Die Wirksamkeit von deprexis bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS) und Depression hatte bereits eine Vorstudie mit 90 Patienten gezeigt, berichtete Professor Dr. Christoph Heesen, Facharzt für Neurologie am Institut für Neuroimmunologie und Multiple Sklerose am Universitätskrankenhaus Hamburg Eppendorf [1,2]. Für die aktuelle randomisiert-kontrollierte Studie wurde das Programm um spezifische Aspekte bei Multipler Sklerose, drei Booster für den langfristigen Erhalt der Wirksamkeit und dynamische Dialoge ergänzt, die eine Verhaltenstherapie noch besser simulieren sollten [3].
Randomisiert-kontrollierte Studie mit MS-spezifischem Programm
Dieses amiria-Programm wurde an fünf Zentren in Deutschland und den USA bei Patienten mit diagnostizierter Multipler Sklerose und depressiven Symptomen im Screening mit dem Beck-Depressions-Inventar eingesetzt.
Im Mittel waren die Patienten seit zehn bis elf Jahren an Multipler Sklerose erkrankt und hatten zu mehr als der Hälfte die Diagnose einer Major Depression. Ein Drittel der 279 Patienten erhielt über drei Monate eine internetbasierte kognitive Verhaltenstherapie mit amiria alleine, ein Drittel amiria mit Unterstützung eines Therapeuten und ein Drittel kam auf eine Warteliste als Kontrollbedingung.
Als primärer Endpunkt wurde der BDI-II-Wert in Woche 12 nach Randomisierung ermittelt.
Sehr hohe Effektstärke für internet-basierte kognitive Verhaltenstherapie
Während der BDI-II-Wert in der Kontrollgruppe über die Zeit weitgehend gleich blieb, besserte er sich in beiden amiria-Gruppen deutlich und gegenüber den Kontrollen signifikant. Der Unterschied zwischen amiria alleine und der Kontrollgruppe war dabei unerwarteterweise mit 6,32 Punkten (p<0,0001) keineswegs geringer ausgeprägt als bei amiria mit therapeutischer Unterstützung (5,8 Punkte, p<0,0001 vs. Placebo).
Dabei wurde eine ebenfalls nicht in diesem Ausmaß erwartete Effektstärke der amira-Therapie von d=0,97 erreicht, wie Heesen anlässlich des DGN-Kongresses 2023 berichtete. Auch die Veränderung nach zwölf Wochen gemessen mit der Montgomery–Åsberg Depression Rating Scale (MADRS) belegte für beide Gruppen mit internet-basierter kognitiver Verhaltenstherapie einen signifikanten Vorteil gegenüber der Kontrollgruppe.
Keine bedenklichen Sicherheitssignale
Bei der Anwendung von Amiria, unabhängig davon, ob mit therapeutischer Unterstützung oder ohne, wurden keine signifikanten Fälle von Suizidgedanken, Suizidversuchen oder psychiatrischen Hospitalisierungen beobachtet. Bei vier Patienten kam es zu einer Verschlechterung der depressiven Symptome, am deutlichsten allerdings in der Kontrollgruppe, betonte Heesen. Die häufigsten anderen unerwünschten Effekte in der Studie waren Schmerzen bei 14 Teilnehmern, ebenfalls am häufigsten in der Kontrollgruppe.
Wirkung hält an
Bis zum sechsten Monat, also drei Monate nach Abschluss der Therapie, konnte ein signifikanter Effekt der Behandlung mit Amiria, sowohl mit als auch ohne therapeutische Unterstützung, auf depressive Symptome im Vergleich zur Kontrollgruppe nachgewiesen werden. Auch in der Langzeitbeobachtung war die Effektstärke von amiria ohne Unterstützung besonders groß (d=0,88). Überraschenderweise zeigte sich jedoch kein Effekt der sogenannten Booster-Sitzungen auf die langfristige Wirksamkeit der Therapie. (H2) Positives Fazit
Die internetbasierte antidepressive Therapie mit Amiria hat sich als eine wirksame und sichere Methode erwiesen, um depressive Beschwerden bei Patienten mit Multipler Sklerose zu lindern, auch ohne begleitende therapeutische Unterstützung. Dies fasste Heesen zusammen und ergänzte, dass sich durch diese Therapie auch die Lebensqualität der Patienten verbessert habe, allerdings ohne einen signifikanten Einfluss auf Fatigue.
Die Effektstärken der internetbasierten kognitiven Verhaltenstherapie waren sehr hoch und es scheint, dass die Therapie auch drei Monate über das Behandlungsende hinaus Effekte zeigt, ohne dass dazu Boostersitzungen notwendig sind.
Internetbasierte Therapie nutzen!
Damit ist die Integration der internetbasierten antidepressiven kognitiven Verhaltenstherapie in die Versorgung und in die Leitlinien angezeigt. Der Anbieter von amiria, die GAIA AG in Hamburg, überlege noch, ob diese Applikation auch als digitale Gesundheitsanwendung DiGA registriert werden soll, berichtete Heesen. Das bereits als DiGA zugelassene Programm deprexis, auf der amiria aufbaut, kann bereits zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden.
Die Studie ist auf ClinicalTrials.gov unter der Nummer NCT02740361 registriert. Sie wurde von der Charite Universitätsmedizin in Berlin und der National Multiple Sclerosis Society (USA) finanziert.




