Hintergrund
Eine Forschungsgruppe der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) hat erforscht, wie lange Menschen nach einer Covid-19-Erkrankung von Post-Covid-Symptomen beeinträchtigt werden. Oft gehen die Beschwerden innerhalb eines Jahres zurück – das gilt aber nicht für alle Erkrankten, heißt es in einer Pressemitteilung der Charité [1]. Um den langfristigen Verlauf der Erkrankung besser zu verstehen, haben sie mehr als 100 Patienten mit diagnostiziertem Post-Covid-Syndrom (PCS) über 20 Monate hinweg untersucht.
Am Ende des Beobachtungszeitraums bestand vor allem bei Personen mit Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) noch eine Fatigue und Belastungsintoleranz. Auffallend war, dass eine geringere Griffstärke zu Beginn der Studie mit einer stärkeren Persistenz der Beschwerden assoziiert war. Die Ergebnisse der Studie wurden im Fachjournal "eClinicalMedicine" veröffentlicht [2].
Studiendesign und Teilnehmer
Die prospektive Kohortenstudie umfasste 106 Menschen, die zuvor eine milde bis moderate, durch PCR bestätigte Covid-19-Infektion durchgemacht hatten und später ein Post-Covid-Syndrom (PCS) entwickelten. Die Teilnehmenden litten noch sechs Monate nach der SARS-CoV-2-Infektion an einer ausgeprägten Fatigue und stark reduzierten Belastbarkeit. 55 Probanden erfüllten neben den Diagnosekriterien für ein PCS auch die Canadian Consensus Criteria für ein ME/CFS.
Die Probanden wurden zu drei verschiedenen Zeitpunkten untersucht: im Abstand von drei bis acht, neun bis 16 und 17 bis 20 Monaten nach der Coronainfektion. Die Untersuchungen umfassten Fragebögen, funktionelle Tests und Laboranalysen.
Langfristige Auswirkungen und Handkraft als Indikator
Schon im vergangenen Jahr wurde deutlich, dass sich bei den Post-Covid-Betroffenen mit stark eingeschränkter Belastbarkeit zwei Gruppen abgrenzen lassen. Ein Teil entspricht dem vollen Bild des ME/CFS. Die zweite Gruppe weist ähnliche Symptome auf, jedoch sind ihre Beschwerden nach körperlicher Anstrengung in der Regel weniger ausgeprägt und von kürzerer Dauer [3].
In der aktuellen Studie blieben die meisten Probanden mit einem diagnostizierten ME/CFS über den gesamten Studienzeitraum schwer beeinträchtigt. Nur sieben der 55 ME/CFS-Erkrankten zeigten einen Rückgang der Beschwerden. Eine Erklärung dafür gäbe es allerdings noch nicht, merkt Dr. Bellmann-Strobl, Letztautorin der Studie und Oberärztin der Hochschulambulanz für Neuroimmunologie des Experimental and Clinical Research Center (ECRC), an [1].
In der PCS-Untergruppe ohne ME/CFS ließ die Fatigue über die Zeit hinweg etwas nach. Verbesserungen waren auch bezüglich des allgemeinen Krankheitsgefühls, der emotionalen Verfassung, funktionellen Einschränkungen, Schmerzen und Konzentrationsstörungen zu verzeichnen. Die Belastbarkeit stieg bei einigen Betroffenen so weit an, dass sie wieder einer Arbeit nachgehen konnten.
Die inflammatorischen Biomarker gingen bei beiden Patientengruppen innerhalb des 20-monatigen Beobachtungszeitraum zurück, nicht jedoch die antinukleären Antikörper. Dies unterstreicht die Hypothese, dass PCS und ME/CFS von autoimmunreaktiven Prozessen beeinflusst wird.
Griffstärke als Prognosemarker?
Die Forschenden machten eine weitere interessante Beobachtung, die möglicherweise dazu beitragen kann, den Verlauf von Post-Covid-Erkrankungen vorherzusagen: Patienten, die zu Beginn der Krankheit mehr Kraft in den Händen hatten, wiesen bis zu 20 Monate später weniger ausgeprägte Symptome auf. Eine initial geringere Griffstärke war hingegen mit längeren Beeinträchtigungen assoziiert.
„Die Handkraft war nicht nur ein Parameter für die Schwere der Erkrankung zu Beginn, sondern konnte auch vorhersagen, wie sich die ME/CFS-Erkrankung weiter entwickeln wird“, erklärt Prof. Dr. Carmen Scheibenbogen, kommissarische Direktorin des Instituts für Medizinische Immunologie der Charité und Leiterin des Charité Fatigue Centrums. Bevor die Handkraft aber als prognostischer Marker genutzt werden kann, müsse die Aussagekraft jedoch mit weiteren Studien bestätigt werden.
Ressourcenmanagement durch Pacing
Noch gibt es keine kausalen Therapien, mit der Menschen mit Post-Covid-Syndrom und/oder ME/CFS behandelt werden können. Die Patienten sollten ihre Energieressourcen durch die Methode des sogenannten "Pacing" sorgfältig managen und Überanstrengung vermeiden. Unterstützende Hilfsmittel sind beispielsweise Schrittzähler, Herzfrequenzmesser, ein Aktivitätstagebuch und Entspannungsübungen. „Durch das Pacing lässt sich die Postexertionelle Malaise (PEM), eine Verschlechterung des Zustands, verhindern. Je besser Betroffene das Pacing beherrschen, desto weniger Beschwerden haben sie durch ihre Erkrankung“, macht Bellmann-Strobl deutlich.




