vielmehr sind psychosoziale und individuelle Faktoren für die Schmerzchronifizierung entscheidend.

Die hohe Anzahl erfolgloser oder nur partiell wirksamer Behandlungen unterstreicht die Notwendigkeit personalisierter, multimodaler Therapiekonzepte. Eine frühzeitige Diagnostik sowie gezielte Präventionsstrategien könnten den Übergang von akuten zu chronischen Verläufen verhindern.

Differenzierte Daten zur Heterogenität von Rückenschmerzen und Ausblick

Die Ergebnisse der Berliner Rückenstudie liefern wertvolle Daten zur Differenzierung von Schmerztypen und Therapieverläufen. Für die klinische Praxis bedeutet dies: Eine pauschale Behandlung chronischer Rückenschmerzen ist nicht zielführend.

Zukünftige Forschung sollte sich auf die Subklassifikation von Schmerzmustern konzentrieren, um evidenzbasierte und individualisierte Behandlungsstrategien zu ermöglichen. Nur so lässt sich die Versorgung von Patienten mit chronischem Rückenschmerz langfristig verbessern.

Autor:
Stand:
27.10.2025
Quelle:

Hoehl et al. (2025): Detailed Analysis of Back Pain: A Cross-Sectional Study of Epidemiology and Previous Therapies in a German Population. Pain Practice, DOI: 10.1111/papr.70072

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